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Wohin mit den Alten? - Antworten aus der Sicht der Enkel
Tagung in Bad Herrenalb (Evang. Akademie), April 05

Alte Menschen im Verbund der Generationen stehen im Zentrum meiner Ausführungen, denn in keiner Gesellschaft geschieht Altwerden im luftleeren Raum, sondern immer innerhalb des Verbundes verschiedener Generationen. Mein Interesse gilt der Dreigenerationenfamilie, denn sie ist die Form der Großfamilie, welche durch die gestiegene Lebenserwartung älterer Menschen heute über viele Jahre möglich wird. Wenn ich von Großfamilie spreche, habe ich jedoch nicht das Bild dreier Generationen, die unter einem Dach wohnen, vor Augen, sondern die Vielfalt von Wohnmöglichkeiten unserer mobilen Welt. Im ersten Teil meiner Ausführungen werde ich über die Sicht der mittleren Generation auf das Älterwerden der eigenen Eltern referieren. Da das Generationenproblem eine olle Kamelle ist, und Menschen überall und zu jeder Zeit auf den Nägeln brannte, werde ich anhand von Märchen belegen, welche typischen Haltungen und Denkmuster im Verhältnis der drei Generationen tradiert wurden.

1.  Werft die Alten hinaus

Das ist nicht der Slogan eines Stadtkämmerers, sondern ein Typus im Verzeichnis der Märchen, der ebenso weit verbreitet ist wie die Geschichten mit dem erschreckenden Tatbestand von der Ermordung der Greise. Alle diese Erzählungen sind nach demselben Aufbau gestrickt:

„Wieder einmal erlässt ein Herrscher das Gebot: „Werft die Alten hinaus". Alle Männer und Frauen, die über 70 Jahre alt sind, müssen deshalb in die Berge gebracht werden, um dort zu sterben. Für die Gemeinschaft sind sie eine nicht mehr zumutbare Belastung. Sie essen einfach zu viel, taugen zu nichts mehr, belasten den Etat und sind eine Provokation für die herrschende Altersgruppe, die Angst um die Sicherung der eigenen Existenz hat. Der Exodus wird oft so geschildert, dass die Söhne die alten Väter aus der Stadt hinaustragen. Sie tragen buchstäblich die Last des Alters auf ihrem Rücken zur Stadt hinaus. Ihr Ziel ist das Tal des Todes oder, wie in Japan, der heilige Berg Narayama. Die Alten werden ausgesetzt; manchmal bekommen sie noch einen kleinen Mundvorrat und warten auf den Tod."

Meist sind es die Vertreter der mittleren Generation, welche diesen Dienst an der Gemeinschaft tun müssen. Doch gibt es ein japanisches Märchen „Gosaku und seine Großmutter", wo der Enkel die Großmutter in die Berge bringt. Dieses Märchen ist ein einziges Loblied auf die besondere Beziehung der beiden Generationen, die in einem ständigen Dialog miteinander sind und darauf hinweisen, es ist an der Zeit, dass die alten Rentnergesetze dem veränderten Bewusstsein entsprechen.

Als Kriterium für den Abtransport wird oft das Alter von siebzig Jahren angegeben. In einem mongolischen Märchen wird Genaueres erzählt, denn dort sieht ein Gesetz vor, dass alle alten Männer und Frauen getötet werden sollen, sobald sie nicht mehr in der Lage sind, ein einjähriges Kalb am Schwanz fest zu halten. Da es damals noch keine Fitnesskurse für alte Menschen gab, wussten die Alten, dass ihr Lebensende nahe war.

Immer geht es um die gebrechliche Seite des Alters, mit der die mittlere Generation Schwierigkeiten hat, weil sie nun den Umgang mit den Alten als eine lästige Beziehung erleben. Im folgenden Märchen „Das lästige Alter" aus Lappland wird das sehr deutlich dargestellt.

