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 Erziehung-Tod

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Erziehung im Angesicht des Todes - eine pädagogische Herausforderung

Thema der Tagung vom 18./19. November 2000  im Bildungshaus St. Vergil, Salzburg: „Memento Mori für Kinder und Jugendliche?“

Thesenpapier
zu meinem  Vortrag
  „Der Tod in der Erziehung“

1.   Einstellungen dem Tod gegenüber sind Wandlungen unterworfen. Das Kind, das Erfahrungen mit dem Tod gemacht hatte, war in der Vergangenheit kein ausgewiesenes Objekt pädagogischen Nachdenkens. Vielleicht hat die hohe Kindersterblichkeit früherer Jahrhunderte zu der scheinbaren Gleichgültigkeit und Schwierigkeit im Umgang mit dem Phänomen Kind und Tod beigetragen.

2.   Der Tod wurde bewusst als Angst und Schrecken auslösendes Erziehungsmittel in Geschichten und Gedichten der letzten Jahrhunderte eingesetzt. Erst nach dem 2. Weltkrieg rückten Kinder unter dem Einfluss der Psychologie ins Blickfeld des Interesses, bekam Bowlby den Auftrag, nach den Auswirkungen von Kriegserfahrungen bei Kindern zu suchen, bewirkten die Erkenntnisse der Trauma-Forschung ein Umdenken, das aber nur sehr langsam in pädagogische Überlegungen einfließt.

3.    Im Angesicht des Todes zeigt sich Pädagogik bis heute meist sprachlos. Sie vermittelt ihren didaktisch und methodisch aufbereiteten Inhalt und tut sich schwer, die problematische und perspektivisch gebrochene Welt zu zeigen. Dabei negiert sie die Eigengesetzlichkeit des kindlichen Wahrnehmens und Strukturierens von Wirklichkeit. Gleichzeitig rationalisiert sie ihr Unvermögen mit der Sorge um die nicht betroffenen Kinder, die es zu schützen gilt vor Einsichten in die Endlichkeit des Lebens. Da Fortbildungen die spezifische Sprache kindlicher Trauer meist nicht thematisieren, wird die falsche Aussage, Kinder stecken den Tod weg, weiter tradiert.

4.   Der pädagogische Grundsatz von Führen und Wachsenlassen möchte Überforderung durch Verfrühung vermeiden, folgt dem Ideal zeitgemäßer Reifung und weist dem Erzieher eine wichtige Schutzfunktion zu. Heutige Pädagogik bevorzugt das offene, neugierige Kind, das auf die Welt zugeht, die sich ihm schrittweise, d.h. den entwicklungspsychologischen Erkenntnissen folgend, erschließt. Der Tod setzt dieses pädagogische Wunschdenken schachmatt! Ohnmächtig geworden, kann der Erzieher keinen lebendigen Kontakt mit der Realität herstellen.

5.   Erziehen im Angesicht des Todes aber heißt, die Welt in ihrer Ambivalenz zu vermitteln, die Dunkelseite nicht auszusparen, denn aus der Gegensatzspannung entsteht gesundes Leben. Notwendig sind sensible Pädagogen, die der Bandbreite menschlicher Existenz emotional offen gegenüberstehen, Zugang zum eigenen seelischen Erleben haben, die Ohnmacht aushalten. Diese innere Haltung ermöglicht Kindern das Fragen nach dem Tod. Seismografisch spüren sie in die Seele des Erwachsenen hinein.

