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Auf der Suche nach dem Glück - Lebenswege im Märchen
Vortrag im Rahmen des Frauenfrühstücks, Denzlingen 2001

Mit Ihnen zusammen möchte ich mich heute morgen auf die Suche nach dem Glück machen. Vielleicht ist es die richtige Tageszeit, wir sind gesättigt, um uns herum zeigt sich die Natur in Sommerpracht. Keine von uns ist an diesem Morgen allein. Das ist für mich zum Beispiel ein Glück, Gemeinschaft mit Menschen zu haben, in Gesichter schauen, dabei auf vertraute Gesichter stoßen, neugierig in die noch fremden Gesichter schauen, sehen, wie sie sich öffnen, wie wir miteinander in Beziehung treten.
Es ist ja nicht wenig, was wir uns vorgenommen haben: Das Glück suchen und uns dabei auf Wegspuren bewegen, von denen in Märchen erzählt wird. Vor allem aber soll ein wenig Licht ins Dickicht der vielen gegensätzlichen Meinungen über das Glück scheinen. Dabei soll uns auch die Frage begleiten, ob das mit dem Glück etwas ist, was sich lernen lässt. Ob das stimmt, dass jeder seines Glückes Schmied ist und ob Glück wirklich so leicht bricht wie Glas.

Antworten suche ich in erster Linie in den Märchen, denn in ihnen steckt komprimierte Lebenserfahrung vieler Jahrhunderte, die sich in Bildern, Symbolen und einem Geschehen ausdrückt, das zu einem guten Ziel führt. In allen Volksmärchen drückt sich eine das Leben bejahende Kraft aus, denn es ist eine spezifische Funktion der Märchen, dass sie im Dienste des Lebens stehen. Der Zuhörer, der sich von ihren Bildern und ihrem Geschehen mitreißen lässt, sich in ihnen wiederfindet, der hat Anteil an dieser Kraft. Deshalb ist es nicht übertrieben zu sagen, der Umgang mit Märchen übt in die Wechselfälle des Lebens ein. Wir machen die Probe aufs Exempel und werden sehen, was uns die Märchen über das Glück wissen lassen. Dabei schauen wir in die Märchen wie in einen Spiegel, der menschliche Realität erzählt.

Jedes Märchen folgt einem gleichen Aufbau: am Anfang ist immer eine Mangelsituation. Bei Hänsel und Gretel geht das Brot aus. Bei Brüderchen und Schwesterchen wird die gute Mutter zur bösen Stiefmutter, welche die Kinder regelrecht aus dem Haus prügelt. Beim süßen Brei geht das Essen aus, bleibt die Küche kalt, und beim Rumpelstilzchen hat ein Großmaul von Vater seine Tochter einem König gegeben, der Unmögliches von ihr fordert, sie soll Stroh zu Gold spinnen. Wir halten fest: Am Anfang ist der Mangel, das Leid, die Not, die nicht mehr zum Aushalten ist. Der Fluss des Lebens ist erstarrt und kommt nur dadurch wieder in Bewegung, dass die Märchengestalten sich in Bewegung setzen. Die Suchwanderung beginnt, um aus dem Jammertal heraus zu kommen.

Vom Glück ist in den Märchen viel die Rede, aber niemandem fällt das Glück in den faulen Schoß. Im Gegenteil werden die, welche sich den Anforderungen des Lebens nicht stellen, mit Unglück bestraft. Und damit sind wir an einer wichtigen Station angekommen, Unglück heißt sie, wird von niemandem geliebt und gehört doch zum Glück dazu wie das Pech zum Schwefel, der Tod zum Leben. Es ist gut, sich das immer wieder bewusst zu machen, denn auf diese Weise fallen manche Scheuklappen von den Augen, wird der Blick frei und kann die Fülle des Lebens schauen. Auf einmal ist klar, ich kann über das Glück nur sprechen, wenn auch das Unglück zu Wort kommt. Die beiden haben miteinander zu tun und weisen auf die Polarität des Lebens hin. Zwischen diesen Gegensätzen bewegen wir uns ein Leben lang hin und her. Wenn ältere Menschen aus ihrem Leben erzählen, dann bezeichnen sie manchmal ein Jahr als ein Unglücksjahr und einen anderen Zeitabschnitt als glücklich. Wer die Ambivalenz der Lebenskräfte begriffen hat, der kann aus der Spannung der Gegensätze leben und gewinnt auf diese Weise immer wieder neue Vitalität.

Und jetzt könnte es eigentlich losgehen. Aber ich komme nicht darum herum, einen Blick auf ihre Schuhe zu werfen, denn Wege ins Glück sind meist lange, da sind schnell Löcher in die Sohlen gelaufen, geht es vielleicht eine Wegstrecke barfuß. Die ganz vorausschauenden Märchengestalten gehen deshalb vorher zum Schmied und lassen sich eiserne Schuhe machen. Dann kann es durchaus geschehen, dass der weise Schmied gleich drei Paar eiserne Schuhe mitgibt und damit auch erste Hinweise über die Richtung und Länge des Weges macht: Es geht zum Mond und dann weiter zur Sonne. Eine solche Vorgabe kann hilfreich sein, wirkt aber doch als schwerer Dämpfer. Das Märchen sagt, mit dem Aufbruch ins Glück hat es so seine Bewandtnis. Mit holterdipolter-jetzt-geht’s-los, ich ruf dich dann an oder schick ne e-mail, ist da wenig zu machen. Drei Paar eiserne Schuhe! Da läuft sich eine schon mal die Füße wund und kommt wohl auch schwer von der Stelle. Barfuß wäre da schon besser. Doch wenn der Weg über die Blumenwiese vorbei ist, die nackten Füße sich an spitzen Steinen blutig stoßen, dann wird der Weg ins Glück zur Qual. Weitergehen? Ich kehre um, hinke heim. Hallo, da bin ich wieder. Ist Post für mich da? Es geht halt nichts über ein Paar bequeme Pantoffeln. Auch das ist eine Form des Glücks.

Jetzt möchte ich ein wenig in den Sprechblasen stochern, die sich bilden, wenn wir vom Glück sprechen. In unserer Alltagssprache haben sich ja viele Redewendungen abgelagert, die Weisheiten über das Glück mitteilen. Ich bitte Sie, wenn Ihnen etwas übers Glück einfällt, dann sagen Sie es uns allen.

Ursprünglich hieß das mhd. Wort gelücke und meinte die Bedeutung von Schicksal, Geschick, der Ausgang einer Sache. Später hat sich dann die nähere Bezeichnung gutes Glück, böses Glück durchgesetzt, wurde die positive und negative Bezeichnung zum Ausdruck gebracht. Und damit sind wir wieder bei der Ambivalenz menschlicher Erfahrung. Alle das Leben bestimmenden Kräfte sind von gegensätzlicher Natur. Zwar sind uns die eindeutig positiv bezeichneten Befindlichkeiten am liebsten, wären wir am liebsten ein Leben lang froh, reich, gesund und glücklich auf der Sonnenseite des Lebens - und wissen gleichzeitig, das geht nicht. Wir wachsen und entwickeln uns nur dann weiter, wenn wir die Tiefen erleiden, die Jammertäler durchschreiten, damit aus der Spannung der Gegensätze neue Kraft sich bilden kann.

Es gibt nun Märchen, die genau diese Erfahrung thematisiert haben. Dabei treten Glück und Unglück in personifizierten Gestalten auf: 
Zwei Bauern, Brüder, sind zu Beginn ihres Lebens in der gleichen Ausgangsposition. Der eine wird reich, weil sein Glück für ihn arbeitet, während der andere verarmt.
Das Märchen spiegelt in diesen beiden Gestalten erlebte Realität, die bis heute gültig ist. Da aber in der Welt der Märchen immer auch Auswege gezeigt werden, der gestockte Lebensfluss nicht bleiben kann, kommt ins Leben des Armen doch noch Bewegung.
Das Glück des Reichen geht zum Armen und weist ihn auf sein eigenes faules bzw. schlafendes Glück hin. Der Arme weckt sogleich sein Glück auf und erfährt, dass er den Beruf wechseln soll. Als Kaufmann wird er glücklich und erfolgreich.