Es wird erzählt, wie schwer es 7 Söhne und ihren Frauen fällt, mit dem fortschreitenden körperlichen und geistigen Abbau ihres Vaters zurecht zu kommen. Sie können die Anwesenheit des bresthaften Vaters nur eine begrenzte Zeit ertragen. Er muss deshalb mit seinem armseligen Bündel von einer Sohnesfamilie zur nächsten ziehen, bis er bei der siebten durch den Tod von seinem Leiden erlöst wird.

Irgendwann setzt sich eine veränderte Bewusstseinshaltung dem Alter gegenüber durch, die sich in Geschichten wie der folgenden aus Portugal zeigt:

Gegen den Brauch, die Alten auszusetzen, versteckt ein Sohn seinen Vater, denn er liebt ihn. Als der König des Landes nächtens von einem Alp, der durchs Fenster bricht, gequält wird, verspricht er dem, der ihn von diesem Dämon befreit, dass er einen Wunsch frei hat. Der Vater gibt seinem Sohn einen Rat. Der König solle in einem Raum schlafen, in dem es nur ein einziges Fenster gibt. Das Fenster aber müsse zerschlagen werden und nahebei müsse ein Spiegel angebracht werden. Der Sohn tut, was der Vater geheißen.
Als der Dämon in der Nacht erscheint und sich über das bereits zerschlagene Fenster wundert, erblickt er sich selber im Spiegel. Der Dämon glaubt, ein anderer sei ihm zuvor gekommen und verschwindet für immer. Der junge Mann aber, nach dem Wunsch gefragt, bittet, die Alten zukünftig nicht mehr auszusetzen. Den guten Rat habe sein Vater gegeben. Der König erkennt, dass man die Alten braucht. Seitdem behält man die Alten im Lande.

Der Dämon wird erschlagen, die gute Beziehung zum Vater verinnerlicht. Dem Durchbruch des Hasses der Söhne auf die Väter widersteht einer, weil er sich die innere Zwiesprache mit dem Vater bewahrt. Letztendlich ist es die lebendige Bezogenheit, die beide Generationen zusammenhält und selbst in der Stunde der Todesnähe den Humor nicht vergisst. So fängt ein alter Vater auf dem Rücken seines Sohnes plötzlich an zu lachen und meint: „Ich lache, weil es doch noch gar nicht lange her ist, dass ich an deiner Stelle war." Hier hält der alte Mensch dem Jungen einen Spiegel vor, sodass dieser den Kreislauf des Lebens in seiner natürlichen Abfolge akzeptiert und danach den Vater wieder zurück in die Stadt trägt.

Es scheint ja nun, als ob alles paletti sei. Das jedoch ist ein Trugschluss, denn die Märchen tischen uns neue Varianten aus dem Problemfeld des Alters auf. Allerdings verändert sich der bisher recht grausame Tenor, weil durch das Auftauchen der Enkelkinder eine neue Beziehung im Dreigenerationenverbund ihre Kraft entfaltet. Was sich in den folgenden Geschichten ereignet entspringt nicht großelterlichem Wunschdenken, sondern spiegelt die besondere Beziehung zwischen den Jungen und Alten. Die Enkel handeln dabei als autonome Vermittler zwischen der mittleren und älteren Generation, deren Zusammenleben gestört ist.

2.  Enkelkinder als autonome Vermittler zwischen Eltern und Großeltern

Es wird erzählt:

Ein reicher Mann übergibt seine ganze Habe an seinen jungen Sohn mit der Auflage, ihn auch im Alter zu versorgen. Doch die Sache läuft nicht, wie geplant, denn nach der Hochzeit des Sohnes beginnt der Abstieg des Vaters. Er muss unter der Treppe neben dem Schweinestall wohnen. Als sein Enkelkind größer geworden ist, bringt dieser ihm jeden Tag sein Essen und Trinken. Doch als der Winter kommt, friert der Großvater und verlangt nach einer Decke. Der Enkel geht nun als Bittsteller zu seinem Vater und sieht erstaunt zu, wie dieser Knauser die Decke in zwei Hälften schneidet. Er will dem alten frierenden Vater also nur eine Hälfte geben. Doch damit ist der Enkel nun gar nicht einverstanden, denn erbittet seinen Vater, er möge ihm doch den abgetrennten Teil geben. Was will das Kind mit der Decke? Es braucht sie nicht für sich, sondern will sie aufheben, bis die Zeit gekommen ist und aus dem Vater ein alter Mann geworden ist.

