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"Wenn ich den Führerschein mache, lebst du dann noch?"

Evangelischer Bezirksfrauentag in Teningen beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Großeltern zu ihren Enkeln / Beziehungsgeflecht zwischen den Generationen

 TENINGEN. Der Bezirksfrauentag wurde bestimmt durch das Referat der Freiburger Autorin Gertrud Ennulat, die bei ihrem Referat "Oma und Opa sind spitze" 160 Zuhörerinnen hatte.
Das neue Gemeindehaus konnte gerade noch alle Vertreterinnen der evangelischen Frauenkreise aus dem Landkreis aufnehmen. Hanna Fexer, die zusammen mit Christine Egelhofer und Ursula Toball für die zweimal im Jahr stattfindenden Bezirksfrauentage verantwortlich zeichnet, freute sich über das große Interesse. Sie wertete es als Beweis des Funktionierens dieser Frauenkreise auf dem Lande. In vielen Städten gebe es diese Kreise schon nicht mehr.
Der Teninger Frauenkreis, der als "Frauentreff" fungiert, bewies mit der Vorsitzenden Elisabeth Engler, dass es sich um eine sehr arbeitswillige Gruppe handelt. Die Gäste wurden mit einem großen Kuchenbüffet empfangen. Die Kollekte diente der Mutter-Kind-Erholung und einer Sozialeinrichtung, die Migranten-Kindern hilft, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern.

Zum Abschluss hielt Pfarrer Fexer in der Kirche eine Abendandacht mit den Besucherinnen des Bezirksfrauentags ab.. Kernstück der Veranstaltung aber war der Vortrag der Pädagogin Gertrud Ennulat, die mit beeindruckender Deutlichkeit über den Eintritt von Enkeln in das Leben von Oma und Opa sprach. Sie referierte besonders über die Veränderungen im Beziehungsgeflecht von Eltern und Großeltern und sparte auch nicht die Konflikte zwischen den zwei älteren Generationen auf, die oft auch auf dem Rücken des Nachwuchses ausgetragen würden.

Ennulat würzte ihr Referat mit vielen praktischen Beispielen, ließ aber doch die soziologische Grundlage stets spüren. Während des ganzen Vortrags herrschte eine fast andachtsmäßige Stille. Viel zustimmendes Kopfnicken war besonders dann angesagt, wenn sie über die Verbindungen zwischen Großeltern und Enkeln sprach oder über deren Einwirkungen auf das Altersbewusstsein: "Oma und Opa fühlen sich jünger."
Diese "Kraftübertragung" zwischen den Generationen sei früher auch an Bräuchen deutlich gemacht worden. Zum Beispiel, wenn die neugeborenen Buben in ein altes Hemd der Großmutter und die Mädchen in eines des Großvaters gewickelt worden seien. Früher sei von Geburten nicht nur das Leben der Eltern, sondern das der ganzen Großfamilie beeinflusst worden.

Doch die Zeiten seien auch früher hart gewesen. "Die immer heile und harmonische Familie gibt es nicht." Ganz kritisch werde es, wenn Belehrungen der älteren Generation mit den Worten "zu meiner Zeit" begännen. Andererseits könnten Enkel auch Gräben zwischen den Eltern und Großeltern zuschütten. Doch manchmal entstünden Eifersüchteleien zwischen Eltern und Großeltern. Die Enkel kämen dann in Zuneigungskonflikte, laut Ennulat "Folterschmerz geteilter Loyalität".
Andererseits seien diese Konflikte für die Kinder in der Erziehung wichtig, würden sie doch auch Problemlösungen lernen. Enkel würden auch von sich aus Gräben zuschütten, ein Gedanke, der sich in Grimms Märchen "Der alte Großvater und der Enkel" niederschlage, ein Motiv, das in sehr vielen Ländern beschrieben würde.
Auch das Zeitbewusstsein sei bei Kindern ganz anders ausgeprägt und zwinge Oma und Opa zum Nachdenken - so wenn der Enkel die Altersflecken zählt oder scheinbar leichten Herzens mit dem Tod umgehe. Auch hier hatte die Referenten, selbst vierfache Großmutter, bei einem ihrer Enkel zugehört. Der Sechsjährige fragte sie: "Wenn ich den Führerschein mache, lebst du dann noch?"

Karlernst Lauffer
Badische Zeitung vom 15. November 2004

 

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Stand: April 2015