6.   Ein trauerndes Kind hat das Recht, in seinen ambivalenten Strebungen gesehen zu werden. Jede Gruppe hat ein Recht darauf, an seiner Erfahrung Anteil nehmen zu dürfen, ihre emotionale Kompetenz zu erweitern. Die Integration des Todes im erzieherischen Alltag trägt dazu bei, Erfahrungen von Isolation und Kälte zu lindern. In einem geschützten pädagogischen Raum zeigen Kinder eine große Natürlichkeit und vielfältige kreative Ausdrucksmöglichkeiten im Umgang mit dem Tod. Wenn es um Erfahrungen der Endlichkeit geht, wird das schulische Curriculum durch den Lehrplan des Lebens erweitert. Gespräche über den Tod fördern die Solidarität in der Gruppe. Gleichzeitig wird der Tod als Erziehungsfaktor in der Biografie eines Kindes wahrgenommen. Diese Zeichnung des Schicksals setzt auch Überlebenskräfte frei.

7.   In der Kinder- und Jugendliteratur hat die kindliche Todeserfahrung einen bevorzugten Platz, z.B. Oliver Twist, Gebrüder Löwenherz, Harry Potter, Krabat, Momo, Heidi, Dschungelbuch, Pippi Langstrumpf, Huckelberry Finn, Tom Sawyer ...

8.   Der situationsorientierte Ansatz heutiger Kindergartenpädagogik räumt dem Erleben des Kindes Priorität ein vor der Einhaltung des Jahresplans. Der Tod betritt dann mit dem Kind, das einen Todesfall erlebt, den Gruppenraum und hat für einige Zeit den ihm gebührenden Platz. Die pädagogische Herausforderung Tod wird hier beispielhaft angenommen.

9.   Ebenso beispielhaft arbeitet in England William’s Wish, eine von der „national health“ geförderten Einrichtung, die auf Kinder und deren Familien nach einem Todesfall zugeht, ihnen aus der Isolation durch Angebote der Trauerarbeit in Zusammenarbeit mit schulischen Einrichtungen heraushilft.

 

Vortrag: 

"Der Tod in der Erziehung"

An meiner Themenformulierung wird deutlich, dass es nicht selbstverständlich ist, im Angesicht des Todes zu erziehen. In der Tat ist dies von anderer Qualität als die Einführung der Subtraktion oder der Gebrauch des scharfen ß nach der neuen Rechtschreibung. Wenn es sich dabei um eine Herausforderung handelt, dann übersteigt der bewusste Umgang mit dem Tod im Bereich der Erziehung den herkömmlichen Rahmen pädagogischen Handelns. Herausforderungen ragen heraus aus den Anforderungen des Üblichen. Der englische Historiker Toynbee wies in diesem Zusammenhang auf challenge and reponse hin, machte deutlich, wie Herausforderungen auf eine Antwort hinzielen. Wer herausgefordert wird, verlässt einen gesicherten Ort und macht Schritte auf einem ungewissen Stück Weg, wobei Unsicherheit oder Ängste nicht ausbleiben. Wenn sie jedoch wahrgenommen werden, helfen sie beim Antwortgeben.

Bei der Formulierung im Angesicht des Todes geht es mir um einen pädagogischen Standort in der Welt, welcher die Ambivalenz des Lebens berücksichtigt und den dunklen Pol menschlicher Existenz nicht aus dem Auge verliert. Dies entspricht dem Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen!

In meinem Referat suche ich nach Ursachen für die Schwierigkeiten der Pädagogik mit dem Thema Kind und Tod und stelle den Erwachsenen / Pädagogen dar in wechselnden konkreten Erziehungssituationen. Hauptanliegen ist dabei das Kind, welches erste Erfahrungen mit dem Tod macht oder gemacht hat, denn mit einem solchen Kind gelangt diese Thematik ja ins Klassenzimmer, in den Gruppenraum. Ich werde zeigen, wie im normalen Geschäft der Erziehung der Tod, die Trauer eine von den vielen roten Fäden sein können, die kontinuierlich durchs Jahr begleiten.

Gegen Ende werfe ich einen kurzen Blick in die Kinder- und Jugendliteratur der letzten Jahrzehnte, um zu sehen, wie dort die Konfrontation Kind und Tod dargestellt wird. Den Bericht über eine pädagogisch-psychologisch arbeitende Initiative in England verwende ich als Podiumsbeitrag und suche gleichzeitig eine Antwort auf die Frage, ob spezifische Trauergruppen für Kinder sinnvoll sind.