Ist das nicht tröstlich, sich in Zeiten, in denen es nicht gut läuft, zu sagen, mein Glück schläft, es hat mich nicht verlassen, es lässt sich wieder wecken. Das Glück des Reichen wird hier nicht als selbstsüchtig geschildert, denn es ist darauf bedacht, auch dem anderen zum Glück zu verhelfen. Und das Märchen sagt, dein Unglück lässt sich ändern. Lass dich vom Glück des anderen wachrütteln!

Das Wechselspiel zwischen Glück und Unglück wird im Handlungsverlauf des folgenden osteuropäischen Märchens variiert:

Der Arme und der Reiche

Es lebten einst zwei Brüder. Der eine war sehr reich und der andere sehr arm. Einmal, als der Arme für seinen reichen Bruder die Garben auf dem Felde bewachte und gerade bei einem Schober saß, sah er eine weiße Frau. Sie las die Ähren auf, welche auf dem Feld liegengeblieben waren, und steckte sie in die Garben. Als sie bis zu dem armen Bruder gekommen war, fasste dieser sie bei der Hand und fragte: „Wer bist du, und was tust du da?" „Ich bin deines Bruders Glück und lese die verlorenen Ähren auf, damit er mehr Weizen hat", antwortete sie. „Und wo ist mein Glück?" fragte der Arme. „Gegen Osten", sprach die weiße Frau und verschwand. Da nahm sich der Arme vor, in die Welt zu gehen und sein Glück zu suchen.
Als er eines Tages am frühen Morgen aufbrach und eben sein Haus verlassen wollte, sprang die Not hinter dem Ofen hervor und weinte und bettelte, dass er sie mitnehmen möge. „O nein", sagte der Arme, „du bist zu schwach, und der Weg ist lang; du würdest nicht ans Ziel gelangen. Aber hier habe ich ein leeres Fläschchen! Mach dich klein und kriech hinein; ich werde dich tragen." Die Not kroch in das Fläschchen, und der Arme beeilte sich, es gut zu verschließen. Als er unterwegs zu einem Sumpf kam, nahm er das Fläschchen aus der Tasche und steckte es in den Schlamm; so wurde er die Not los. Nach einiger Zeit kam er in eine große Stadt. Er fand dort gleich einen Herrn und musste einen Keller für ihn graben.
„Lohn werde ich dir keinen geben", sagte der Herr, „aber das, was du beim Graben findest, soll dir gehören." Als der Arme einige Zeit gegraben hatte, fand er einen Klumpen Gold. Obwohl er ihm allein gehört hätte - denn er bekam ja keinen Lohn -, gab er seinem Herrn die Hälfte davon ab und grub weiter. Schließlich gelangte er an eine eiserne Tür, und als er sie öffnete, war da ein unterirdisches Gewölbe, darin lagen unermessliche Schätze. Auf einmal hörte er aus einer Truhe, die im Winkel stand, eine Stimme rufen: „Offne mir, Herr, öffne mir!" Er hob den Deckel in die Höhe, und aus der Truhe sprang eine schöne Jungfrau, welche ganz weiß war. Sie verneigte sich vor ihm und sprach: „Ich bin dein Glück, das du so lange gesucht hast. Von nun an werde ich mit dir sein und mit deiner Familie." Hierauf verschwand sie. Er aber teilte seinen Reichtum wiederum mit seinem Herrn, blieb trotzdem noch ungeheuer reich, und sein Vermögen vermehrte sich von Tag zu Tag. Er vergaß aber niemals, dass er vordem selber arm gewesen war, und tat den Armen viel Gutes. Eines Tages, als er in der Stadt spazieren ging, traf er seinen Bruder, der in Geschäften hergereist war. Er nahm ihn mit zu sich nach Hause und erzählte ihm ausführlich seine Erlebnisse: Wie er das Glück des Bruders auf dessen Feld habe Ähren lesen sehen, wie und wo er sich seiner Not entledigt habe und wie ihm später sein eigenes Glück begegnet sei. Er behielt den Bruder einige Tage zu Gast, gab ihm dann viel Geld mit auf den Weg und viele Geschenke für Frau und Kinder und nahm in Freundschaft von ihm Abschied.
Der Bruder war aber unaufrichtig und neidete dem anderen sein Glück. Auf dem Heimweg dachte er beständig darüber nach, wie er ihm wieder die alte Not schicken könne. Und als er zu jenem Sumpf kam, wo das Fläschchen im Schlamm stak, suchte er so lange, bis er es gefunden hatte. Er öffnete es, und im selben Augenblick sprang die Not heraus. Vor seinen Augen wachsend, tanzte sie freudig um ihn herum und umarmte und küsste ihn. Sie dankte ihm dafür, dass er sie aus ihrem Gefängnis befreit hatte, und rief: „Dafür werde ich dir immer dankbar bleiben und dich und deine Familie nie mehr verlassen!" Vergebens versuchte der Neidische, sich die Not vom Halse zu schaffen und sie zu ihrem ersten Herrn zurückzuschicken. Es gelang ihm auf keine Weise, sie loszuwerden. Er konnte sie nicht verkaufen und nicht verschenken, weder vergraben noch ertränken, immer blieb sie ihm auf den Fersen: Die Waren, die er mit sich führte, nahmen ihm unterwegs Räuber weg; als er bettelnd heimkam, fand er dort statt seines Gehöftes einen Haufen Schutt und Asche, und das Wasser hatte ihm die Ernte vom Feld geschwemmt. So blieb dem neidischen Bruder am Ende nichts als die Not.

Hier wird die Missgunst bestraft, denn in der Welt der Märchen ist die Rachsucht keine Tugend des Märchenhelden. Wenn es um die Bestrafung von Bösewichten geht, dann besorgen das andere. Manchmal sind es die unheimlich anmutenden Gestalten aus dem Jenseits. Aber in keinem Märchen wird das Recht des Menschen, sein Glück zu suchen und zu finden, angezweifelt. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass immer wieder von Menschen erzählt wird, die sich Sorgen um ihr Glück machen. Dabei steht die Angst um das schwindende Glück im Vordergrund. Bei einem Schneider drückt sich diese Angst in einem Traum aus.

Er sieht, wie seine Glücksquelle nur noch tröpfelt und versucht nun, die Öffnung zu erweitern, denn sein Glück soll wieder reichlicher fließen. Aber alle Bemühungen helfen nicht, im Gegenteil, es wird noch schlimmer, weil er die Öffnung verstopft und weiß, er wird nun überhaupt kein Glück mehr haben. Er ärgert sich über sich selbst und beklagt sich über seine eigene Dummheit. Das hört ein Reicher, der dem Armen helfen will. Er schickt ihm Geld, versteckt es aber in Geflügel. Was macht der Arme mit dem unerwarteten Geschenk? Er traut sich nicht, den ungewohnten Leckerbissen zu essen und verkauft das Geflügel. Als der Reiche davon erfährt, startet er einen neuen Versuch, beschenkt den Armen direkt mit Geld, aber kurz darauf stirbt der Arme und Gott gibt kund, dass allein er über Glück und Unglück zu bestimmen habe.

