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Der Wald im Märchen
Erschienen im „Märchenspiegel", Zeitschrift für internationale Märchenforschung und Märchenkunde, April 1995

Zwei Phänomene menschlicher Kultur werden in diesem Thema aufeinander bezogen: Das ist einmal der Wald, jener Bereich der Natur, welcher unsere Städte und Dörfer umschließt und dafür sorgt, dass wir menschliche Ansiedlungen als eine Mitte erleben, umfasst vom Außen des Waldes. Zum andern ist vom Märchen die Rede, das menschliche Erfahrungen in einer besonderen Bilder- und Symbolsprache verdichtet hat, die Menschen bis heute fasziniert.

Die Formulierung des Themas stellt das Märchen als das den Wald Umfassende dar. Der Wald ist dann das im Märchen Enthaltene. Diese Sichtweise wirkt jedoch einseitig, da Wald und Märchen in einem lebendigen Bezug zueinander stehen: sie sind voneinander abhängig und aufeinander angewiesen. Was wäre das Märchen ohne den Wald? Diese Frage lässt sich schnell beantworten, wenn wir ein Märchen mit einer breiten Schilderung des Handlungsablaufes im Wald einer anderen Version gegenüberstellen, die auf den Wald verzichtet. Am Beispiel des Märchens Rotkäppchen verglich meine vierte Grundschulklasse die von allen geliebte letzte Fassung mit der Variante vom anderen Rotkäppchen, in der das klug gewordene Mädchen dem Wolf erneut begegnet, sich aber von diesem nicht anmachen lässt und am Ende gemeinsam mit der Großmutter den Bösewicht besiegt. Die Begegnung zwischen dem Wolf und dem Kind findet auf offener Straße statt - für die Phantasie eine arme Umgebung. Der Kommentar und das Urteil der Schüler fiel eindeutig zugunsten der in allen Märchenbüchern tradierten Form aus. Dies aber nicht, weil es die vertraute Geschichte ist, sondern „weil es ein Wolf auf der asphaltierten Straße zwischen Hochhäusern nicht aushalten würde." Für die Kinder war klar: der Wolf braucht seinen Lebensraum im Wald, dort ist der natürliche Ort der Begegnung dieser beiden Gestalten. 

Die Welt des Waldes bereichert viele Märchen. Was in ihm geschieht, ist dunkel und von Geheimnissen umgeben; der Weg dorthin scheint nicht leicht zu sein. Was die Menschen in den Wald treibt, hat mit den Sorgen und Nöten des Alltags zu tun. Warum aber führt zur Abwendung des Mangels der Weg in den Bereich der Großen Mutter Natur?

Am Anfang war der Wald

Er stellte die Landschaftsform dar, welche weite Teile der Erde bedeckte. Im Laufe der Menschheitsentwicklung verringerte sich durch Rodung der natürliche Bestand; es entstanden Lichtungen, waldlose Flächen, die ackerbaulich kultiviert wurden. Mit dem Eindringen des Ackers in den Wald verließen die Menschen diesen ursprünglichen Lebensraum. Durch den Evolutionssprung vom Jäger und Sammler zum sesshaften Bauern begann ein bis heute dauernder Verdrängungsprozess. Die zunehmende Bevölkerung verlangte mehr Lebensraum. Das Kahlschlagen des Waldes ermöglichte den Bau von Hütten und Häusern; erste Siedlungen begannen zu wachsen. Fortan lebten Menschen in zwei voneinander unterschiedenen Lebensräumen, die einander bedingen und voneinander abhängen.
Umgeben von riesigen Wäldern erlebte der Mensch seine Begrenztheit. Wälder reichen weit zurück in die Vergangenheit, weiter als es menschlichem Rückerinnern möglich ist. Gleichzeitig wachsen sie kraft ihres inneren Naturgesetzes weiter in die Zukunft hinein. Darin drückt sich ihre bleibende Transzendenz aus.