Was kümmert uns Pädagogen das Ende des Lebens? Was sollen wir uns mit dem Tod beschäftigen? Besteht nicht unsre primäre Aufgabe darin, Kinder in ihren natürlichen Reifungsprozessen zu unterstützen? Sind wir in unserer Arbeit nicht einem Gärtner vergleichbar, der in seiner Baumschule für Wachstum sorgt? Wir sind dem Gesetz der Entelechie verpflichtet, d.h. wir fördern die zielstrebigen Kräfte des Kindes, die seine Entwicklung lenken, damit sich seine ursprünglich angelegte Form entwickeln kann. Unsere Devise heißt Führen und Wachsenlassen. Unser Geschäft ist auf Zukunft angelegt. Zuversicht und Vertrauen in sich und in die Welt wollen wir den Kindern vermitteln. Gefahrensituationen werden bewusst gemacht, und wir zeigen, wie sie verändert werden können. Ermutigung, Selbstvertrauen, Erfolgszuversicht bei Rückschlägen, das ist es, was Kinder brauchen. Das Sterben, die Grenze, der Tod, das wird benannt, wenn es unbedingt sein muss. Waldsterben, Baumsterben, aber wir wollen den Kindern doch das Gute im Leben vermitteln. Sicher - manchmal stirbt halt doch jemand. Aber dafür ist der Kollege von der Glaubensfakultät zuständig. Bei dem steht der Tod schließlich im Lehrplan.

Nach diesem Monolog sieht es fast so aus, als ob die Frage Ist der Tod ein verdrängtes Thema in der Erziehung? schon beantwortet ist. Aber ich möchte verstehen, wie es zu diesen Schwierigkeiten kommt.

Zunächst geht mein Blick zurück in die Geschichte früherer Jahrhunderte, denn Einstellungen dem Tod gegenüber sind Wandlungen unterworfen. Philippe Aries macht in seiner Geschichte des Todes deutlich, wie zu Beginn des 20.Jahrhunderts die Tendenz sich durchsetzt, den Tod aus der Gesellschaft auszuklammern, die Trauer abzuschaffen. Diese Veränderungen hatten in erster Linie negative Auswirkungen auf die Kinder. Solange im Angesicht der Gemeinschaft gestorben wurde, kamen die Kinder auf ihre Kosten, d.h. sie lernten sinnenfällig, wie das Sterben in den natürlichen Ablauf des Lebens integriert war. Da sie angewiesen sind auf konkrete Eindrücke und auf die Anteilnahme an der Trauer der Erwachsenen, hatten sie die Möglichkeit, eigenes Trauergefühl zu entwickeln. Mit dem Ende dieser Sterbenskultur gerieten die Kinder ins Abseits, begannen die Schwierigkeiten der Erwachsenen, wurden die Kinder kaum noch informiert, oft falsch informiert, im Unklaren gelassen oder einfach belogen. Scheinbar macht es ihnen ja nichts aus.

Die stecken das doch weg! Denen macht der Tod doch gar nichts aus! Neulich bei der Beerdigung waren Kinder dabei, die haben gelacht! Solche Äußerungen sind bis heute oft zu hören. Zunächst ärgern und empören sie mich, aber dann muss ich zugestehen, dass an diesem schwierigen Verhältnis von Kind, Tod und Pädagogik das Kind mit beteiligt ist, weil seine Trauer oft nicht klar zu verstehen ist, da sie so anders verläuft als die der Erwachsenen. In erster Linie ist es die Sprunghaftigkeit seiner Traueräußerungen, die dem Erwachsenen fremd ist. Kinder können massive Trauerausbrüche äußern, liegen am Boden wie zerstört, um sich dann plötzlich, als ob nichts gewesen wäre, wieder davon zu entfernen. Kinder trauern gleichsam auf Raten. Dieses Verhalten, das in erster Linie dem Erhalt ihrer seelischen Stabilität dient, überfordert viele Erwachsene. Solange aber kindliches Trauerverhalten nicht Thema von Fortbildungsveranstaltungen für Pädagogen wird, blockieren diese veralteten Einstellungen weiterhin den Umgang mit dem Tod in der Erziehung.

