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 Kind und Tod

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Dürfen diese beiden Worte so nahe nebeneinander stehen? Sollte nicht wenigstens ein Fragezeichen am Ende sein? Ich beginne mit Fragen und drücke Zweifel des Erwachsenen aus, dem das Thema Kind und Tod eine Zumutung bedeutet. Zugegeben, es ist starker Tobak, das Kind als Inbegriff des beginnenden Lebens ausgerechnet mit dem letzten Abschnitt des Lebens in Verbindung zu bringen. Hier ein lebendiges, von Neugier erfülltes, Wärme ausstrahlendes Kind, daneben Eiseskälte, Lebensstillstand im Nirgendwo. Dazwischen liegen Welten.
Und doch, wer die Brille seiner erwachsenen Ängstlichkeit ablegt, mit einem Kind an der Seite durch die Welt geht, polt schnell sein bisheriges Denken um. Das alltägliche Welteroberungsstreben des Kindes zeigt, wie die verschiedenen Bereiche des Lebens grenzenlos und natürlich ineinander übergehen. Da liegt eine vertrocknete Rose auf der warmen ausgestreckten Kinderhand. »Ist die jetzt tot?«, fragt das Kind, streichelt behutsam über die verwelkten Blütenblätter, und schon sucht es nach einem Platz für die Rose auf der Erde. »Dann ist sie nicht so allein!«
Erste Annäherung an »Kind und Tod«. Der Erwachsene staunt über die Natürlichkeit des Kindes und lernt seine erste Lektion: Kinder haben keine Berührungsangst vor toten Tieren und Pflanzen. Was abstirbt, verfault oder welkt, ist in ihren Augen nicht schlecht oder wertlos. Sie laufen vor der toten Maus nicht entsetzt weg, zeigen vielmehr Anteilnahme und Verantwortung für die toten Geschöpfe der Natur. »Komm, wir spielen Beerdigung.« Ja, warum eigentlich nicht, denkt der Erwachsene und spürt, wie ein Funke überspringt, seine Befangenheit sich legt und die Unsicherheit kleiner wird. Erstaunliches geschieht: Die erwartete Schwermut und Düsternis tritt nicht ein, viel eher ist die kurze Begebenheit von Leichtigkeit durchdrungen.
Diese Leichtigkeit ist ein wesentliches Merkmal des Umgangs der Kinder mit den letzten Dingen des Lebens. Bei Erwachsenen lösen sie häufig Irritation und Unsicherheit aus.