Was hilft uns diese Aussage bei unserer Suche nach dem Glück? Offensichtlich ist alles Einfluss-nehmen-Wollen, alle Glücksmanipulation nutzlos, folgt das Glück seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten und lässt sich weder festlegen noch planen. Nicht ohne Grund hat diese Erfahrung dabei mitgewirkt, das Bild der launischen Fortuna in unserer Fantasie zu schaffen, die mit dem Füllhorn des Glücks recht willkürlich umgeht. Und gleichzeitig ist das Streben nach Glück ein menschliches Grundbedürfnis, das in Amerika sogar in der Verfassung festgeschrieben ist. Die Suche nach dem Glück - the persuit for happiness - ein verbrieftes Recht! Offensichtlich hatten die Verfassungsväter eine Ahnung von der heilkräftigen Macht des Glücks, wussten, unglückliche Menschen werden schneller krank als glückliche, leiden unter Melancholie, werden depressiv, es fehlt ihnen an Antriebskraft.

So ergeht es einem König im Märchen

Er ist krank, und ein weiser Mann gibt ihm den Rat, er solle das Hemd eines glücklichen Menschen anziehen, dann werde er wieder gesund. Sofort werden Diener und Boten ausgeschickt, aber kein Glücklicher ist zu finden. Zu guter Letzt stoßen sie jedoch auf einen Schäfer, der den Bedingungen entspricht, glücklich und zufrieden mit seinem Dasein ist. Allerdings stellt sich heraus, dass dieser Glückliche kein Hemd trägt. Der König erkennt, dass es doch nicht so leicht ist, an sein Glück zu kommen.
Der König im Märchen meint, das Hemd eines Glücklichen löse seine Schwermut, denn nach alter Denkweise sollte das Glück, das im Hemd steckt, auf ihn übergehen. Doch knallhart sagt das Märchen: das Glück kann keiner ablegen und weitergeben, denn es steckt in ihm drin, ist unter seiner Haut. Offensichtlich hat Glück in diesem Zusammenhang etwas zu tun mit der inneren Einstellung, und diese innere Disposition, das innere Glück, wird als ein hoher und absolut unveräußerlicher Wert angesehen.

Mit diesem lehrhaften Märchen sind wir dem Glück schon näher gekommen, denn wir wissen nun den Ort, wo es wohnt. Unter der Haut, im Inneren, geschützt und wohl geborgen vor gewaltsamen Zugriffen. Und mit dem Stichwort Haut kommen wir einen großen Schritt weiter, denn in vielen Märchen wird von den sog. Glückskindern erzählt, die mit einer Glückshaut geboren wurden. Ihnen gerät alles zu ihrem Besten. Auch aus den schlimmsten Nachstellungen gehen sie unversehrt und erfolgreich hervor, denn nach altem Volksglauben bringen Glückskinder eine Haut mit auf die Welt, die um ihren Kopf gewunden ist. Medizinisch gesehen ist diese Glückshaut nichts anderes als die unverletzte Eihauthülle, wenn bei der Geburt der Sprung der Fruchtblase ausgeblieben ist. In dieser Abweichung vom normalen Verlauf der Geburt sah man einen Fingerzeig der unsichtbaren Welt für das zukünftige Schicksal des Kindes.

Von einem solchen Glückskind erzählt das Märchen: Der Teufel mit den drei goldenen Haaren. Wer aber nun meint, das Leben dieses Glückskindes spiele sich nur auf der Sonnenseite des Lebens ab, der hat seine Lektion über den Umgang mit dem Glück noch nicht gelernt.

Wie sehen die Stationen eines Glückskindes aus?

Da ist zunächst die besondere Geburt mit einer Glückshaut, die verbunden ist mit der Weissagung, der Junge würde einmal die Tochter des Königs heiraten. Alles palletti, er lebte in Saus und Braus, und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er heute noch. Doch Märchen sind realistischer als die Bildzeitung und wissen um die ständige Bedrohung des neuen Lebens.. Der König als Vertreter der herrschenden Ordnung will das Glückskind vernichten, setzt ihn in einer Schachtel im tiefen Wasser aus – dies ist ein beliebtes Motiv in alten Geschichten, um auf ein besonderes Lebensschicksal hinzuweisen, ich erinnere sie an ein anderes Glückskind namens Moses im Binsenkörbchen – unser Glückskind bleibt am Wehr eines Mühlenbaches hängen und wird von den Müllersleuten großgezogen. Als der Junge 14 Jahre alt ist, trachtet ihm der König wieder nach dem Leben. Er schickt ihn mit einem Brief, in dem steht, er solle nach seiner Ankunft getötet werden, zur Königin. Im Wald wird er müde, übernachtet im Räuberhaus bei den neugierigen Bösewichten, die das Briefgeheimnis nicht achten, ein wenig Schicksal spielen und die Nachricht umschreiben. Der Junge solle die Prinzessin heiraten. So geschieht es! Jetzt könnte eigentlich das Märchen zu Ende sein, denn was will ein Glückskind mehr als eine Prinzessin im Ehebett? Ist er denn nicht am Ziel angelangt? Nein, sagt der König, so einfach ist das mit dem Glück nicht. Und diesmal hat er sogar recht. Das Glückskind muss sich seine Königswürde erst verdienen. Also macht es sich auf den Weg in die Hölle, um die drei goldenen Haare vom Kopfe des Teufels zu holen. Er geht auf die Reise in die Dunkelwelt, trifft immer wieder auf Menschen, die ihn bitten, beim Teufel um Rat zu fragen, weil z.B. ihr Baum keine goldenen Früchte mehr trägt. Aber ist die Hölle ein Platz für ein Glückskind? Wäre nicht das himmlische Paradies ein angemessenerer Ort ? Nein, sagt das Märchen und mutet ihm die Dunkelseite des Lebens zu. Und wie kann es anders sein, er hat Glück, denn selbst im finsteren Höllenpfuhl gibt es eine Großmutter, die es gut mit den Menschen meint. Teufels Großmutter, die Ellermutter, die ihren Sohn allabendlich laust und ihm seine Streicheleinheiten zukommen lässt, nimmt sich des Glückskindes an, verwandelt ihn in eine Ameise und steckt ihn in eine Falte ihres Rockes. Aus dieser ungewohnten Perspektive auf die Unterwelt der Großmutter kann er dem Gang der Handlung folgen. Am Ende erhält er seinen Lohn.

In diesem Märchen gehen Bedrohung, Errettung und Erlösung ineinander über. Die Glücksverheißung des Anfangs entfaltet ihre Weg bereitende Kraft und sorgt dafür, dass selbst das Dunkel der Hölle dem Märchenhelden nicht zum Verhängnis wird. Selbstverständlich und vertrauensvoll geht der Glückliche seinen Weg und fügt sich stets in die momentan sich ergebende Situation. Am Ende erhält er eine Gabe, hier sind es die drei goldenen Haare, in anderen Märchen ist es ein Töpfchen, das Brei kocht oder ein Esel, der Goldtaler von sich gibt, ein Tischlein, das mit gutem Essen versorgt. Mit diesen Gaben wird der Märchenheld begnadet, getragen und vorwärts bewegt durch überlegene oder einem überlegenen Plan dienende Mächte. Er ist diesen Mächten völlig ausgeliefert und kann die fördernde Verbindung nicht willentlich herstellen. Er bleibt darauf angewiesen, dass sie ihm geschenkt werden. Er lässt sich auch das Wunder schenken. Vielleicht besteht sein Glück darin, dass er immer das empfängt, was ihm nottut. Vielleicht ist es seine Offenheit Menschen, Tieren und Pflanzen gegenüber, seine Verbundenheit mit allem, was ihn umgibt, das ihn zu einem Gefäß des Glücks macht.