Auf der Seite der Erwachsenen kommt noch erschwerend hinzu: sie wollen sich vor allem den Anblick eines trauernden Kindes ersparen, um ihr eigenes Kindheitsideal nicht in Frage stellen zu müssen. Erwachsene lieben am meisten fröhliche und lachende Kinder, und Kinder passen sich in ihre Vorlieben ein. Gleichzeitig ist es schwer, die Frage zu beantworten, wie eigentlich ein trauerndes Kind aussieht. Am einfachsten hat es der Erwachsene mit dem weinenden Kind, denn Tränen lösen die Bereitschaft zum Trösten aus. Schwerer haben es dann die still trauernden Kinder, vor allem aber die, welche mit der Last ihrer Trauer nur dadurch ins Gleichgewicht kommen, dass sie albern, Quatsch machen, cool werden. Eine Kollegin klagt, weil sie ihr Mitgefühl für einen Jungen, dessen Mutter im Sterben liegt, nicht anbringen kann, da der Junge dies mit seiner coolen Abwehr vereitelt. Dieses Sich-kalt-Stellen gehört aber ins Verhaltensrepertoire von Kindern, denen emotional zu viel abverlangt wird. Ihre Wunde hat sich mit einer Eisschicht umgeben. Wir sollten es ihnen nicht verübeln, denn diese Vereisung dient dem Schutz ihrer Person.

Die folgende Frage, die mir beim Blättern in Aries Buch kam, möchte ich an Sie weitergeben. Ob die große Gleichgültigkeit vieler Erwachsener dem Thema Tod bei Kindern gegenüber etwas zu tun hat mit der hohen Kindersterblichkeit früherer Jahrhunderte? Dort wurde ja sichtbar: Kinder stehen dem Tod näher als Erwachsene, können von ihm schnell zurückgeholt werden. Diese Gefährdung kindlichen Lebens schlägt sich auch nieder in den vielen Geschichten und Gedichten der letzten beiden Jahrhunderte, die als sogenannte Kinderschreckgeschichten pädagogisch gezielt eingesetzt wurden. In vielen Varianten wurden sie in meiner Kindheit noch erzählt. Der Tod wurde als Angst und Schrecken auslösendes Erziehungsmittel eingesetzt. Stets wurde ein unvorsichtiges Kind in extremer Gefahrensituation beschrieben. Es hatte ein Verbot missachtet und bezahlte dafür mit dem Leben. Fritz der Näscher z.B. ist scharf auf Zucker und schleckt gerne, aber am Ende schleckt er Arsen, das ja so aussieht wie Zucker, offensichtlich in jeder bürgerlichen Küche verwendet wird, und aus ist es da mit diesem unartigen Kind. Die Moral dieser Geschichten hieß, der Tod ist die natürliche Strafe kindlichen Ungehorsams. Das Unglück ist die Folge eines Fehlverhaltens und deshalb vermeidbar. Auf diese Weise verlor der Tod seinen metaphysischen Schrecken, aber dafür stieg die Lebensangst!