Der verdrängte Tod in der Erziehung

Woher rührt die Unsicherheit der Erwachsenen? Informationen über die Art und Weise, wie Kinder das Phänomen Tod in ihr Bild von sich und der Welt integrieren, werden leider noch nicht in allen pädagogischen Einrichtungen vermittelt. Ein weiterer Mangel kommt hinzu: Jeder Erwachsene trägt seine eigenen Kindheitserfahrungen zu diesem Thema mit sich herum. Vielen fehlte ein Klima, das Äußerungen und Fragen über den Tod zuließ, denn das Denken der Erwachsenen war früher beherrscht von der Doktrin: »Kinder verstehen das nicht. Kindern macht der Tod nichts aus. Das sieht man ja, wenn sie lachen. Die stecken den Tod weg!«
Weil Kindern der Tod angeblich nichts ausmacht, wurde er auch als Angst und Schrecken auslösendes Erziehungsmittel eingesetzt. Viele Geschichten und Gedichte handelten von einem Kind, das ein Verbot missachtet hat und dafür mit dem Leben bezahlt. Ein solches Gedicht heißt zum Beispiel »Fritz der Näscher«. Der Junge schleckt gerne Süßes, aber am Ende schluckt er Arsen, das aussieht wie Zucker und offensichtlich in jeder bürgerlichen Küche damals verwendet wurde. Aus ist es mit dem unartigen Kind. Die Moral von dieser Geschichte hieß: Der Tod ist eine natürliche Strafe kindlichen Ungehorsams.
Die Tabuisierung des Todes in der Pädagogik früherer Zeiten hat bis heute Wirkung. Eine ihrer Ursachen liegt in der Sprachlosigkeit der Erwachsenen, die ihr Unvermögen gerne pädagogisch verkleiden und fordern, das Kind sei zu schützen vor der Einsicht in die Risiken des Lebens. Jede Erzieherin kommt also nicht darum herum, den eigenen Standpunkt zu klären und die Ambivalenz menschlichen Lebens zu akzeptieren. Die Schutzfunktion des Erwachsenen dem Kind gegenüber darf nicht so weit gehen, dass es daran gehindert wird, sein Weltbild analog seiner Entwicklung und Wahrnehmung zu strukturieren. Das neugierige, auf die Welt offen zugehende Kind kommt in Kontakt mit der problematischen und perspektivisch gebrochenen Welt. Dabei ist es sehr angewiesen auf die Begleitung durch Erzieher, die sich freigemacht haben vom pädagogischen Wunschdenken einer heilen Welt. Diese Ideologie möchte den Tod gerne schachmatt setzen, wird aber durch jedes Kind, das bereits Verlust-Erfahrungen durch den Tod erlitten hat, widerlegt.
Solange pädagogische Einrichtungen dies nicht wahrhaben wollen, bleibt ein Kind, dem die Auseinandersetzung mit dem Tod vom Schicksal zugemutet wird, ein vergessenes Kind. Ein wesentlicher Bestandteil seiner Welt-Erfahrung bleibt ungesehen. Für das betroffene Kind ist dies eine starke Beeinträchtigung seiner Selbstentfaltung. Den Kindern seiner Gruppe geht dadurch aber auch die Chance verloren, am Leben zu lernen, Erfahrungen mit der Gegensätzlichkeit der Welt zu thematisieren.

Erziehen im Angesicht des Todes

Wer als Erzieher der Bandbreite menschlicher Existenz im Austausch mit den Kindern Raum gibt, Zugang zu seinem eigenen seelischen Erleben hat, die Ohnmacht aushält, die jede Annäherung an den Tod mit sich bringt, ermöglicht mit dieser inneren Haltung das Hineintasten der Kinder in diesen Bereich. Dann sprudeln die Fragen aus ihnen heraus: »Wie ist das, wenn mein Opa stirbt?« »Was macht meine Katze so allein in der dunklen Erde?« »Was essen die Toten? Essen die auch Nutella?« »Kommt meine Oma an Weihnachten vom Himmel runter?«
Durch solche Kinderfragen verändert der Tod sein Angesicht. Mit ihrem konkreten, magisch-mythischen Denken bringen sie bunte Farbe in den von den Erwachsenen als dunkel bezeichneten Bereich. Manche ihrer Äußerungen reizen zum Lachen. Lachen im Angesicht des Todes? Der Erwachsene hält sich die Hand vor den Mund, traut sich nicht zu lachen, denn Ernst, Würde und stille Trauer scheinen ihm angemessener. Die Sprache der Kinder bringt jedoch andere Nuancen. Warum sich nicht anstecken lassen? Lachen im Umgang mit dem Tod ist eine wichtige Form der Verarbeitung. Distanz entsteht, die Schwere nimmt ab. Und wenn einige Kinder in der Gruppe sich darüber ausgetauscht haben, ob Tote nun Nutella essen oder nicht, fassen sie ihre Lösung vielleicht in den Satz »Tote essen gern Nutella, aber nicht so viel!« Das ist die Antwort, die für heute stimmt. Morgen kann ihnen eine ganz andere einfallen.
Schon lernt der Erwachsene eine weitere Lektion im Hinblick auf Kind und Tod. Alles ist im Fluss, und so schlimm wie befürchtet ist das Kapitel gar nicht, denn die Kinder finden ihre Antworten, sobald sie spüren, da ist ein verlässliches Gegenüber, das mich darin bestärkt, zu suchen und zu finden. Ich darf dem alles sagen. Aber am besten ist es doch, wenn ich mit meinen Freunden darüber spreche, da fühle ich mich gut und wichtig.
Kinder lernen am liebsten von anderen Kindern. Da müssen sie nicht immer hochschauen, sondern dürfen auf ihrer Ebene bleiben.