An dieser Stelle mache ich eine Zäsur, verlasse kurz die Welt der Märchen, um mich den Erkenntnissen der Glücksforschung unserer Zeit zuzuwenden. Danach geht es zu den Märchen zurück.
Auffallend ist bei diesen Untersuchungen, dass heutige Menschen das Wort Glück sehr häufig durch andere Begriffe ersetzen, wobei vorrangig das Wort Lebensqualität auftaucht, gefolgt von Zufriedenheit, Erfolg oder Gut-drauf-Sein. Wir sind vorsichtig, das Wort Glück in den Mund zu nehmen. Wann haben Sie zum Beispiel das letzte Mal sich zugestanden, ja, ich bin glücklich? Womit hängt diese Scheu zusammen? Vielleicht mit der uns allen bekannten Flüchtigkeit des Glücksgefühls, aber auch mit der Erfahrung, dass die Befindlichkeit Glück nicht unbedingt auf Worte angewiesen ist, viel Reden dem Glück eher schadet als dass es ihm nützt. Aber mit Hilfe der Begriffe Lebensqualität, Erfolg, Zufriedenheit drücken wir immer nur Teilaspekte des Glücks aus. Es ist offensichtlich leichter, diesen Zutaten des Glücks auf die Spur zu kommen als dem Glück selbst. Und trotzdem lebt in uns die Sehnsucht nach dem Glück, treibt uns stetig an, denn wir schreiben den Gefühlen, die das Glück begleiten, eine ganz hohe Wertschätzung zu, wobei die gehobene Emotion der Freude an allererster Stelle steht. Hinzu kommt die Gewissheit, mein Leben ist angenehm, sinnvoll und erfüllt. Wenn eine solche Wahrnehmung kontinuierlich als roter Faden durch die Jahre unseres Lebens läuft, dann ist das Glück.

Allerdings kann dies nur ein Mensch sagen, der über eine Wahrnehmung verfügt, die ihm die entsprechenden Daten in seinen Speicher des Wertens und Urteilens liefert. Bei Menschen, die sich als notorische Unglücksraben bezeichnen, ist es nun so, dass die Kanäle ihrer Wahrnehmung in ihrer Funktion beeinträchtigt sind. Meist sind diese Leitungen verstopft durch alte Ablagerungen an negativen Erfahrungen. Darüber hinaus ist die Wahrnehmung des Glücks abhängig von der Brille, die wir auf unserer Nase tragen. Durch die uns prägenden Erfahrungen bilden sich entsprechende Filter, welche uns dazu verleiten, in alten Mustern zu denken und zu fühlen. Hab ich’s doch gewusst, das kann nur schief gehen bei mir! Unangenehme Vorkommnisse haben sich in unseren Wahrnehmungskanälen abgelagert, behindern den Fluss unseres Lebens und haben die vertrackte Eigenschaft, uns festzulegen.

Ich denke, Glück hat viel mit den inneren Augen zu tun. Solange die auf das Negative unseres Lebens fixiert sind, bleiben sie am Pech unseres Lebens kleben. Dann ist es auch kein Wunder, wenn das Glück keinen Raum in der Wohnung unseres Herzens finden kann und an uns vorbeigeht. Um das zu verhindern, kommt keine von uns darum herum, inneren Großputz zu veranstalten, um alte Erfahrungen und Denkweisen auf dem Müll zu entsorgen. Erst dann sind die Voraussetzungen gegeben, dass sich eine neue Art der Wahrnehmung entwickeln kann.

Eine glückliche Frau kennt die dunkle Seite des Lebens. Aber sie starrt nicht wie gebannt ausschließlich in die sorgenvolle Kammer ihres Herzens, sondern hat Kontakt zu allen ihren inneren Räumen. Frei und offen kann sie sich in den Landschaften ihrer Seele bewegen. In diesen Zusammenhang gehört das Motto glücklich ist, wer vergisst! Das heißt nichts anderes als lass es ruhen! Rühr nicht mehr dran! Es ist vorbei! Geh weiter! Heute ist ein neuer Tag und die Blumen die blühen für dich!

Wer auf diese Weise mit den Widrigkeiten seines Lebens umgehen lernt, der läuft mit den Galoschen des Glücks durchs Leben – das ist der Titel eines Märchens von Andersen - lernt zu unterscheiden zwischen dem Sekundenglück und dem anhaltenden Glück und wird gewahr, wie sehr der Faktor Glück abhängig ist auch von meinem Zutun. Und wer von Fortuna heimgesucht wird, das blinde Glück eines hohen Lottogewinns erfährt, der spürt die jubelnde Hochstimmung, die sich schnell verbraucht. Nach einiger Zeit fällt er doch wieder auf sein subjektives Wohlbefinden zurück. Glücklich macht Geld nicht, aber es ist beruhigend, welches zu haben!

Gibt es vielleicht doch eine Formel für das Glück? Kann ich an der Schraube drehen? In erster Linie kann ich von glücklichen Menschen lernen. Wohl der Frau, die in ihrem Freundinnenkreis oder im beruflichen oder verwandtschaftlichen Umfeld die Augen offen hält, um solchen Menschen zu begegnen. Was zeichnet sie aus? Glück strahlt ab auf andere, macht die Welt ein wenig heller als üblich, und glückliche Menschen stehen mit beiden Beinen gut verankert auf der Erde, sind aktive Menschen. Was ihnen widerfährt, nehmen sie nicht schicksalsergeben hin, sondern setzen sich aktiv damit auseinander. Sie kapitulieren nicht vor Erkrankungen und Schicksalsschlägen, weil sie davon überzeugt sind, sie können einen Beitrag leisten und bestimmen mit an der Art und Weise, wie sie sich dem Schicksal entgegen stellen.

Die beschriebene Einstellung ermöglicht es ihnen, Meister ihres Lebens zu sein. Das ist ein Wort, das ich sehr liebe, mein Leben meistern, Meisterin meines Lebens zu werden. Das riecht nach der Kunst, die mich das Leben lehrte, die Kunst, mein Leben zu gestalten. Also ist es doch etwas, was sich lernen lässt, und jede Erfahrung bringt mich ein Stück weiter in der Ausübung der Lebenskunst.

Einspruch, sagt da eine kritische Stimme in mir. Das gilt für die Glückskinder, die Gesunden, die Erfolgreichen. Was aber ist mit denen, die durch plötzliche Schicksalsschläge aus der üblichen Bahn ihres Lebens geworfen sind? Können auch Querschnittsgelähmte Glück erleben? Ja, denn die Natur hat uns mit Voraussetzungen ausgestattet, die es uns ermöglichen, auch in schweren Situationen wieder glücklich werden zu können. Die Anpassungsfähigkeit unserer Psyche ist enorm. Sie reguliert ihr Anspruchsniveau entsprechend den objektiven Lebensumständen. Deshalb können wir das sprichwörtliche Glück im Unglück erleben.

Glück kommt dann einer Prämie gleich, die wir bekommen, wenn wir etwas überwunden haben. Das Glück der Mutter, die ihr frisch geborenes Kind auf dem Bauch liegen hat, hat mit der Überwindung großer Schmerzen zu tun. Glück ist die Belohnung für Mühe und Anstrengung.

Diese und auch die nächste Aussage über das Glück decken sich mit dem, was die Märchenhelden erfahren. Glück bedeutet nicht, das zu kriegen, was ich will, sondern das zu wollen, was ich kriege. Dieser kluge Satz hat es in sich , und er gibt meinem Willen einen massiven Dämpfer. Ich will, das will ich jetzt, und wenn ich mit dem Kopf durch die Wand muss! Aber wenn es anders als geplant und gewollt kommt, die Luft raus ist, der gekränkte Wille mit eingezogenem Schwanz hinterm Ofen liegt, dann kommt die Stunde der Offenbarung. Was mach ich nun?

Drei Reaktionsweisen drängen sich mir auf

Ich erhebe mich über die schnöde Welt und ihre Machenschaften, das verschafft mir Distanz und gibt mir die Möglichkeit, mein Gesicht zu wahren, aber ich bin dann gewissermaßen draußen vor der Tür.