Von der kultivierten Lichtung aus sahen die Menschen auf den Waldrand. Er wurde eine Projektionsfläche ihrer Wünsche, Phantasien, Ängste und Visionen. Auf diese Weise entwickelte sich die ambivalente Haltung, mit der Menschen bis heute dem Wald gegenüberstehen. Bereits Gilgamesch beschloss, den Walddämon zu töten, den Berg der Zedern zu entwalden. Die Endlichkeit des Menschen wütet gegen die Natur in ihrer Transzendenz.

Doch war der Wald auch ein Ort religiöser Verehrung. Der heilige Wald wurde zum Sitz von Göttinnen und Göttern. Heilige Haine entstanden, in denen Menschen mit der Allmacht der Natur, personifiziert in Waldgottheiten, in Beziehung traten. Bäumen wurde eine Seele zugeschrieben, manche galten als heilig. Die Erfahrung menschlicher Ohnmacht im Erleben der Natur verlangte nach Kompensation. Das göttliche Gegenüber im mächtigen Baum hob den Menschen, der sich mit ihm verband, über seine Endlichkeit hinaus und ließ Anteil nehmen an seiner numinosen Kraft.

Das Christentum mit seiner Lehre vom einen Gott wurde zum Feind des heiligen Waldes. Die alten Kultstätten im Innern des Waldes wurden zerstört, Mönche rückten dem Wald zu Leibe. Die alten Waldgottheiten stellten für die Christen eine Gefahr dar, weil sie die instinktiven Kräfte repräsentierten, deren Verdrängung - mehr als deren Disziplinierung - die neue Religion forderte.

Die Deutschen und ihr Wald

Wer den Wald liebt, muss sich mit der Ambivalenz auseinandersetzen, die bei ausländischen Nachbarn entstehen kann, denen diese Haltung fremd ist. Eine radikale Kritik an der großen Affinität der Deutschen zum Wald geht auf Elias Canetti zurück. Für ihn rufen die parallel wachsenden hohen Bäume das Bild des marschierenden Waldes hervor. Sein Herz ist nicht erfüllt von Waldesrauschen oder Waldeinsamkeit. Er hört den Marschrhythmus der in Reih und Glied sich bewegenden Soldaten. Dieses Motiv der marschierenden Bäume gestaltet Tolkien im Herr der Ringe. Dort griffen die Bäume in den Kampf ein, sie erzitterten und neigten sich, dann erklang wie eine Marschmusik ein vielstimmiger Gesang.

In seinem Buch Wälder - Ursprung und Spiegel der Kultur behandelt R.P. Harrison mit dieser ambivalenten Haltung die Arbeit der Märchen sammelnden Brüder Grimm, deren Verhältnis zum Wald für ihn geprägt ist vom deutschen Drang zur Waldmystifizierung. Offensichtlich ist es schwer, über deutsches Nationalgefühl wertfrei zu schreiben, weil hinter der Sehnsucht nach nationaler Einheit sofort das Schreckensbild der im Hitler-Staat entarteten deutschen Macht entsteht.
Die Brüder Grimm hatten eine besondere Liebe zum Wald. In ihrem Märchenwald spiegelt sich die Sehnsucht der Romantik nach Einheit und Wiederbelebung der deutschen Kultur durch eine geistige Rückkehr in die Wälder. So ist dem Grimm`schen Märchenwald eine nationale Komponente nicht abzusprechen.

Wie gefährlich der deutsche Wald den Siegermächten des II. Weltkrieges war, zeigte sich in den massiven Kahlschlägen großer Waldflächen, die, als Reparationen getarnt, nicht nur dem Holzgewinn galten, sondern auch das Volk der Verlierer an einer sensiblen Stelle treffen sollten.

Diese Art und Weise, die Deutschen und ihren Wald zu sehen, wird in dem Augenblick ein Relikt der Vergangenheit, wo wir den Blick auf den realen Wald der 90er Jahre werfen. Der Wald kämpft längst nicht mehr an der nationalen Front, denn das Phänomen des kranken und sterbenden Waldes bedroht menschliches Leben grenzübergreifend, global.