Erziehung geschieht durch das, was in der Welt geschieht

Theorien, Bildungsempfehlungen, pädagogische Ansätze versuchen die Realität des Kindes und pädagogisches Handeln unter einen Hut zu bringen. Daneben gibt es das mächtigere Curriculum des Lebens, das Kinder nachhaltig prägt. Wenn im Lehrplan seines Lebens einem Kind die Begegnung mit dem Tod zugemutet wird, weil ein vertrauter Mensch stirbt, kann das trauernde Kind zum Lehrer der Erwachsenen und der Kinder werden, die mit ihm zusammen in der Kita sind. Der Tod als Regisseur des Lebens setzt einen tiefen existenziellen Impuls für die ganze Gruppe.
Wenn Meike endlich darüber sprechen kann, dass die Mama, die sie jeden Tag in die Kita bringt, eigentlich nicht ihre richtige Mama ist, weil die richtige bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist, dann hat das für das Mädchen eine befreiende Wirkung. Endlich wissen alle, was ihr widerfahren ist. Endlich wird das Kind mit seiner großen Wunde wahrgenommen. Endlich ist die Mauer der Isolation durchbrochen, hinter der das Ereignis versteckt war. Kinder, die ein Elternteil an den Tod verloren haben, leiden unter anderem darunter, dass sie sich durch diese Verlust-Erfahrung von den anderen Kindern unterscheiden. Da das So-sein-Wollen wie die anderen nicht mehr möglich ist, entstehen schnell Gefühle der Scham, die im Trauerprozess der Kinder oft übersehen werden.
Dass Kinder nach Todeserfahrungen häufig überangepasst und brav wirken, sich nach der Devise »Nur nicht auffallen!« verhalten, geht auf das Gefühl der Scham zurück. Für Außenstehende klingt das fremd. Erwartet werden eher Tränen, ein weinendes Kind, das der Erwachsene trösten kann. Doch warum schämt sich ein Kind, dessen Mutter gestorben ist?