Ich wende mich nun wieder der Gegenwart zu, um die Sprachlosigkeit heutiger Alltagspädagogik im Hinblick auf den Tod an folgendem Beispiel zu verdeutlichen: In einer vierten Klasse hatte ich eine Vertretung, denn der Vater der Klassenlehrerin war gestorben. Es war die erste Schulwoche im Januar. Die Kollegin bat mich, ein Gedicht zum Ablauf der Zeit zu behandeln. Das tat ich gerne, schien es mir doch eine gute Gelegenheit, auch über den Todesfall mit den Kindern zu sprechen. Sehr erstaunt war ich aber dann doch, dass sie nicht wussten, warum ihre Lehrerin nicht da war. Als ich sie informierte, ergab sich sofort ein sehr intensives Gespräch, fiel es manchen Kindern wie Schuppen von den Augen, weil sie sich nun das veränderte Verhalten ihrer Lehrerin erklären konnten. Ein Junge meinte: Da muss etwas passiert sein, das hab ich der angesehen. Mit dieser Aussage verweist er darauf, wie aufmerksam, hellhörig und sensibel Kinder ihre Lehrer wahrnehmen, wie sie sich Gedanken und Sorgen um diese machen und wie sie darauf angewiesen sind, dass der Erwachsene sich klar, d.h. eindeutig äußert, denn sie spüren die Diskrepanz sofort. Dieses alltägliche Beispiel zeigt aber auch, wie die Chance, über den Tod in der Schule zu sprechen, sich plötzlich anbietet, spontan genutzt werden will, wie sie aber häufig nicht wahrgenommen wird. Heute passt es nicht, morgen oder irgendwann. Wir fahren fort; wo waren wir doch gleich stehengeblieben? Seite 25, Anton lies weiter!

Im Kampf mit großen Klassen, schwierigen Kindern in einer sich rasant wandelnden Welt, verbunden mit einer Überfülle stofflicher Vorgaben, die es methodisch-didaktisch geschickt zuzubereiten gilt, legen sich viele Pädagogen Scheuklappen an, um zu überleben. Viele Fragen der Kinder im Hinblick auf ihre Erfahrungen in einer vielfach gebrochenen Welt können nicht gestellt werden. Ich halte diese Fragen nach dem Tod nicht aus, die gehen mir unter die Haut, ziehen mich total runter! Ich kann doch nicht, nur weil Lenas Opa gestorben ist, meine Mathestunde opfern, übermorgen schreiben wir einen Test! Der Tod ist doch ein Einzelfall, die andern interessiert das nicht!

Jetzt scheint es ja so, als ob Erziehen im Angesicht des Todes eine sehr aufwändige Angelegenheit ist. Aber das Gegenteil ist der Fall, denn es sind die leisen Töne, die tief reichen, Gesten des Verstehens. Wenn ein Kind Einblick bekommen hat in den Bereich menschlicher Existenz, der in eine jenseitige Welt reicht, dann wird es vielleicht stumm. Blicke, eine Hand, die über die Haare streicht, eine wissendes Lächeln zeigen, der Erzieher hat das trauernde Kind angenommen. Diese Erfahrung trägt es und lässt es weiter wachsen. Wie sieht also das Profil eines Pädagogen aus, der sich der Ambivalenz des Lebens stellt, sich nicht scheut, die Kinder in eine ambivalente Welt zu setzen, bzw. eine solche Welt in die Kinder zu setzen? Dieses Wortspiel entnehme ich Günther Bittners Buch Kinder in die Welt, die Welt in die Kinder setzen. Welche Kompetenzen benötigt ein Erzieher, um diese Aufgabe zu erfüllen?

Beispiel: In einem ersten Schuljahr malten die Kinder Bilder ihrer Familien, die anschließend an die Wand gehängt wurden. Mitten hinein in dieses entspannte und sehr konzentrierte Tun platzte die Frage eines Mädchens: Kann ich meinen Papa malen, der ist doch tot! Meine spontane Antwort hieß: Natürlich kannst du deinen Papa malen, auch ein toter Papa ist ein Papa! Dieses kleine Geschehen war von großer Wirkung, ein intensives Miteinanderreden begann. Niemand hatte gewusst, dass Saras Vater tot war. Und Sara war unsicher, wohin mit ihrem toten Papa. Sie wirkte erleichtert und gelöst, beantwortete bereitwillig die vielen Fragen der Mitschüler. Am folgenden Tag brachte sie Gegenstände ihres Vaters mit, die für einige Zeit im Klassenraum blieben und auf diese Weise den Vater präsent machten.