Ich verkrieche mich zerknirscht in die hinterste Ecke meiner Wohnung und schmiere mir dabei das Maul tüchtig mit Selbstmitleid voll.

Ich blicke mir nüchtern in die Augen und erkenne die Diskrepanz von Wollen und Realität. Ich arrangiere mich mit den Gegebenheiten und baue mir selbst eine Brücke, mich mit den Tatsachen auszusöhnen. Wollen, was ich kriege, das ist eine schwere Kunst, und mehr als einmal stehe ich dabei auf dem Kopf, um diese veränderte Perspektive zu lernen. Aber dieser Lernprozess kann auch sehr humorvoll und vergnüglich sein, wie das nun folgende englische Märchen Hedley Kow, das eine deutsche Entsprechung im Grimmschen Märchen Hans im Glück darstellt. Der Titel des englischen Märchens ist nach einem kleinen Naturgeist benannt, der mit Menschen Schabernack treibt, ihnen aber manchmal auch Schaden zufügen kann. Ein kleiner Kobold oder Geist, wie er nach altem Denken ja in jedem Haus wohnte.

Hedley Kow

Da war einmal eine Frau, die verdiente sich ihren armseligen Lebensunterhalt, indem sie für die Bauersfrauen rund um das Dorf, in dem sie lebte, Botengänge und dergleichen machte. Es war nicht viel, was sie damit verdiente, aber mit einem Teller Fleisch in einem Haus und einer Tasse Tee in einem anderen schaffte sie es, so irgendwie durchzukommen, und immer schaute sie so fröhlich drein, als ob es ihr in dieser Welt an nichts fehlte.
Nun, als sie an einem Sommerabend heimwärts trottete, stieß sie auf einen großen schwarzen Topf, der am Wegrand lag. Sie blieb stehen, um ihn anzuschauen, und sagte: „Also das da wäre genau das Richtige für mich, wenn ich etwas hineintun möchte! Aber wer kann das hier liegengelassen haben?" Und sie sah sich rings um und meinte, der, dem der Topf gehörte, könnte nicht weit weg sein. Aber sie konnte niemanden sehen.
„Vielleicht hat er ein Loch", sagte sie nachdenklich, „ei ja, das wird's sein, weshalb sie ihn hier liegengelassen haben, Schätzchen. Aber dann müsste er gut dazu taugen, darin eine Blume ans Fenster zu stellen. Ich mein, ich nehm ihn mit nach Hause, für alle Fälle." Und sie krümmte ihren steifen Rücken und hob den Topfdeckel auf, um hineinzusehen. „Lieber Himmel!" rief sie und tat einen Satz auf die andere Seite des Weges, „wenn der nicht randvoll mit Goldstücken ist!"
Für eine Zeitlang konnte sie gar nichts anderes machen, sie ging nur immerfort um ihren Schatz herum und staunte das gelbe Gold an und wunderte sich über ihr großes Glück und sagte jeden zweiten Augenblick zu sich selbst: „Na, ich komme mir aber jetzt wirklich reich und großartig vor!" Aber sie begann alsbald zu überlegen, wie sie den Topf mit sich nach Hause nehmen könnte, und sie sah keinen anderen Weg, als das eine Ende ihres Halstuches an ihm festzubinden und ihn so hinter sich die Straße entlang zu ziehen. „Es ist sicher bald dunkel", sagte sie zu sich, „und die Leute werden nicht sehen, was ich mir heimbringe, und so habe ich die ganze Nacht für mich zum Nachdenken, was ich damit machen werde. Ich könnte ein großes Haus und all so was kaufen und wie die Königin selbst leben, und ich müsste den ganzen Tag keinen Handgriff tun, nur neben dem Feuer sitzen mit einer Tasse Tee. Oder vielleicht werde ich ihn dem Pfarrer geben, damit er ihn für mich aufbewahrt, und ich hole mir nur dann etwas, wenn ich etwas brauche; oder vielleicht werde ich ihn einfach am Gartenende in einem Loch vergraben und nur ein bisschen auf den Kaminsims legen, zwischen die porzellanene Teekanne und die Löffel - so als Verzierung. Ach, ich komme mir so großartig vor, ich kenne mich selbst nicht mehr richtig!"

Mittlerweile war sie vom Nachziehen einer so schweren Last schon ziemlich müde geworden, und so blieb sie stehen, um einen Augenblick auszuruhen, und drehte sich um, um sich zu vergewissern, dass ihr Schatz in Sicherheit war. Aber als sie ihn anschaute, war das keineswegs ein Topf mit Gold, sondern ein großer Klumpen schimmerndes Silber. Sie starrte ihn an, rieb sich die Augen und starrte ihn wieder an, aber sie konnte ihn nicht dazu bringen, nach irgend etwas anderem auszusehen als nach einem großen Klumpen schimmerndem Silber! „Ich hätte schwören können, dass es ein Topf mit Gold war", sagte sie schließlich, „aber da muss ich wohl geträumt haben. Ei ja, der Tausch ist noch besser; es wird viel weniger Mühe machen, sich darum zu kümmern, und man kann es nicht so leicht stehlen. Es hätte 'ne Menge Ärger gegeben, diese Goldstücke dort zu verwahren - ach ja, gut, dass ich sie los bin, und mit meinem hübschen Silberklumpen bin ich so reich, wie ich nur reich sein kann!"
Und sie machte sich wieder auf den Weg nach Hause und dachte sich voller Fröhlichkeit aus, was sie alles für großartige Dinge mit ihrem Geld machen würde. Es dauerte aber nicht sehr lange, da war sie wieder müde geworden und hielt aufs neue an, um einen Augenblick oder zwei auszuruhen. Wieder drehte sie sich um und schaute nach ihrem Schatz, und sobald sie ihre Augen darauf richtete, schrie sie auf vor Verwunderung. „Du meine Güte!" sagte sie, „jetzt ist's ein Klumpen Eisen! Na, das übertrifft alles, das ist wirklich gerade das Rechte für mich! Ich kann es verkaufen so einfach wie nur etwas und krieg einen Haufen Penny-Stücke dafür. Ei ja, Schätzchen, und das ist so viel handlicher als 'ne Menge von dem Gold und Silber, das mich in der Nacht nicht hätte schlafen lassen, weil ich immer gedacht hätte, die Nachbarn wollten mir's rauben - aber das ist eine richtig feine Sache, die man bei sich zu Hause haben kann, kannst nie wissen, ob du's nicht brauchen wirst, und verkaufen kann man's - ei ja, einfach für 'ne Menge. Von wegen reich, ich werd mich im Geld wälzen!"