Der Tod bedroht das kindliche Denk- und Fühlsystem

Wenn der Tod unberechenbar, willkürlich ins Leben eines Kindes eingreift, wird es mit Erfahrungen konfrontiert, die unter anderem Gefühle von Angst, Scham und Schuld freisetzen. Es verliert nicht nur einen Menschen und damit an Selbstwert im Hinblick auf die anderen Kinder, sondern sieht sich auch als Versager, weil es den Unfall ja nicht hat verhindern können.
Bisher hat es mit Hilfe seines altersgemäß entwickelten Allmachtsdenkens immer Lösungen für die Probleme seiner Welt gefunden. Nun aber gerät es an Grenzen seines natürlichen Denkens und Fühlens. Das macht die Verarbeitung des Verlustes durch den Tod so schwer:
Das Kind verknüpft Ereignisse miteinander, die objektiv gesehen nichts miteinander zu tun haben. Ein Vater ist an Krebs gestorben. Als er noch gesund war, gab es irgendwann einen alltäglichen Zwischenfall in der Küche. Das Kind hatte mit Wasser gespielt, der Boden wurde nass, und der Papa hatte nicht aufgepasst, war ausgerutscht. Als der Vater später krank wurde und starb, verknüpfte das Kind seine eigene Ungeschicklichkeit mit der Krebserkrankung des Vaters. Sein Denken stellt zwei zeitlich weit auseinander liegende Ereignisse in Beziehung zueinander und verknüpft sie kausal. »Ich bin schuld, dass mein Papa an Krebs gestorben ist, weil ich in der Küche Wasser auf den Boden gekleckert habe und der Papa ausgerutscht ist.«
Auf der Suche nach Erklärungen kommt das Kind nicht weit, denn es bezieht gemäß seiner kindlichen Egozentrik alles Geschehen auf sich.
Dem Erwachsenen läuft es dabei heiß und kalt über den Rücken, und schon gibt er kurze und einsichtige Erklärungen, die das Kind jedoch nicht übernehmen kann. Wieso nicht?
Gegen das magische Denken ist einfach kein logisches Kraut gewachsen. Auch Kinder im Grundschulalter können bei Todeserfahrungen auf ihr magisches Denken zurückfallen und sind dann erneut von der Macht ihrer Worte und Taten überzeugt. Ein siebenjähriger Junge betet abends, Gott möge seine Tante von den schlimmen Schmerzen erlösen. Als die Tante am nächsten Tag wirklich stirbt, sagt der Junge: »Ich glaub', ich bin schuld!« Eine Aussage, die für Erwachsene schwer zu tolerieren ist. Doch alle Versuche, diesen vermeintlichen Fehler im Denken und Fühlen zu korrigieren, schlagen fehl. Das Kind geht nicht auf die Gedankengänge der Erwachsenen ein, sondern erzählt plötzlich etwas ganz anderes.
Was mach ich nur mit diesem blockierten Kind? »Setz dich doch einfach zu mir an den Tisch, und schau mir beim Malen zu«, sagt das Kind. »Malen und Spielen, das ist viel besser als reden müssen. Und wenn du alle meine Bilder an die Wand hängst, dann siehst du ja, wie ich verstehen lerne, dass der Papa nicht mehr kommt.«