Ist das nicht ganz schön frech und kühn? Da hält der Vertreter der jüngsten Generation dem Vater einen Spiegel vor und zwingt ihn, den Gesetzmäßigkeiten des Lebens ins Gesicht zu sehen. Die Moral dieser und der folgenden Geschichten findet sich bei Walther von der Vogelweide. Er sagt, „dass unsre Kinder uns heimzahlen, was wir an unseren Eltern verbrechen." Sitzen wir nicht alle in einem Boot, und heißt nicht der Name des Bootes Zeit? Ausgerechnet die Jüngsten in der Familie, die noch am längsten zu leben haben, sagen den älteren, was Sache ist. Vielleicht haben sie am wenigsten Angst vor dem Alter, schließlich stehen sie am Anfang ihres Lebens.

In einer indischen Fassung wird folgendes erzählt:

Der einst wohlhabende alte Vater wohnt in einem Winkel des Hauses. Er bittet seinen Sohn um ein wärmendes Gewand. Doch dieser gibt ihm eine drastische Antwort: „Für einen Greisen, dessen Gattin gestorben ist, der in Bezug auf Geld von seinen Söhnen abhängig ist, der von den Worten der Schwiegertochter gebissen wird, ist der Tod besser als das Leben!" Der junge Vater gebietet nun seinem Sohn, dem Vater einen alten Vorhang zu geben. Doch der Junge gibt dem Großvater nur die Hälfte. Weise und vorausschauend sind seine Worte: „Vater, wenn das Alter an dich herantritt, so bleibt die für dich passende Vorhangshälfte aufbewahrt." Der beschämte Vater nimmt die Belehrungen durch den Sohn an und holt den Großvater aus der Isolation heraus. Dieser bekommt endlich die ihm zustehende Liebe und Achtung.

Die autonome Vermittlerrolle zwischen den Generationen ist keinesfalls ein Wunschbild dieser alten Geschichten, denn sie zeigt sich auch in unserer Zeit. Sobald in Familien die Frage diskutiert wird, dass der Großvater oder die Großmutter ins Pflegeheim oder Altersheim müssen, sind es in erster Linie die Enkelkinder, die Protest anmelden, denn aus ihrer Sicht gibt es keinen Grund, dass die Oma oder Uroma aus ihrem gewohnten Umfeld verschwinden soll. Vor der körperlichen Gebrechlichkeit alter Menschen haben sie keine Berührungsscheu, eher sind sie stolz, wenn sie kindgemäß in die Pflege einplant werden. So steht ein Vierjähriger jeden Morgen am Bett des Urgroßvaters und hilft bei der Morgentoilette. Sein Beitrag besteht darin, das Gebiss des alten Mannes aus dem Glas auf dem Nachttisch zu nehmen und diesem zu geben. Welch eine spannende Sache in den Augen eines Kindes!

Bei einem Seminar erzählt die Frau eines pflegebedürftigen Mannes von ihren zehn- und zwölfjährigen Enkeltöchtern, die sie sehr verantwortungsvoll unterstützen und auch um das Wohlergehen der Großmutter sehr besorgt sind. Wenn sie das Haus verlassen muss, um Besorgungen zu machen, spricht sie sich mit den Mädchen ab, die in dieser Zeit in der Wohnung sind und genau darauf achten, dass der Opa gut versorgt wird und stündlich seine Medikamente bekommt. Die Großmutter ist beeindruckt davon, wie selbstverständlich und verantwortungsbewusst die Kinder ihren Part eingefordert haben.