Der kranke Wald braucht die Märchen

Mein großes Interesse am Thema Der Wald im Märchen rührt nicht von Wald-Nostalgie oder Wald-Mystifizierung her. Nicht rückwärtsgewandt, waldwogend, weihevoll wabernd - mich bewegt die Sorge um den Wald. Die apokalyptischen Bilder sterbender Wälder rufen Angst hervor, die Luft zum Atmen wird knapp. Eine waldlose Welt, klimaverändert, ohne Mitte, umweltverseucht, lässt fragen, ob dann der Wald im Märchen das letzte Refugium menschlicher Phantasie darstellt.

Der kranke Wald ist angewiesen auf den Wald im Märchen, denn dort lebt noch etwas von einer Einstellung zur Natur, die uns verloren ging, die aber wieder ins Bewusstsein möchte. Der Wald im Märchen hat noch eine Seele. Der Gedanke an die Beseeltheit der natürlichen Lebewesen im Wald hilft dabei, in ihm mehr zu sehen als die Ansammlung von Holz oder den bestmöglichen Umwandler von Kohlendioxyd.

Wer in Not ist im Märchen, geht in den Wald

Ein Spiel aus meiner Kindheit soll dabei helfen, in den Märchenwald zu gelangen. Es war eines jener Mutprobenspiele, die Kinder schnell mal zwischendurch machten, wenn nur zwei Spielkameraden auf der Straße sich einfanden.

Gehst, du mit mir in den Wald?
Ja
Trägst du mir das Körbchen?
Ja
Hast du Angst vor dem Wolf?
Nein!

Wenn das mutige und entschlossene Nein gesprochen war, begann der spannungsvolle Augenblick der eigentlichen Mutprobe. Das fragende Kind bewegte schnell seine Hände ganz nah vor den Augen des antwortenden Kindes. Normalerweise erzeugt dieser heftige Reiz dicht am Auge die Schutzreaktion des Blinzelns. Doch genau das durfte nicht geschehen. Wer in den Wald wollte, durfte seine Angst nicht zeigen, musste seine Körperreaktionen beherrschen. Wer blinzelte, war nicht waldgeeignet, galt als unfähig, der Gefahr des Waldes mutig ins Auge zu blicken. So geprüft können wir den Übergang in den Wald der Märchen wagen.

Menschliche Erfahrung bestimmt das Geschehen der Märchen. Die konkrete Lebenswelt vermischt sich mit Erlebnissen, Widerfahrnissen, malt sich in Bilder und Symbole der Märchensprache hinein. So fällt es nicht schwer, vom uns umgebenden Wald den Schritt in den Märchenwald zu tun. Meist besteht als Ausgangssituation im Märchen ein nicht länger zu ertragender Mangel, der als Motivation dient, um in den Wald zu gehen. Wer dorthin will, sucht etwas. Zunächst treibt die Einsicht aus dem Haus: Es ist nicht mehr zum Aushalten. Eine Sehnsucht nach Neuwerden löst verkrustetes Leiden und schützt es davor, starr und steif zu werden. Im Wald erlebt der Suchende eine Einheit des Lebens, die in Dörfern und Städten nur lückenhaft besteht. Was aus dem Gleichgewicht gekommen ist, will im Wald wieder an die umfassende Kraft der Natur sich anschließen, in ihrem Rhythmus einschwingen, um zu gesunden.

Bei der Familie von Hänsel und Gretel geht das Brot aus, der Vater führt seine Kinder in den Wald. Dieser Vorgang deckt sich mit der Erfahrung der Menschen in früheren Jahrhunderten. Bei Hungersnöten gingen sie in den Wald, um Beeren, Früchte, Nüsse, Pilze zu suchen, Tiere zu schießen. Als Kind war es für mich in den Hungerjahren der Nachkriegszeit ein eindrückliches Erleben zu sehen, wie Hunderte von Frauen, Kindern und Männern in den Wald zogen, um dort Bucheckern zu sammeln, aus denen in der Mühle meines Vaters Öl geschlagen wurde. Viele Märchen erzählen von dieser nährenden Funktion des Waldes.