Kinder trauern auf Raten

Der Tod konfrontiert Kinder mit Trauer-Erfahrungen, und Trauer ist ein sehr dichtes Gefühl, in dem Wut, Ohnmacht, Schuld und Scham ebenso stecken wie Gefühle der Verlassenheit und Isolation. Was geschieht in einem Kind, dem der Tod ein liebes Haustier oder einen vertrauten Menschen nimmt? In seiner Trauer unterscheidet es nicht zwischen Mensch und Tier. Aber das Geschehen widerspricht seinem Bedürfnis nach Dauer. Von seiner seelischen Entwicklung her gesehen ist es angewiesen auf Verlässlichkeit und Wiederkehr des Vertrauten. »Immer wieder, immer wieder« heißt die Parole, »bitte noch einmal, noch einmal!«
Der Tod jedoch durchbricht dieses Gesetz seiner bisherigen Sicherheit. Er bringt nicht wieder, was er genommen hat. Unvereinbar steht das kindliche Allmachtsstreben dem neuen Gefühl der Ohnmacht gegenüber. Dieses ist vom inneren Programm zu diesem Zeitpunkt einfach noch nicht vorgesehen. Den Tod kümmert das nicht!
Ein weinendes Kind sitzt wie ein Häufchen Elend auf dem Boden, und noch ehe der Erwachsene Zeit hat, sich ihm zuzuwenden, springt es schon wieder in die Höhe und geht spielen. Das soll Trauer sein? Ja, so trauern Kinder. Ihre Trauer wirkt sprunghaft, bricht unvermittelt aus, verschwindet, kommt wieder, irgendwann später, wenn der Erwachsene schon gedacht hat, die Trauerzeit sei um.
Erwachsene vergleichen ihre Trauer mit dem Waten durch einen Fluss, dessen rettendes Ufer nicht zu sehen ist. Kinder dagegen stolpern in Trauerpfützen; es spritzt, und schon sind sie wieder draußen. Das hat nichts mit mangelnder emotionaler Reife zu tun, sondern drückt ihre ganz spezifische Art von Trauer aus. »Ich bin doch noch so klein«, sagt das Kind, »und ich hab manchmal Angst, die Trauer geht nie wieder fort. Aber wenn ich spiele, habe ich keine Angst mehr!« Dieser Wechsel zwischen dem mächtigen Trauergefühl und dem Verarbeiten des Erlebten im Spiel sorgt für die körperliche und seelische Stabilität des Kindes.
Janas Hamster Max ist gestorben. Sie trauert auf ihre Weise. Im Laufe des Vormittags nimmt sie den Daumen in den Mund, zieht sich in die Kuschelecke zurück, will allein sein. Dieses Trauerritual hält einige Wochen an. Jana will und kann nicht reden. Was ist gut für das Kind? Die Erzieherin nimmt seine Stimmungsveränderung auf, teilt sie, nickt mit dem Kopf, wenn Jana sich zurückzieht. Sie weiß ja, was los ist. Später beim Malen erzählt das Mädchen: »Ich denk halt immer, der Max ist im Käfig, wenn ich heimkomme.« Einige Wochen später malt sie einen leeren Hamsterkäfig. Ihr Wunschdenken hat sich mit der Zeit an der Realität wundgerieben; ihr Bewusstsein begreift, dass der Tod endgültig ist.
Hilfreich war die behutsame Begleitung des Erwachsenen, der den Rückzug des Kindes ausgehalten und seine Verlorenheit gespürt hat. In solchen Momenten befindet sich das Kind in eisiger Umgebung. Wie Lars, der kleine Eisbär, treibt es auf seiner Eisscholle durchs Eismeer. In Zeiten der Trauer ist es gut, wenn Kinder in ihrer gewohnten Umgebung Bilder sehen, die ihre Situation wiedergeben. Sie erzählen von der Einsamkeit des kleinen Eisbären und drücken damit ihr inneres Geschehen aus. Die Erzieherin geht diesen Weg mit; und zwei Kinder aus der Gruppe warten jeden Tag in der Puppenecke, um mit Jana Tierarzt und das Einschläfern zu spielen. »Wer darf heute Tierarzt sein?« »Ich nicht, weil der doch die alten Tiere totspritzt!« Schon werden andere Kinder neugierig, schauen zu, mischen mit: »Unsere Katze hat schlimmes Rheuma. Aber ich will nicht, dass die tot geht!«
Darf der Tierarzt das? Schon wieder diese Frage! Der Erwachsene hat sie schon mehrmals beantwortet und wirkt genervt. Mit diesen sich wiederholenden Fragen macht sich das Kind immer wieder auf die Suche nach Antwort. Die Suche ist ein wichtiger Bestandteil der kindlichen Trauerverarbeitung. Es braucht einfach Zeit, bis die Antworten vertraut werden.

Zeit für Trauer

Trauer ist die angemessene Antwort auf Verlust-Erfahrungen. Ihr Ziel hat sie erreicht, wenn sie sich in kraftvolle Zuwendung zum Leben verwandelt. Da jedes Kind ein anderes Timing hat - es dann doch wieder in der Trauerpfütze landet, obwohl es nicht wollte, trauert, als ob der Verlust gestern gewesen wäre -, braucht der Erwachsene einen langen Atem. »Sag nur, du weinst noch wegen dem Max. Der ist doch schon so lange tot. Jetzt hör aber auf!« Das Kind hört auf. Es bleibt ihm ja nichts anderes übrig, denn wenn die Offenheit des Erwachsenen fehlt, hört es kein Echo, schweigt. Dafür jagen wilde Angstfantasien durch seine Gedanken. »Wenn ich die sage, denken alle, ich hab sie nicht mehr alle«, sorgt sich das Kind.
Wie gut, wenn wenigstens die Erzieherin im Kindergarten nachfragt, wie es dem Kind geht, jetzt, wo es kein Haustier mehr hat. Und ob es noch weh tut. Wenn Kinder in der Verarbeitung ihres Verlustes gesehen werden, entwickelt sich durch den Trauerprozess in ihrem Inneren ein Ordnungsprinzip, das den Bereich des Todes von dem des Lebens klar unterscheidet. Ich nenne diesen inneren Hüter an der Schwelle zwischen Leben und Tod Schutzengel. Er wacht darüber, dass Kinder immer nur kurze Zeit sich in dieser Zone aufhalten, sich dem Spiel wieder zuwenden, um dadurch neue Kräfte zu gewinnen.