Und sie trottete wieder weiter und kicherte dabei über ihr Glück in sich hinein, bis sie dann einen Blick über die Schulter warf, „nur um sicher zu sein, dass das Ding immer noch da war", wie sie zu sich sagte.
„I du mein!" schrie sie, sobald sie es sah, „na, wenn das nicht verschwunden und zu einem großen Stein geworden ist! Aber, wie konnte er gewusst haben, dass ich gerade so etwas schrecklich nötig brauche, um meine Tür damit offen halten zu können? Ei, wenn das nicht ein guter Tausch ist! Schätzchen, das ist eine feine Sache, wenn man soviel Glück hat!" Und in aller Eile, weil sie sehen wollte, wie der Stein im Eck an ihrer Tür aussehen würde, trottete sie den Hügel hinab und blieb unten stehen, neben ihrem eigenen kleinen Gatter. Als sie es aufgeklinkt hatte, drehte sie sich um und wollte ihr Halstuch von dem Stein lösen, der diesmal unverändert und friedlich neben ihr auf dem Pfad zu liegen schien. Es war immer noch hell genug, und sie konnte den Stein ziemlich klar sehen, als sie ihren steifen Rücken über ihn beugte, um das Ende des Tuches loszumachen; da aber, ganz plötzlich, schien er einen Sprung zu machen und einen Quieker, und in einem Augenblick wuchs er zur Größe eines großen Pferdes; dann warf es vier schmächtige Beine von sich und schüttelte zwei lange Ohren heraus, brachte einen Schwanz hervor und rannte davon, indem es mit den Beinen in die Luft ausschlug und lachte wie ein ungezogener, spottender Lausebengel. Die alte Frau starrte dem Ding nach, bis es fast nicht mehr zu sehen war.
„Na aber", sagte sie schließlich, „ich bin doch wirklich der glücklichste Mensch hier herum! Stell dir vor, da sehe ich Hedley Kow so ganz allein für mich und gehe noch so frei mit ihm um! Ich kann dir sagen, ich komme mir ja so großartig vor." Und sie ging in ihre Hütte und setzte sich ans Feuer, um über ihr großes Glück nachzudenken.

Auf den ersten Blick wirkt diese Frau ja recht naiv, fast ein wenig einfältig. Sie macht beständig Abstriche an dem, was sie zu finden gemeint hat, klammert sich nicht an ihren Ansprüchen fest, sondern passt sich kontinuierlich in die Realität ein, je nach dem, wie sie ihr erscheint. Dadurch ist sie in ständiger Bewegung und in einem Wechselspiel zwischen Innenwelt und Außenwelt. Auf diese Weise schafft sie sich ihr Glück. Es entsteht aus der gelungenen Balance zwischen Anspruch und Möglichkeit und der Offenheit für den Augenblick. Da sie von der Gegenwart aus lebt, kommt sie auch nicht in die Gefahr, sich auf langfristige Ziele zu fixieren.

Mir gefällt, dass sie nicht auf ihr Glück konzentriert ist, keine Strategien entwirft, um es zu finden, auf dem Boden bleibt, denn am Ende genügt ihr die Freude des Alltags, eine Tasse Tee am wärmenden Feuer, um sich glücklich zu schätzen. Und alles geschieht so en passant, im Vorbeigehen. Damit erfüllt diese Märchengestalt durchaus die Kriterien heutiger Glücksforschung, denn Glück ist die Häufigkeit und nicht die Intensität von positiven gegenüber negativen Ereignissen. Glückliche Menschen schaffen sich viele kleine Anlässe, um sich gut zu fühlen. Mit diesen Glücksmomenten des Alltags werden sie stark, um die unvermeidlichen Krisen des Lebens zu überstehen.

Zusammenfassung

Das Streben nach Glück ist ein menschliches Grundbedürfnis. Glück ist die kontinuierliche Wahrnehmung des eigenen Lebens als erfüllt, sinnvoll und angenehm. Glückliche Menschen halten sich für Meister ihres Lebens. Glück ist eine Prämie für überwundene Schwierigkeiten. Es ist eine Balance zwischen Ansprüchen und realen Möglichkeiten, die in der Gegenwart hergestellt werden. Glückliche Menschen pflegen vielfältige soziale Beziehungen. Ein buddhistischer Psychologe formuliert es so:

Glück ist das Vertrauen darauf, dass wir Enttäuschungen und Schmerz aushalten können und dass Liebe auf lange Sicht stärker als Hass sein wird.

Jetzt wende ich mich erneut der Märchenwelt zu und möchte anhand eines Grimmschen Märchens, in welchem eine Frau die Hauptperson ist, zeigen, wie weibliche Entwicklungswege auf der Suche nach dem Glück aussehen können. Dabei werde ich stärker als bisher die Bilder und Symbolsprache des Märchens umsetzen. Bis jetzt bin ich meist dem äußeren Handlungsverlauf der Märchen gefolgt, jetzt verändert sich mein Blick, und ich schaue, was das für den seelischen Entwicklungsprozess einer Frau bedeuten kann. Diese Art und Weise des Umgangs mit einem Märchen ist mir sehr wichtig. Wenn ich mich in ein Märchen hinein begebe, offen auf Stimmungen und Gefühle achte, mich mit Gestalten identifiziere, das Märchen quasi in mich hinein nehme, stelle ich einen Kontakt her zu meinem seelischen Erleben. Märchen sind ja nicht nur für Kinder eine ideale Seelennahrung, auch Erwachsene profitieren von seiner Bilderwelt, die mit der Bilderwelt unserer Seele korrespondiert. Beide Bereiche, das Märchen und der Bereich des Seelischen sind kompatibel. Wenn ich in einer schwierigen Situation ein Traumgeschehen träume, das an ein Märchen erinnert, dann kann ich in meiner Fantasie ins Märchen gehen, meinen Traum im Sinne des Märchens weiter fortspinnen und habe auf diese Weise Anteil an der Kraft des Märchens.

Lange hatte ich überlegt, welches Märchen für heute das passende sein kann. Anfangs war ich auch enttäuscht, weil sich kein Märchen finden ließ, das ähnlich wie im Märchen von den drei goldenen Haaren einen Suchweg zeigt, den eine Frau aktiv hinaus in die Welt geht, um ihr Glück zu finden. Doch dann wurde mir klar, dass weibliche Entwicklungswege anders verlaufen und Märchen die spezifischen Unterschiede zwischen Mann und Frau sehr deutlich zeigen. Und als dann noch eine Fotografin mir gegenüber darüber klagte, dass sie heute schon wieder Hochzeiten fotografieren muss und die Nase voll hat von diesen Frauen, die einmal in ihrem Leben Prinzessin sein wollen, um in die Hochzeitskutsche zu steigen, sie ihnen aber am liebsten zurufen würde: Seht ihr denn nicht, wie verlogen das alles ist? Ihr fahrt doch in euer Unglück! war mir klar, ich will das von vielen Frauen heiß geliebte Märchen Aschenputtel interpretieren, denn das Bild der Prinzessin und ihres Prinzen in der Hochzeitskutsche, das in unserer Kultur zum Inbegriff des Glücks wurde, geht auf dieses Märchen zurück. Deshalb machen wir uns nun auf den Weg durch dieses lange Märchen, um zu sehen, wie weibliche Glückssuche aussehen kann.

Am Anfang erzählt das Märchen vom Sterben, beschreibt die Situation am Sterbebett einer Frau, die sich von ihrer Tochter verabschiedet, ihr letzte Mutterworte auf den Weg gibt und auf die Fortdauer ihrer Beziehung über den Tod hinaus verweist. Was bedeutet das, wenn ein Märchen mit einer solchen Not beginnt? Die gute Mutter ist tot, und damit ist ihr gutes Sorgen und Nähren um die Tochter zu Ende. Eine Beziehung geht nicht mehr so weiter wie bisher. Vorbei ist es mit der vertrauten und gewohnten Art liebevoller Bemutterung. Das können wir als reale Gegebenheiten ansehen, denn für alle Menschen bedeutet der Tod der Mutter ein einschneidendes Erlebnis in ihrer Biografie.

Doch wir können den Tod der Mutter auch als Bild für eine innere Veränderung ansehen, es ist dann Ausdruck für einen seelischen Stillstand. Im Leben einer Frau ist der Punkt erreicht, an dem die gute mütterliche Kraft am Ende ist, es keine liebevolle Zuwendung mehr gibt. Nicht nur unsere körperlichen Kräfte haben die Tendenz, zur Neige zu gehen, sich zu erschöpfen, auch in unserem seelischen Kräftehaushalt gibt es solche Zeiten. Das Mädchen muss sich selbst versorgen, Zugang finden zu ihren eigenen mütterlichen Kräften. So etwas geht nicht von heute auf morgen, braucht Zeit, viel Zeit, denn unserer Seele hat ihr eigenes Lerntempo. Im Grunde genommen handelt das ganze Märchen nur von diesem Entwicklungsprozess: eine Frau wird eigenständig und findet ihre eigenen weiblich mütterlichen Kompetenzen.