Was sind nun die Voraussetzungen, damit Kinder solche Fragen stellen können? Eine Voraussetzung ist die innere Haltung des Erziehers, die geprägt ist von Offenheit im Hinblick auf den Bereich seelischen Erlebens. Ein solcher Erzieher gibt den Kindern Raum, auch ihre Träume zu erzählen, was in starkem Maße dem Abbau von Angst in einer Gruppe dient. Dazu kommt eine geschulte Wahrnehmungsfähigkeit, sich selbst und den Besonderheiten kindlichen Verhaltens gegenüber. Wird das Kind mit seiner emotionalen Befindlichkeit gesehen, dann ergibt sich keine Zensur seiner Äußerungen. Wenn der pädagogische Blick in die Tiefe geht und sich nicht einengen lässt von den Rastern richtig und falsch, entsteht ein großer Freiraum, der, wenn er zum geschützten Raum wird, alle Äußerungsformen des Kindes zunächst unbewertet aufnimmt. Dies ist kein therapeutischer Schutzraum, schließlich wird dort weiterhin das Einmaleins gelernt, aber auch bei diesem Tun kann plötzlich eine existenzielle Frage auftauchen, die Antwort sucht. Auf diese Weise wächst Vertrauen. In diesem Prozess hat der Erzieher eine große Bedeutung, denn seine Anwesenheit bietet die Garantie für ein beständiges Echo durch seine Person, auch wenn er nicht spricht. Kinder spüren diese innere Haltung, sobald sie im Raum sind. Sie stellen sich unbewusst auf diese seelische Gestimmtheit ein. Wer Kinder auf diese Art wahrnimmt, verhindert, dass Todeserfahrungen übersehen werden. Das geschieht ja sehr schnell, und wieder hat das Kind einen Anteil an diesem Verheimlichen-Wollen, denn es möchte ja eigentlich sein wie die anderen, leidet unter der Erfahrung des Todes auch deshalb, weil sie ihn von den andern unterscheidet. Nicht wenige Kinder schämen sich, tun alles, damit nicht ans Licht kommt, was ihnen widerfahren ist. Auf der anderen Seite sind sie froh, wenn ihre Erfahrung im Gespräch geteilt wird, die Scham verschwindet, ihr soziales Verhalten im Umgang mit Gleichaltrigen wieder freier werden kann.

Auffallend ist, dass Äußerungen der Kinder über ihre Todeserfahrungen im pädagogischen Alltag meist wie aus der Pistole geschossen auf den Erwachsenen und die Gruppe treffen. Ganz schnell und unkontrolliert platzen sie aus dem Kind heraus. Deshalb ist rasches pädagogisches Antworten notwendig. Dieses Tun gehört in den Bereich der sog. Akutpädagogik. Die Antwort muss im Moment gegeben werden, duldet keinen Aufschub, denn die einmalige Situation lässt sich am nächsten Tag nicht pädagogisch neu inszenieren. Das zeigt auch das folgende Ereignis: In einer dritten Klasse teile ich den Kindern mit, dass sie am nächsten Tag keinen Unterricht bei mir haben, weil ich mit einer Gruppe auf den Friedhof gehe. Prompt ruft ein Junge : Dann kannst du meine Schwester besuchen! Niemand hatte gewusst, dass er eine kleine Schwester gehabt hatte, die gestorben war. Nie hatte er vorher darüber gesprochen, nie hatte ihn jemand danach gefragt. Aber nun wussten es alle, und es entstand ein tiefes und von viel Verständnis und Mitgefühl geprägtes Gespräch, an dem sich ausnahmslose alle Kinder der Gruppe beteiligten. Das Thema Tod hat nun mal eine existentielle Bedeutung, von der Kinder genauso ergriffen werden wie Erwachsene. Ich denke, es gibt auch ein natürliches Bedürfnis, über das Lebensende zu sprechen. Solche Gesprächsrunden haben die Neigung, ab einem bestimmten Punkt ins Humorvolle zu gleiten. Auf einmal muss gelacht werden, werden Witze gemacht. Das ist gut so, denn Tragik und Komik hängen eng zusammen. Das laute Lachen ist von befreiender Wirkung, weil sich damit der Pol des Lebens wieder deutlich zeigt. In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf die Bedeutung von Kreativität im Angesicht des Todes hinweisen. Die Erfahrung des Todes verlangt geradezu nach schöpferischer Gestaltung, transformiert auf diese Weise das Erleben und verwandelt die dunklen Gefühle. Auch dies ist eine Erfahrung, die Kinder machen können.