Der Tod braucht einen Ort

Es gibt sehr mutige Kindergärten und Kitas, die nehmen ihren Bildungsauftrag ernst, ermöglichen Kindern Begegnungen mit einer riskanten und widersprüchlichen Welt, veranstalten Elternabende zum Thema Kind und Tod, nehmen das befürchtete Wecken der schlafenden Hunde in Kauf und orientieren sich an der Neugier der Kinder, die sehen wollen, wo der Tod wohnt.
Wenn der Hase aus der Gruppe der Regenbogenkinder stirbt, spielt sich in ihrer kleinen Welt das ab, was auch bei den Erwachsenen geschieht. Ein Teil des Gartens dient als Friedhof, die Beerdigungszeremonie wird festgelegt, das Kreuz beschriftet - wobei das Votum der Kinder für das Kreuz nicht einhellig ist, weil ja dann die Katze sieht, was los ist und den toten Hasen vielleicht wieder ausbuddelt. Die Kinder sorgen sich um die letzte Ruhe der Toten; es entspricht ihrem natürlichen Empfinden: was tot ist, kriegt sein Bett unter der Erde. Und wer sagt dem Maulwurf Bescheid? Der muss doch den toten Hasen besuchen. Es gibt keinen Stillstand in der Vorstellungswelt des Kindes. Unentwegt wirkt seine Fantasie und belebt damit selbst den Bereich der Toten.
Wer mit einer Kindergruppe und Eltern über den Friedhof geht, kann es laufen lassen. Hier muss nichts künstlich inszeniert werden. Kinder achten die Besonderheiten des Ortes, funktionieren ihn aber nach ihren Bedürfnissen um, hüpfen über die gekiesten Wege, horchen auf das Geräusch ihrer Schritte, balancieren auf Grabumrandungen oder verstecken sich hinter Grabsteinen. Da freuen sich die Toten! Wie von selbst formt sich die Sprache, und endlich haben sie eine Möglichkeit, sich ein Bild vom Friedhof zu machen, das der Realität und nicht den Gruselfilmen entspricht. Es rollen keine Totenköpfe über den Weg und niemand wird ins Grab gezogen!
Mit Kindern auf dem Friedhof. Wo sind die Kindergräber? Auch dies gehört zum Thema Kind und Tod. Erzähl doch, wieso das Mädchen gestorben ist. Und der Bub, war der schon in der Schule, als er starb? Ein Kind möchte, dass sich alle an den Händen fassen und die Erzieherin soll ein Gebet sprechen. So war es bei der Beerdigung seines Onkels.
Kinder fordern, was sie brauchen, und an der Wiederholung des Gleichen oder Ähnlichen lernen sie. Deshalb sind Rituale im Umgang mit dem Tod auch so wichtig. Nur so kann in ihrem Innern ein Film als Abfolge der Wirklichkeit entstehen. Bild fügt sich an Bild. »Ich muss doch sehen, ob der Sarg auch unten ankommt!«, sagt das Kind. Wenn es sich kein Bild machen kann oder die Bilder unvollständig sind, gibt es Leerstellen, in die Angstfantasien einschießen und ihr Unwesen treiben. Das ist schlimmer als die Realität.
Was bleibt am Ende? Mit der Erfahrung des Todes im Rucksack des Lebens schauen Kinder und Erwachsene die Welt mit anderen Augen an. Sie wissen um das Leid und die Endlichkeit, kennen aber auch die Freude, die tiefer geht als das Leid.

(Welt des Kindes - Spezial 1/2004)

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Stand: April 2015