Hans mein Igel hält es zuhause nicht länger auf der Ofenbank aus, zieht mit einer Herde Schweine und Esel in den Wald, bleibt dort viele Jahre, bis sich seine Herde vergrößert hat, er am Ende als gemachter Mann König wird. Auch hier folgt das Märchen menschlichem Alltag, denn bereits im Mittelalter war der Wald kein ungestörter Naturwald mehr. Er diente u.a. als Waldweide und bot in seinen Eichenwäldern Mastfutter für Schweine und andere Haustiere.

In Die Gänsehirtin am Brunnen gelangt die verstoßene Königstochter in den Wald, in den auch ein steinaltes Mütterchen jeden Tag mit seiner Krücke wackelt, um Gras abzusicheln, wildes Obst zu pflücken.

Im Mädchen ohne Hände geht der verarmte Müller zum Holzhacken in den Wald. Der Wald wurde genutzt, um Gebrauchsgegenstände für den Alltag herzustellen, Brennholz zu schlagen. Im Märchen läßt der Wald die suchenden Menschen nicht im Stich.

Brüderchen und Schwesterchen
, von der Stiefmutter aus dem Haus geprügelt, landen im Wald, finden Unterschlupf. Über viele Jahrhunderte hinweg bot der Wald immer auch Heimat für Entrechtete, Verfemte und Ausgestoßene. Robin Hood durchstreift den Sherwood-Forest auf dem Bildschirm vieler Fernsehserien bis heute. Schinderhannes lässt grüßen, und das Wirtshaus im Spessart hat wieder geöffnet.

Der Weg in den Wald geht ins Ungewisse

Das Märchen malt kein detailliertes Bild des Waldes. Die näheren Angaben heißen tief, dunkel, wild, finster, gefährlich. Damit müssen wir uns begnügen, stoßen dadurch aber auf einen Raum, den die Phantasie ausgestalten kann.

Wer in den Wald geht, macht diesen Schritt nie ohne innere und äußere Notwendigkeit. Da Leidensdruck ein Beine machender Weggefährte ist, fallen solche Wege nicht leicht, werden als schmerzliche Loslösungen von allem Bisherigen erlebt. Es geschieht eine Umkehr, denn den Wald erreicht nur, wer der menschlichen Siedlung den Rücken kehrt. Weil es dabei auch eine Grenze zu überschreiten gilt, ist der Weg in den Wald nicht ungefährlich. Viele sind darin verloren gegangen, haben aus dem Gestrüpp und Dickicht des Waldes, der auch ein Bild ihrer Menschenseele sein kann, nicht mehr herausgefunden. Wer in den Märchenwald hineingeht, begibt sich in seine inneren Wälder, die ein Bild seines Unbewussten, seiner Natur sind. Der Wald konfrontiert mit der natürlichen Seite des Lebens, die, im Bereich der Zivilisation des Alltags häufig vernachlässigt, eine Korrektur der Lebenseinstellung verlangt.

Das Sterntaler-Mädchen verdeutlicht diese Erfahrung. Sein Weg ist gekennzeichnet durch Hergeben und Loslassen dessen, was bisher seine Person ausmachte. Der Weg in den Wald ist ein Abstieg, der die Konzentration auf das Wesentliche fordert. Am Ende steht das Mädchen nackt im Wald und hat, wie in einem religiösen Ritual, alle irdischen Hüllen abgelegt. Diese rituelle Nacktheit bevorzugt die Dämmerung. Das Märchen lässt es ganz dunkel werden, um das Mädchen bereit zu machen für das Erlebnis des Sternensegens. Der Wald schenkt ein neues Kleidungsstück, ein neues Hemd berührt die Haut, ein Mensch ist sich neu geboren. So kann der Weg in den Wald zu einem Wandlungsgeschehen führen, dessen religiöser Charakter spürbar ist.

Gleichzeitig macht dieses Märchen deutlich, dass der Wald im Märchen zum Ort der Initiation werden kann. V. Propp weist in seinem Werk Die historischen Wurzeln des Zaubermärchens nach, dass auf der ganzen Welt übereinstimmend dieser Ritus im Wald stattfand. Gab es den nicht, so war es ein Gebüsch, ein Dickicht außerhalb der menschlichen Siedlung. Der Aufenthalt im Wald, verbunden mit Prüfungen, dem Erleben von körperlichem Schmerz, Einsamkeit und Angst, stellte ein partielles Sterben dar. Während des Ritus starb der Knabe im Initianden, der als neues Mitglied der Erwachsenen wieder geboren wurde. Die Initianden erfuhren im Wald das Sterben der Natur, sie starben mit und wandelten sich im Prozess des Kreislaufs von Leben - Tod - Leben der Natur. Außer neuen Kleidern erhielten sie andere Namen, um den neuen Persönlichkeitsanteil auszudrücken.