Als in einer Familie auf dem Dorf der senil gewordene Großvater ins Pflegeheim musste, wurden seine Sachen zusammengepackt. Da nimmt der achtjährige Enkel ein Paar Socken an sich, und auf die erstaunte Frage seines Vaters: „Was machst du denn da?" rechtfertigt er sich und sagt: „Die hebe ich auf, wenn du ins Altenheim musst!" Dieses Ereignis folgt dem Muster der alten Geschichten. Die Enkelkinder erleben einerseits ihre Ohnmacht, weil sie nicht verhindern können, dass Opa oder Oma ins Heim müssen; andererseits sind sie es, die den Tod am wenigsten fürchten, schließlich sind sie weiter entfernt von ihm als ihre Eltern. Das gibt ihnen die Freiheit, so eigenständig zu handeln.

Noch etwas anderes kommt hinzu: zwischen Enkel und Großeltern besteht eine besonders vitale Beziehung. Ihre enge Verbindung drückt sich auch in der Sprache aus, denn das mittelhochdeutsche ane ,das althochdeutsche ano, haben eine Diminutivbildung, die heißt Enkel. Demnach ist der Enkel die Verkleinerungsform des Ahnen. Der Enkel als der Sohn des Sohnes oder der Tochter ist also der direkte Nachkomme in der dritten Generation. Dies erklärt vielleicht auch ein Phänomen, das beim Tod eines alten Menschen immer wieder beobachtetet wird: Der alte Großvater liegt im Sterben und die Angehörigen stehen im Raum und warten auf den 18jährigen Enkel, der unterwegs ist. Als dieser endlich da ist, kann der Großvater sterben. Dasselbe ereignete sich bei uns in der Nachbarschaft. Eine fast neunzigjährige Frau, die in der Familie der Tochter gepflegt wurde, starb in der Nacht, als der Enkelsohn bei ihr am Bett die Nachtwache übernommen hatte. Bei den Tuwinern im Atai in Kleinasien sagt man: „Wenn der Mensch seine Enkel gesehen hat, ist er zum Binnenglied in der Kette der Generationen geworden. Er hat die ihm bestimmte Zeit erreicht, sein Leben ist erfüllt."

Das nun folgende Märchen stammt von den Gebrüdern Grimm, die großen Wert darauf legten, dass es in ihre Sammlung aufgenommen wird, obwohl es ein Predigtmärlein ist und eine eindeutig didaktische Intention hat.

3.  Der alte Großvater und der Enkel

Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floss ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen musste sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch, und die Augen wurden ihm nass. Einmal auch konnten seine zitterigen Hände das Schüsselchen nicht festhalten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte aber nichts und seufzte nur. Da kaufte sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus musste er nun essen. Wie sie da so sitzen, so trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. „Was machst du da?" fragte der Vater. „Ich mache ein Tröglein", antwortete das Kind, „daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin." Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an, fingen endlich an zu weinen, holten ab sofort den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mitessen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.

In dieser Geschichte leben drei Generationen unter einem Dach, und jede erlebt das Älterwerden anders. Wenn es um beginnende Senilität und um das Nachlassen körperlicher Fähigkeiten eines Familiengliedes geht, hat jede Generation ihre eigene Weise damit umzugehen. Die Vertreter der mittleren Generation ekeln sich. Wovor ekeln sie sich? Vor dem alten Mann? Die kurze Geschichte benennt sehr genau den Grund ihrer Abscheu. Es sind die sichtbaren Folgen der nachlassenden körperlichen und geistigen Fähigkeiten des alten Mannes, der den Löffel kaum noch halten kann, Suppe aufs Tischtuch schüttet und obendrein auch noch sabbert und trielt. Die Sprache des Märchens ist drastisch. Ungeschönt wird eine Veränderung im Alltag der Gefühle beschrieben. Der alte Vater wird den Vertretern der mittleren Generation fremd. Sie erkennen: „Vater ist gar nicht mehr er selbst." Oder „Er ist nur noch ein Teil seiner selbst." Der lebenslange Vertraute wird zu einem unbekannten, veränderten Menschen. In seinem Aussehen und Verhalten zeigen sich ungewohnte Aspekte, die nur schwer auszuhalten sind. Es tut weh, den Vater so wahrnehmen zu müssen. Die Angehörigen werden konfrontiert mit einem neuen Gefühl, das ihnen sehr unangenehm ist: Es ist die Scham. Die erwachsenen Kinder des alten Mannes schämen sich und dieses Gefühl trennt sie vom anderen, wirft sie gleichsam auf sich selbst zurück. Eine Entfremdung findet statt, die alle Beteiligten als schmerzhaft erleben. Wichtig ist es, sich diese Gefühle nicht negativ anzukreiden, denn sie gehören in unser emotionales Ausstattungsprogramm. Die Tränen, die Mutter und Vater weinen, nachdem sie durch das Tun und die Worte ihre Sohnes „Ich mache ein Tröglein; daraus sollen Mutter und Vater, wenn ich groß bin, essen" beschämt werden, tun weh. Aber die Szene macht auch deutlich, wie Scham und Erkenntnis miteinander zusammenhängen. Das war schon bei Adam und Eva im Paradies so; an dieser Grunddisposition hat sich bis heute nichts geändert.