Der Anfang ist hart; das Bild der weißen Schneedecke über dem Grab der Mutter passt in die Seelenlandschaft eines trauernden Menschen, der Verlassenheit, Isolation, Kälte und Depression erlebt. Doch das Leben geht weiter, der Vater wandelt bereits wieder auf Freiersfüßen und bringt eine neue Frau mit ihren beiden Töchtern ins Haus. Für seine leibliche Tochter beginnt damit der Abstieg ins Aschenputteldasein, denn Stiefmutter und Stiefschwester machen ihrem Namen alle Ehre. Stiefmutter, wenn Sie das Wort auf der Zunge zergehen lassen, wie schmeckt es? Und wie fühlt sich Stiefkind an? Für mich steht im Vordergrund die Vernachlässigung, die Missachtung und die Erniedrigung. Und geht es Ihnen auch so, es fällt leicht, auf die drangsalierenden Schwestern wütend zu sein.

Viele Märchen stellen einer guten Gestalt gegensätzliche Gestalten gegenüber, sorgen auf diese Weise für Kontrast und erlauben uns, auch Gefühle von Wut, Abscheu, Abneigung und Empörung zu empfinden. Die Vorsilbe Stief ist verwandt mit dem Wort steif, und das erleichtert uns, herauszufinden, wie aus einer guten Mutter eine Stiefmutter werden kann, was ja in sehr vielen Märchen geschieht. Während im Bild der guten Mutter die nährenden mütterlichen Kräfte lebendig fließen, sind sie bei der Stiefmutter in einen Zustand der Erstarrung geraten. Dieses Bild der steifen Mutter wird noch klarer durch die Zusätze Verhärtung, Versteifung, Verfestigung des guten Mutterbildes. Sie alle kennen aus den Erfahrungen mit ihrer eigenen Mutter, wie schnell sich bei Konflikten das Bild der verhärteten Mutter malt, weil mütterliche Härte zu dogmatischer Sturheit wird und von der liebevollen Mutter nichts mehr übrig bleibt, weil mütterliche Normen der Liebe den Kragen umdrehen. Märchen erzählen diesen Vorgang immer wieder. Und er hat ja auch seine Funktion innerhalb des Lebens. Wenn die nachwachsende Generation lebenstüchtig werden will, dann dürfen sich Mütter nicht scheuen, auch diese Seite ihres Wesens zu leben. Tun sie das nicht, dann bleiben die verwöhnten Stubenhocker an Mamas Rockzipfel bis ans Ende ihrer Tage. Da es dem Märchen aber um den Fortgang des Lebens geht, sorgen die Stiefmütter dafür, dass etwas geschieht.

Aschenputtel wird nach dem Tod der Mutter von negativen Mutterkräften beherrscht. Was kann sie diesen zerstörerischen Kräften entgegensetzen? Eigentlich nur ihr Durchhaltevermögen, mit dem sie treu und konsequent an der Beziehung zur verstorbenen guten Mutter festhält. Sie opfert diese Erfahrung nicht, und das schützt sie davor, zugrunde zu gehen. Sie nimmt die Herausforderung des sozialen Abstiegs an, kämpft allerdings nicht offensiv gegen die Macht der Stiefmutter an, denn dafür reichen ihre Kräfte noch nicht. Aber innerlich setzt sie ihre gute mütterliche Natur entgegen. Als Kind tat es mir weh, dass diese von mir sehr geliebte Märchengestalt so scheinbar duldend und passiv in der Asche hockt. Heute schaue ich sie jedoch mit anderen Augen an und habe den Eindruck, dieses Aschenputtel wird unterschätzt.

Aber ist Aschenputtel ein Vorbild für uns heutige Frauen? Bei uns steht ja die Powerfrau ganz oben in der Rangliste der wertgeschätzten Frauen. Sie ist beruflich erfolgreich, dabei gleichzeitig eine einfühlsame Mutter und vergisst aber auch ihre Rolle als Ehefrau und Geliebte nicht. Mit dieser Superfrau kann Aschenputtel in der Kittelschürze nicht mithalten, denn sie wird in diesem Stadium zum Zerrbild passiv duldsamer Weiblichkeit und erntet eher Mitleid oder Pfuirufe. Aschenputtel, wo hast du deine Frauenpower versteckt, rufe ich ihr zu und muss doch akzeptieren, dass ihr Weg in die Tiefe führt. Wer dieser Gestalt gerecht werden will, darf sich nicht fürchten vor den Schattenseiten des Lebens.

Aber muss es denn gleich so ausschließlich mit Küchenarbeit verbunden sein? denkt die emanzipierte Frau und vergisst, dass die Gebrüder Grimm als sie das Märchen ausformten dem Frauenbild ihrer Zeit folgten. Und doch ist die Küche meines Erachtens genau der richtige Aufenthaltsort für Aschenputtel, denn an keinem anderen Ort geschehen Tag für Tag so vielfältige Umwandlungsprozesse wie beim Kochen. So wird gerade die Küche zu dem Raum, der die Veränderungsprozesse Aschenputtels begünstigt. Sie wird nicht zum Opfer der drei Ks, Küche, Kinder, Kirche!

Ich bleibe noch ein wenig in der Küche, bin versucht etwas ironisch zu sagen, armes Aschenputtel im Aschenkasten, von aller Welt verlassen, mir kommen gleich die Tränen. Dieses Bild wird oft falsch verstanden, es dient dazu, uns Frauen einen Cinderella-Komplex anzudichten. Darunter wird unsere Neigung verstanden, schnell klein beizugeben, diese angeblich typisch weibliche Eigenschaft, Herausforderungen und Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, um den Traum vom starken Mann träumen zu können, den Retter, in dessen starken Arm es sich so schön kuscheln lässt. Hand aufs Herz finden Sie sich darin wieder?

In diesem hintergründigen seelischen Familiendrama spielt der Vater eine enttäuschende Rolle. Nichts tut er zur Verteidigung seiner Tochter. Sie verliert ihren bisherigen Stand in der Welt ebenso wie ihren Wert. Der verschwindet in der Küchenschürze. Oberwasser haben nun die Stiefschwestern, deren Drang nach Eitelkeit vom Vater bedient wird. Damit entsprechen sie perfekt dem Frauenbild, das unter dem Zwang zum Schönseinmüssen steht. In der Küche lebt das hässliche Gegenstück. Zwei Aspekte des Weiblichen stehen sich feindlich gegenüber. Wenn Schminktopf in Konkurrenz zum Kochtopf steht, dürfen wir gespannt sein, wie es ausgeht.

Immer wieder ist es die Küche, wo Entscheidendes geschieht. Im schlichten, naturnahen, warmen Bereich der Nahrungszubereitung lernt Aschenputtel, sich zu nähren und muss zunächst auch noch die feindseligen Mäuler der Stief-Familie mitstopfen. Noch ist die Zeit für eine Revolution nicht gekommen, weil ihre inneren Kräfte erst reifen müssen. So wie Aschenputtel geht es auch vielen männlichen Märchengestalten, die sich, bevor sie zu späterer Königswürde kommen, erst als Küchenjungen bewähren müssen.

Aschenputtels Küche ist ein warmer Ort. Sie friert dort nicht, und wenn wir sie wegen der vielen Asche bedauern, dann nur, weil wir um die Bedeutung der Asche in alter Zeit nichts mehr wissen. Asche ist ein Verbrennungsprodukt der im Feuer aufgelösten Stoffe und gehört als Symbol in den mütterlichen Bereich. Unsre Vorfahren haben der Asche besondere heilkräftige Wirkung zugeschrieben. Das hängt mit der Dämonen vernichtenden Kraft des Feuers zusammen. Als Überrest des läuternden Feuers ist Asche frei von dämonischen Stoffen. Und bei alten Naturstämmen war es üblich, die Säuglinge gleich nach der Geburt mit Asche abzureiben.