Das Geschehen im Wald spiegelt den einst gelebten Ritus in der Generationenfolge der Menschen. Es war nicht der durchgeforstete Wald der Kiefern-Monokulturen, sondern der Urwald, sich selbst überlassen, wo Totholz neben jungen Pflanzen seinen Platz hatte. Bäume verschiedener Alters- und Entwicklungsstufen wuchsen miteinander. Heute ist es ein Jammer, dass viele Bäume in unseren Wäldern ihre natürlichen Reifestadien nicht mehr erreichen dürfen und gefällt werden, wenn der Zollstock des Försters die gewünschte Stammesdicke misst. Der zyklische Kreislauf von Leben und Tod zeigt nachhaltige Störungen.

Der Weg in den Wald führt zur Waldfrau

Wer sich in der Einsamkeit und Stille des Waldes aufhalten muss, sich seiner unbezwingbaren Macht aussetzt, erlebt die Angst, verlorenzugehen, stecken zu bleiben, in die Irre zu gehen, nicht mehr herauszufinden. Auf diese Ohnmacht gibt das Märchen eine Antwort im Bild der vielen Helfergestalten, die den Wald bewohnen. Unter ihnen nimmt eine weibliche Gestalt, die Waldfrau, einen zentralen Platz ein. Im Süßen Brei ist sie eine alte Frau, die dem suchenden Mädchen, das mit seiner Mutter in Not geraten ist, ein Töpfchen schenkt, welches dem Hunger ein Ende bereitet. Die mütterliche Kraft hatte ihre nährende Funktion eingebüßt. Das Mädchen als die junge, zukunftsgerichtete Potenz wendet sich der übergeordneten Naturmutter zu und begegnet ihr im Wald. Ungerufen greifen diese Mächte nicht ins menschliche Leben ein; ihr Wirkungsbereich ist der Wald.

Die alte Frau wird zum Dreh- und Angelpunkt des Märchens. Ihr Auftauchen aus dem Dunkel des Waldes wendet das Schicksal des Mädchens. Das Geschenk des magischen Töpfchens verweist sie in den Bereich der Großen Mutter, die menschliches Leben gibt, erhält und stetig wandelt.

Jacob Grimm erwähnt die Waldfrauen in der Deutschen Mythologie. Ihr Aufenthaltsort ist der alte heilige Wald. Sie verfügen u.a. über die Fähigkeit der Heilkunst, gehören zum Kreis der Göttin Holda. In nordischen Wäldern treten diese Huldren bald jung und schön, bald finster und alt auf. Ihre Wandlungsfähigkeit macht sie den Menschen unheimlich.

Huldra, eine graugekleidete alte Frau, geht an der Spitze ihrer Herde durch den Wald, den Melkeimer in der Hand. Sie verkörpert den weiblich-mütterlichen Bereich, doch kann die Begegnung mit ihr auch von der unfreundlichen Art sein, wenn sie sich plötzlich umdreht und die liebevoll gütige Waldfrau ihren langen Kuhschwanz zeigt, vor dem die Männer meist erschreckt fliehen, weil sie erst an dieser Stelle merken, dass sie es mit einer Gestalt aus der Welt der Naturgeister zu tun haben. Diesen Aspekt der Waldfrau sucht man in den Grimm`schen Märchen vergebens, die Frauen im Wald sind dort ihrer Schwänze beraubt.

Die Waldfrauen gehören zu den Vegetationsdämonen, mit denen die vom Ackerbau lebenden Menschen in guten Beziehungen zu stehen bedacht waren. Wenn ein Bauer einen Acker eingesät hatte, warf er einige Körner der Saat in die Büsche des nahen Waldes. Auf diese Weise rückversicherte er sich bei den unsichtbar mitwirkenden Mächten, deren Mithilfe beim Wachsen der Saat er brauchte.