Das folgende Beispiel stellt für mich eine geglückte Integration des Todes ins Leben eines Kindes dar. Jacob hat im unteren Viertel seines Malblattes einen waagrechten Strich durchgezogen. Im oberen Teil malte er Häuser und Menschen, darunter ein schwer identifizierbares Wesen. Im Gespräch teilte er mit, das sei sein Papa. Dieser Junge hatte mich und die anderen Kinder gelehrt, wie ein lebendiger Bezug zum verstorbenen Vater über Jahre bestehen kann, ins gültige Weltbild eingefügt ist. Fast in allen Bildern war der Vater zugegen, mal unter der Erde, mal oben aus einer Wolke schauend.

Für das Kind, das in seiner Familie einen Todesfall erlebt hat, wird die Schule, der Kindergarten, der Hort besonders wichtig, weil sie eine Gegenwelt zum Zuhause sein können. Dort bleibt die vertraute Welt stabil. Alles ist noch wie gestern und vorgestern. Diese Erfahrung tut dem trauernden Kind gut. In seiner Kindergruppe erlebt es die verlässliche Kontinuität seines Lebens, und alle wissen, was ihm widerfahren ist. Zuhause hat sich alles verändert, ist nichts mehr wie vorher, sind die bisher tragenden Strukturen ins Wanken geraten.

Diesem wissenden pädagogischen Blick kommt eine große Bedeutung zu. Deshalb sollte bei jedem Kind, das bereits Todeserfahrungen machen musste, eine Notiz in seiner Karteikarte darauf verweisen. Warum diese Sonderbehandlung? Ist es eine Sonderbehandlung, wenn es dem Kind, das an Allergien leidet, gleichgestellt wird? So wie dieses vor toxischen Reaktionen geschützt werden soll, hat auch das Kind, das den Tod erlebt hat, ein Recht, in seiner Besonderheit gesehen zu werden. Für diese Kinder bedeuten alle zukünftigen Trennungen und Übergangssituationen, alles Abschiednehmen eine große Belastung, denn sie berühren die Wunde. Nur wer weiß, was das Kind im Rucksack seines Lebens trägt, kann es dann verstehen.

Beispiel: Beim Versteckspielen in einer 4. Klasse war ein Junge unauffindbar. Erst eine Stunde nach Spielende tauchte er in einer desolaten Verfassung auf, schrie, brüllte, weinte und schlug auf alle ein, die ihm zu nahe kamen. Was war geschehen? Stolz auf sein gutes Versteck hatte er erleben müssen, dass ihn niemand findet. Er ging sich verloren und drückte in seinem Verhalten seine Verlassenheitsangst aus. Er war blind vor Wut, weil niemand ihn gefunden hatte. Es dauerte lange, bis sich seine Affekte beruhigten. Für diesen Jungen war das Ende der Grundschulzeit eine sensible Übergangszeit, konfrontierte sie ihn doch erneut mit dem Abschied nehmen müssen wie beim Tod des Vaters vor einem Jahr. Die bisherige Stabilität seiner vertrauten Schulwelt brach auseinander, massive Ängste machten sich breit. Nur wer um seine Todeserfahrung weiß, kann nach vollziehen, was ihm widerfuhr. Das ist Erziehen im Angesicht des Todes.