Der Aufenthalt in der Küche wird zu einer intensiven Zeit des Lernens. Wenn die hoffärtigen Schwestern Erbsen und Linsen in die Asche schütten, um Aschenputtel zu quälen, dann verhalten sie sich böse; gleichzeitig fördern sie Aschenputtels Entwicklung, denn sie wird gezwungen, genau das zu tun, was nottut. Sie muss lernen, das Wertlose vom Wertvollen zu trennen. Sie schult dabei ihre unterscheidenden Fähigkeiten und ordnet ein Durcheinander. Was gestorben ist, soll ruhen, die Vergangenheit ist vorbei, und beim Linsen-Verlesen geht es um die Keime für das zukünftige Leben. Linsen wurden in alter Zeit ähnlich wie Reis oder Hirse als Fruchtbarkeitssymbole angesehen. Bei diesem mühseligen Tun wird Aschenputtel später von den Vögeln unterstützt. Belebt von flatternden Vögeln verändert sich die Einsamkeit der Küche. Wenn in unserer Seele Vögel fliegen, dann sind wir voller Ideen, auffliegender Gedanken, erleben uns luftig, animiert und gut.

Und nun geht endlich vom Vater ein mächtiger Impuls aus, der das Leben seiner leiblichen Tochter grundlegend verändert. Er verlässt seinen Frauenhaushalt für einige Zeit, geht auf Geschäftreise und will für jede Geschenke mitbringen. Endlich darf Aschenputtel einen Wunsch äußern und unterscheidet sich damit sehr von ihren Schwestern. Was soll sie mit Perlen und Edelsteinen? Sie wünscht sich etwas aus der Natur, möchte ein Reis, um es aufs Grab der Mutter zu pflanzen. Sie will den Tod überwachsen wie ein Baum. Damit beginnt ein neuer Abschnitt ihres Lebens. Zwar trägt sie immer noch die alte Kittelschürze, aber nun wächst etwas, kündigt Veränderung an. In der germanischen Mythologie war das Haselreis wichtig und galt als fruchtbarmachende Lebensrute. Nicht ohne Grund verwenden wir bis heute Haselgerten als Wünschelruten.

Wenn mit dem Haselzweig aus Mutters Grab ein Baum wächst, dann entspricht dies Aschenputtels innerem Wachstum. In diesem Märchen sind Grab und Küche Symbole der Wandlung und Wiedergeburt. Das Bäumchen, das Aschenputtel pflanzt ist ihr eigener Lebensbaum, und sie gießt und düngt ihn mit ihren Tränen. Im Märchen lohnt sich der durchlittene Schmerz, werden die Tränen gezählt, verwandeln sie sich manchmal in Perlen. Der Baum mit den Vögeln auf dem Grab der Mutter wird zum Zufluchtsort der jungen Frau. Sie pendelt zwischen ihrem täglichen Leben in der Küche und dem Baum auf dem Grab hin und her, erhält von dort auch die schönen Kleider, die Ausdruck sind ihres neuen Wesens.

Und dann geht es rund im Märchen. Der Vorhang geht auf zu einem neuen Akt. Der Handlungsrahmen erweitert sich, die Grenze der einschränkenden häuslichen Welt wird überschritten, denn der König veranstaltet einen Ball, sucht eine passende Frau für seinen Thronfolger. Auf einmal sind drei Männer auf der Bildfläche dieses anfangs doch sehr von Frauen dominierten Märchens. Aschenputtels Horizont erweitert sich. Sie lässt sich von den Zurückweisungen der Stiefmutter nicht entmutigen, erweist sich als klug und sehr überlegen handelnd und stellt nun ein stabiles Gegengewicht zu ihrer Stief-Familie dar. Für wenige Stunden kann sie ihre Küchenkleider ablegen, ihre Schönheit offen zeigen. Ihr neues Wesen muss sich nicht mehr verbergen. Aschenputtel traut sich!

Wenn in einem Märchen die Gewänder gewechselt werden, dann geht es um Erneuerung und Wiedergeburt. In den Augen der Stiefschwestern ist sie nach wie vor die Küchentrampel, nicht gesellschaftsfähig, denn sie wären kompromittiert, wenn sie sich mit ihr sehen lassen würden. Ihre nur aufs Äußere fixierten Augen haben nichts von den großen Veränderungen wahrgenommen, die Aschenputtel neu geformt haben. Von Kleid zu Kleid gewinnt sie mehr Sicherheit ihrem neuen Wesen gegenüber. Noch flüchtet sie unerkannt vom Ball nachhause, liegt in der Asche, wenn die andern kommen, erträgt die Ernüchterung des Aschenkittels.

Doch die Ereignisse nehmen ihren Lauf. Die Gestalt des Prinzen als männliches Gegenüber wird deutlicher. Über den auf der Treppe verlorenen Schuh findet er seine zukünftige Frau. Die erotische Bedeutung von Fuß und Schuh spricht für sich. Und die Schuhprobiererei ist natürlich ein herrliches Spektakel, um das Dilemma der Stiefschwestern zu zeigen. Die sind erpicht darauf, sich die einmalige Chance, einen Mann mit blauem Blut zu ergattern, nicht nehmen zu lassen. Sie tun alles, um Harmonie zu erzwingen, tun sich selbst Gewalt an, um die Frau an seiner Seite zu werden. Ihre Haltung dem Leben gegenüber heißt: Habenwollen um jeden Preis. Und sind die Worte ihrer Mutter nicht sehr vernünftig? Wenn du Königin bist, brauchst du nicht mehr zu laufen, also schneide dir die Ferse oder den Zeh ab! Sie meint es ja so gut mit ihren Töchtern. Aber diese vernünftigen Muttertipps sind nicht im Sinne des Märchens. Dort muss jeder seine eigenen Wege gehen und aus Berechnung etwas für seine Mühe zu erwarten, das führt nicht ins Glück.

Am Ende schont das Märchen die beiden nicht länger, denn an ihrer Einstellung dem Leben gegenüber hat sich kein Deut verändert. Nach wie vor hängen sie am Äußeren, bleiben die steifen Schwestern, wollen sich bei der Prinzessin einschmeicheln, spielen die Rolle des Wendehals. Aber die wachsamen Tauben picken ihnen die Augen aus und machen deutlich, diese Art und Weise in die Welt zu schauen hat nun ein Ende.

Aschenputtel hat sich aus der Hassumklammerung der Stiefmutter gelöst, das Tor zur Eigenständigkeit steht offen und nun kann sich ihre Liebensfähigkeit entfalten. Der Prinz tritt zum rechten Zeitpunkt auf die Bildfläche, denn er verkörpert die liebende Zuwendung zum eigenen Dasein, auf die Aschenputtel seit dem Tod der Mutter hatte verzichten müssen. Endlich wird sie wieder geliebt. Endlich steht sie wieder mit liebender Verbundenheit im Leben. Trotz Stiefmutter und Missachtung hat Aschenputtel gelernt, an der Liebe zu sich nicht irre zu werden.

Jedes Märchen zeigt am Ende eine andere Anordnung der Personen als am Anfang. Stand dort die Auseinandersetzung mit den negativen Mutterkräften im Vordergrund, schließt das Märchen mit einer Frau und einem Mann, die zusammen ein Paar bilden. Der Ring des Lebens hat sich geschlossen. Und wenn dies geschieht, dann ist das Ausdruck des Glücks!

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Stand: April 2015