Große Hilfsbereitschaft wird diesen Gestalten zugeschrieben. Sie nähren im Wald verirrte Menschen, zeigen ihnen Auswege. Diese Holzfräulein, die auch Waldweiblein, Moosweiber, Buschweibchen genannt werden, können u.a. sehr gütig sein, die Menschen mit Laub beschenken, das sich in Gold verwandelt. Sie helfen der bäuerlichen Wirtschaft, am Wochenbett und nehmen sogar Patenstelle bei Menschenkindern an. Das siebenbürgische Märchen Das Rosenmädchen erzählt von einem Waisenknaben, der bei einer guten Waldfrau aufwächst. Sie verkörpert die zweite Mutter des Waisen und weist darauf hin, dass Menschen zweierlei Eltern haben, leibliche und geistliche. So schafft sich menschliche Phantasie ein Bild des Trostes für alle die Menschenkinder, die unter kinderunwürdigen Umständen groß werden müssen. Gleichzeitig steckt in dieser archetypischen Mutter die Freiheit, im Leben mehr werden zu dürfen als die biographischen Eltern ermöglichten. Der Weg in den Wald hilft dabei, Kindheitsmuster zu verlassen. Das Motiv der zwei Mütter verweist auf den Gedanken der doppelten Geburt.

Waldminchen - die große Wandlerin

Das Märchen Waldminchen erzählt von einem zänkischen und eigensinnigen Einzelkind, mit dem seine Eltern nicht mehr fertig werden - ein solches Kind würden wir heute als verhaltensgestört bezeichnen und schleunigst zur Erziehungsberatungsstelle bringen. Nachts, als das böse Mädchen mal wieder nicht schlafen will, die Mutter nicht mehr weder aus noch ein weiß, ruft diese in ihrer Not: „Ich wollte, Waldminchen käme und holte dich!" Die Waldfrau erscheint, eine Lichtgestalt in majestätischer Pracht, begleitet von lLchter tragenden Hasen und nimmt das schreiende Kind hinaus in den Wald. Dort lernt es in einem langen Entwicklungsprozess, sein starres, Leben hemmendes Verhalten zu überwachsen.

Waldminchen, die Waldfrau, tritt hier als Herrin der Tiere auf; das Begleittier Hase bringt sie in die Nähe zu Diana. Auch Holda ließ sich bei ihren nächtlichen Wanderungen von Hasen Lichter vorantragen. Kräfte der Fruchtbarkeit, des Wachstums und neuen Lebens sind in Waldminchen personifiziert. Gleichzeitig vertritt sie die ordnende Kraft im Wald und achtet darauf, dass ihre Gesetze eingehalten werden. Sie hilft den Menschen, sich an das Entwicklungsgesetz des Lebens wieder anzuschließen, behebt Stagnation und Erstarrung, denn ihr Leitspruch heißt: "Was jung ist, wird alt, was alt ist, wird jung."

Das ungeborgene Straßenkind erfährt sich getragen von der strengen, aber sehr sorgsamen Naturmutter, die in einem ständigen Dialog mit dem Kind sich befindet und nachwachsen lässt, was in seinem Wachstum gestört war. Die Waldfrau wird hier zur großen Heilpädagogin Natur. Tief im Innern des Waldes gebietet sie als Herrin der Zeit über drei große Mühlräder, dreht das Schicksalsrad und damit jeden Menschen durch die Mühle. Auf diese Weise garantiert sie die ständig in uns ablaufenden Wandlungsvorgänge und schenkt die Gabe, mit seiner Lebenszeit identisch zu werden, in seiner Zeit zu leben. Am Ende des Märchens hat sich mit dem Kind die ganze Familie verändert. Das schön gewordene Mädchen verlässt die Waldfrau reich beschenkt und bleibt in lebenslangem Kontakt mit ihr.