Den größten Impuls, Kindern das Thema Tod nicht vorzuenthalten, hat der situationsorientierte Ansatz aus dem Bereich der Vorschulpädagogik gegeben. Ihm verdanken wir die meisten der in den letzten Jahren entstandenen Bücher, auch mein Buch Kinder in ihrer Trauer begleiten – ein Leitfaden für ErzierInnen. Aber auch pädagogische Zeitschriften haben dabei ein großes Verdienst. Theorie und Praxis der Sozialarbeit hat vor wenigen Wochen ein Sonderheft gebracht, und sogar in der Grundschulzeitung wurde ein Unterrichtseinheit über den Tod veröffentlicht. Das sind gute Zeichen, denn sie zeigen, es bewegt sich viel in der pädagogischen Landschaft.

Wenn ich nun in die Welt der Kinder- und Jugendliteratur gehe, um zu sehen, welche Bedeutung dort der Tod hat, dann hat alle Not ein Ende, denn die Auseinandersetzung mit dem Tod hat einen bevorzugten Platz, ist geradezu ein Lieblingstopos in Kinder- und Jugendbüchern. Viele Helden oder Heldinnen sind Waisenkinder, Heidi, Oliver Twist und Tom Sawyer gehören zu den ältesten literarischen Gestalten, deren Eltern tot sind. Harry Potter reiht sich ein und verkörpert ein Kind, das immer wieder über die Bedrohung des Todes nachdenkt, denn sein Lebensanfang bedeutete das Lebensende für seine Eltern. Er behält eine Narbe an der Stirn, die sich immer dann schmerzhaft meldet, wenn etwas Bedrohliches im Busch ist. Ich denke, ein Teil der Faszination, die von diesem Jungen ausgeht, hängt mit dieser Prägung zusammen.

Bisher hatte ich noch nicht von den Gefahren gesprochen, die auftreten können, wenn in einer Kindergruppe der Tod aktuell wird. Ich möchte dies nun tun anhand des Buches die Brüder Löwenherz von Astrid Lindgren. Wenn in einer Gruppe über den Tod gesprochen wird, weil ein Kind z.B. seinen Vater verloren hat, dann kann das ansteckend wirken. Plötzlich erzählte Mara, ihr Vater, der erste Mann ihrer Mutter, sei gestorben. Täglich versorgte sie uns mit neuen Informationen. Die Kinder staunten, weil in der kleinen Klasse so plötzlich zwei Kinder keinen Vater mehr hatten. Irgendwann erfuhr die Mutter von der Geschichte ihrer Tochter und bezeichnete sie als ein Opfer der Brüder Löwenherz. Mara war fasziniert von diesem Buch, bekam glänzende Augen, wenn sie von Nangijala erzählen konnte und machte deutlich, dass für sie das Reich des Todes eine herrliche Abenteuerwelt war. Dazu kam, dass sie durch den realen Tod des Vaters der Klassenkameradin in den Sog des Todes geraten war, natürlich auch gesehen hatte, wie viel Zuwendung dieses Mädchen von der Gruppe bekam. Mit diesen Kräften muss der Erzieher verantwortlich umgehen. Nicht alle Kinder- und Jugendbücher erfüllen die Forderung, der Todessehnsucht nicht Vorschub zu leisten, die Jenseitswelt nicht zu verherrlichen.

Am Schluss meines Referates hören sie die Stimme eines Mädchens. Vor einiger Zeit hatte ich mit Kindern meiner alten Klasse ein Feature über den Tod für den Kinderfunk des MDR mitgestaltet. Amelies Vater war kurz zuvor gestorben. Ihre Worte machen konkret, was es heißt, wenn die Grenze unseres Lebens durch ein Kind in Worte gefasst wird.

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Stand: April 2015