Von der Scham wird in der Geschichte nicht direkt gesprochen, aber vom Ekel. Wann ekelt es mich eigentlich? Immer dann, wenn der Reflex des Würgens angeregt ist. Bei den Eltern geschieht dies durch das unappetitliche Verhalten des alten Vaters. Das überschreitet ihre spezifische Ekelschranke. Jeder von uns hat seine ganz spezifische Ekelschranke. Sobald ihn die nicht mehr schützt, überwiegt der Ekel, und es kann mir buchstäblich zum Kotzen sein.

Scham und Ekel überschneiden sich oft. Bei der Scham sind die visuellen Elemente vorherrschend, und der Blick des Anderen wird als bedrohlich, weil bloßstellend erfahren. Es ist beschämend, Schmutz und Schwäche auf Grund mangelnder Körperkontrolle zu zeigen oder anzuschauen. Beim Ekel sind es vorwiegend der Geruchs- und Geschmackssinn, welche den körperlichen Niederschlag hervorrufen. Dinge, vor denen man sich ekelt, sind meist körperliche Produkte.

In der Geschichte agiert das Kind in seinem Spiel das aus, was alle in der Familie belastet. Das Problem liegt ja buchstäblich in der Luft, doch jetzt kommt die Konfrontation mit Scham, der Angst vor Entblößung auf den Boden, weil allen bewusst wird, dass sich bisher schützende Grenzen verändert haben. Die Welt steht Kopf, weil das bisher tragende Konzept der Beziehungen sich verändert hat. Für das Kind in mir waren Vater und Mutter die Felsen in der Brandung, doch mit ihrem körperlichen und geistigen Verfall stimmen die Koordinaten dieser Welt nicht mehr.

Ich spinne den Faden der Geschichte weiter. Die Senilität des Großvaters ist weiter fortgeschritten, er ist ein Pflegefall, wird von der Schwiegertochter, Mitarbeitern der Sozialstation und dem groß gewordenen Enkel versorgt. Der Vater kann aus beruflichen Gründen nur sporadisch eingesetzt werden. Wie sieht das eigentlich aus, wenn Enkel Pflegeaufgaben übernehmen? Dieser Frage gehe ich im folgenden Teil nach.

4.  Enkel übernehmen Pflegeaufgaben

Findet dieser Aspekt des Umgang mit pflegebedürftigen Angehörigen in der Öffentlichkeit eigentlich Resonanz? Bei meinen Veranstaltungen habe ich den Eindruck, dass das folgende Beispiel kein Einzelfall ist:

Ein Großvater ist seit vier Jahren halbseitig gelähmt und wird von seiner Frau mit Unterstützung der Sozialstation gepflegt. Der im Haus mit lebende Sohn und seine Familie spielen im familiären Pflegesystem nur eine marginale Rolle. Die zwischen seiner Frau und seiner Mutter lastenden ungelösten Konflikte wirken sich sehr nachteilig für alle aus, sodass Beziehungen seiner Kinder zu den Großeltern nicht genug Raum haben. Damit bin ich bei einer Krux im Dreigenerationenverbund: Offene Rechnungen, unausgesprochene Vorwürfe, Hader und alter und junger Groll wirken sich als Beziehungskiller für die Enkelkinder aus. Sie spüren, wenn die Mama mit der Oma auf dem Kriegsfuss steht und kommen dadurch in Loyalitätskonflikte. Eigentlich würden sie schon gerne beim Opa am Bett sitzen, doch wenn das bei der Mama nicht gerne gesehen ist, dann ist nicht jedes Enkelkind ein kleiner Held und fordert sein Recht auf eine eigenständige Beziehung zu seinen Großeltern ein.
In der Großfamilie haben es die Enkelkinder von der Tochter des Gelähmten leichter. Sie leben an einem anderen Ort, und ihre Beziehung zum Großvater intensiviert sich, seit er krank ist. Als sie sich groß genug fühlen, verlangen sie aktiv in die Organisation der Pflege am Wochenende mit einbezogen werden. Weder der Junge noch das Mädchen haben Scheu davor, den Großvater zu baden, zu füttern, Zeit mit ihm am Bett zu verbringen. Außenstehende sind überrascht und vergessen, dass in unserer Gesellschaft Hunderttausende von Zivildienstleistenden dafür einstehen, dass unser Pflegesystem noch funktioniert.

Im Gespräch mit den großen Enkeln wird klar, dass Scham und Ekel sie wenig belasten und offensichtlich dem Großvater ihre pflegerischen Zuwendungen sehr angenehm. Zwischen diesen beiden Generationen fließt von Natur aus ein Strom von Sympathie, der nicht beeinträchtigt wird durch Ablösungskonflikte und Machtspiele zwischen der mittleren und älteren Generation. Wie Großeltern mit Krankheit, Leiden, Sterben und Verlust umgehen, ist eine ihrer wesentlichen Botschaften an die Enkel. Sie machen die Begrenztheit des Lebens zu einem Bestandteil des Alltags. Eine Untersuchung aus USA zeigt, dass Kinder umso weniger Angst vor dem Sterben haben, je intensiver und enger ihr Kontakt mit den Großeltern ist. Aber auch die gegenteilige Erfahrung soll nicht verschwiegen werden: alte Menschen, die unter ihrem Altwerden leiden und nur noch jammern und klagen, vermitteln ihren Enkeln ein Bild des Lebens, das wenig ermutigend ist.

5.  Wohin mit den Alten?

Ich nehme die Eingangsfrage noch einmal auf, In etwas abgeänderter Form stellte sie unser großer Enkel, als er wissen wollte: „Oma, gehst du eigentlich mal ins betreute Wohnen?" Hand aufs Herz, diese unverblümte Anfrage hatte mir mehr zugesetzt als die von meinen Enkeln oft gestellten Fragen nach dem Lebensende. Doch dann wurde mir klar, dass der Vertreter der jüngsten Generation eine Frage stellt, welche die Zukunft der Dreigenerationenfamilie betrifft. Ein wichtiger Impuls, um das Unangenehme einfach schon mal anzudenken. Auch dies ist ein Einüben in die Unabänderlichkeiten des Lebens, angestoßen durch die Enkel und von daher auch meist mit Humor getränkt.

Wohin mit den Alten? In Zeiten, in denen menschliche Beziehungen vorrangig unter ökonomischen Aspekten gesehen werden, wuchern die verschiedenen Generationen im Familienverband mit einer Währung, die nicht zinsgünstig auf der Bank anzulegen ist. Es ist die alte und immer wieder neue Einsicht, dass soziale Beziehungen das wichtigste Kapital des Lebens sind.

Die BAT - Studie Der Generationenpakt - das Netz der Zukunft spricht vom Sozialkapital, das neben der finanziellen Sicherung ein von den Gesetzen des Marktes unabhängiges und wertvolles Gut ist. Investiere beizeiten in Beziehungen, dann hast du Unterstützung in der Not, so heißt die Devise, nach der mehr Menschen ihr Leben ausrichten, als es in der Öffentlichkeit den Anschein hat. In diesem Zusammenhang kommt der Pflege der Beziehungen zwischen Großeltern und Enkelkindern eine große Bedeutung zu. Victor Hugo nannte die Enkel die Morgenröte des Alters.

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Stand: April 2015