Im Wald trifft der Suchende auf sein Schicksal

Läuft es am Ende doch auf eine Wald-Mystifizierung hinaus, wenn die drei Nornen in Waldfrauengestalt am Wegesrand auftauchen? Nein, denn gerade ihr Erscheinen schützt vor der Neigung, sich in eine kindliche Waldsehnsucht hineinzuflüchten. Ohne sie führte der Weg in den Wald in eine Sackgasse. Das gibt es in Märchen auch; Wege verlieren sich ins Dunkel zu Frau Trude. Leben versteinert zum Denkmal durch die Berührung mit der Hexenseite der Waldfrau. Sie wartet nur auf die nach Lebkuchen Suchenden, stopft ihnen das Maul, bis sie an ihrer Gier zugrunde gehen. Die finden den Weg aus dem Wald nicht heraus, fixiert auf die Sehnsucht nach vergangenem Kindheitsglück.

Wer aus dem Wald herausfindet, hat seine Not, die ihn dort suchen ließ, angenommen und sich mit seiner Lebenslast ausgesöhnt. Die Alte im Wald aus der Gänsehirtin am Brunnen lädt jedem, der ihr begegnet, den Buckel voll mit dem Bündel, das sie als „das Seine" bezeichnet. Im Dunkel des Waldes schärfen sich die Augen, Verborgenes gewinnt Gestalt und will mit nach Hause genommen werden. So wird im Wald viel Integrationsarbeit geleistet; der Lohn besteht in einer Zunahme an Lebensenergie. Wie es in den Wald hineinschrie, klingt es am Ende nicht heraus. Das Echo des Klagens hallt nicht länger wider. Der Aufenthalt bei der Waldfrau schenkt Einsichten in die Zusammenhänge des Lebens, die eine Daseinsbejahung zur Folge haben. Dies ist die neue Kraft, die aus dem Wald hinaustreibt und erneut zu den Menschen führt. Reich beschenkt stehen viele Märchenhelden hinterher an einem Neuanfang ihres Lebens. Nüchtern, dem Leben neu verbunden, überschreiten sie die Grenze des Waldes. Die Natur wird nicht zum Gott gemacht, die Waldfrau nicht himmlisch überhöht.

Das Märchen erzählt die beschriebenen Erfahrungen in seiner Bilder- und Symbolsprache. Eine Gestalt wie die Waldfrau stellt eine Verdichtung von Widerfahrnissen dar, die der Wiederherstellung gestörter Lebensabläufe dienen. Solange wir diesen Bildern und Phantasien in unserem Leben Raum geben, wirkt die Waldfrau des Märchens in uns und draußen im Wald. Das Innen braucht das Außen, das Außen braucht das Innen. Auf diesen einfachen Satz läuft das Thema Der Wald im Märchen zu. Der kranke Wald braucht die heilenden Kräfte des Märchens, um auch in Zukunft für unsere Kinder und Enkel ein Ort geheimnisvollen Wandlungsgeschehen sein zu können.

Literaturhinweise:

Akademie der Künste, Berlin: Waldungen - Die Deutschen und ihr Wald, Nicolaische Verlagsbuchhandlung Berlin, Katalog 149
Bächtold - Stäubli: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Walter de Gruyter, Berlin
Beit, Hedwig v.: Symbolik der Märchen, Gegensatz und Erneuerung, Franke Verlag Bern
Brosse, J.: Mythologie der Bäume, Walter Verlag
Canetti, Elias: Masse und Macht, Fischer TB 6544
Gehrts, H.: Der Wald, in: Die Welt im Märchen, EMG Röth Verlag Kassel
Grimm (Brüder): Kinder und Hausmärchen, Reclam Verlag Stuttgart
Grimm, Jacob: Deutsche Mythologie, Drei Lilien Verlag Wiesbaden
Harrison, R:P.: Wälder - Ursprung und Spiegel der Kultur, Carl Hanser Verlag
Propp, V.: Die historischen Wurzeln des Zaubermärchens, Hanser Verlag
Reinicke , H.: Märchenwälder - Ein Abgesang, Transit Verlag
Röhrich, L.: Sage und Märchen, Herder Verlag Freiburg
Zaunert, P.: Deutsche Märchen seit Grimm, Diederichs Verlag

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Stand: April 2015