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„Das Inferno, das schweigen lässt"

Interview der Pforzheimer Zeitung vom 12. Januar 2008 mit Gertrud Ennulat, Autorin des Buches „Kriegskinder", über Verlust und Trauer sowie Strategien des Verarbeitens.

Die Autorin Gertrud Ennulat erlebte Tod und Vernichtung. Wie sie mussten viele Kriegskinder mit dem Erlebten fertig werden. In ihrem neuen Buch „Kriegskinder – Wie die Wunden der Vergangenheit heilen" beschreibt sie trotz der Trauer mögliche Wege zu einer Aussöhnung mit dem Erlebten. PZ-Redakteurin Martina Schaefer sprach mit der 66-Jährigen.

Pforzheimer Zeitung: Sie schlagen in Ihrem Buch einen versöhnlichen Weg ein. Können die Wunden der Vergangenheit, die der Krieg verursacht hat, überhaupt heilen?

Ennulat: In dem Moment, wo ich einen lebendigen Bezug zur Vergangenheit habe, bekommt das Geschehen eine andere Wertigkeit, als wenn es der Betroffene verdrängt. Häufig ist es so, dass Menschen meiner Generation etwa unter Beschwerden leiden wie Panikattacken oder Albträumen. Wenn ich diesen Bezug zum frühen Erleben im Krieg herstellen kann, dann bekommt das Ganze plötzlich einen sinnhaften Zusammenhang. Kinder erlebten schreckliche Dinge, die sie sich nicht erklären konnten. Um weiterleben zu können, verdrängten sie das Erlebte. Es ist im Unbewussten gespeichert und kann sich als dunkler Schatten melden. Wenn das so ist, dann haben Geschehnisse aus dem Krieg noch nicht den richtigen Platz in der Erinnerung gefunden. Es ist wichtig, dass das Kind von damals endlich weinen kann. Im Luftschutzkeller ging das nicht. Das Inferno hat nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen zum Schweigen gebracht.

PZ: Wie haben Sie den Bombenangriff am 23. Februar 1945 auf Pforzheim erlebt?

Ennulat: Wir waren Kilometer weit weg von Pforzheim, mein Vater war dort als Feuerwehrmann im Einsatz. Ich und meine Mutter samt Geschwister waren in einem Bunker in einem stillgelegten Steinbruch. Dort war auch eine Rot-Kreuz-Schwester, die uns eingelegte Früchte zu essen gab. Eine alte Frau hatte Todesangst. Denn das, was in Pforzheim passierte, war zu spüren. Man sah es am roten Himmel. Die Angst, dass diese Bedrohung näher kommt, war riesig. Die Frau hat sich in dieser Situation dadurch Luft verschafft, indem sie zu uns Kindern sagte: Ihr seid schuld, weil ihr den Teller nicht leergegessen habt.

PZ: Wie hat Ihre Großmutter, die „Adler"-Wirtin, in Huchenfeld den Krieg wahrgenommen?

Ennulat: Sie hat den Krieg nicht als totale Konfrontation mit der Gefahr erlebt. Sie war oben auf dem Berg. Als die Alliierten kamen, trafen sich alle Bewohner des Dorfes in der Kirche. Meine Cousine, Tante und meine Großmutter gingen von der Gaststätte „Adler" Richtung Kirche, als sich meine Großmutter umdrehte und sagte: Ich gehe heim. Sie hat die Tür der Wirtschaft von innen abgeschlossen, ihre Bibel geholt und sich auf die Holzkiste in der Küche gesetzt. Und hat vertrauensvoll gewartet was kommt. Ihr ist nichts passiert.

PZ: Der Krieg hatte einen ganz elementaren Platz in Ihrer Mädchenwelt.

Ennulat: Der Krieg hatte viel stärkere Auswirkungen auf meine Eltern gehabt, als mir das damals bewusst war. Das Schweigen dieser Generation, das man ihr oft zum Vorwurf gemacht hat, kann ich heute gut verstehen. Es war das Inferno, das schweigen macht. Wie soll man darüber sprechen, dass jemand im Bunker verbrannt ist und ein Angehöriger die Asche zusammenkehrt.

PZ: Wann konnten Sie frei über die schrecklichen Erlebnisse reden?

Ennulat: Der 50. Jahrestag des Kriegsendes war für mich die Zeit, wo die Erinnerungen aufstiegen. Ich fing plötzlich an, Luftschutzkeller zu malen. Ich hatte auch plötzlich Kriegsträume. Und der andere Katalysator auch für viele meiner Freunde war der Golfkrieg. Ich habe meine ersten Gespräche geführt und gemerkt, wie gut das tut und wie viel doch an Erinnerungen hochkommt, mit denen man nicht gerechnet hat.

PZ: Sie sind früh mit dem Thema Trauer konfrontiert worden. All die Freundinnen ihrer Mutter etwa, die beim großen Angriff auf Pforzheim ihr Leben lassen mussten, haben den Verlust deutlich gemacht.

Ennulat: Wenn ich nach dem Angriff an der Hand meiner Mutter vom Wartberg runter in die Stadt gelaufen bin, um auf der anderen Seite am Kupferhammer nach Huchenfeld hochzugehen, spürte ich, dass meine Mutter jetzt eine andere ist. Die Atmosphäre der Stadt, in der der Tod noch gegenwärtig war und die Trauer um die Menschen legte sich wie ein dunkler Schleier um mich. Den Schmerz der Erwachsenen habe ich als Kind gespürt. Die toten Fassaden haben meine kindliche Fantasie unglaublich angeregt. Es war gespenstisch, durch eine Stadt zu gehen, wo kein Stein mehr auf dem anderen stand.

PZ: Erinnern Sie sich an einen besonders schmerzlichen Verlust?

Ennulat: Nach dem Krieg 1946 habe ich meinen kleinen Bruder verloren. Das hat die Familien noch mal an den Rand der Existenz gebracht: Der Krieg war vorbei, und es kamen diese schrecklichen Diphterie-Winter. Die Medizin war in Amerika und England zugänglich, in Deutschland noch nicht. Die Kinder starben wie die Fliegen. Durch diese Erfahrung bin ich zu meinem Schwerpunkt beim Schreiben meiner Bücher gekommen: Wie Kinder trauern. Denn ich habe nicht ausdrücken können, was ich fühlte. Die Erwachsenen waren mit dem Krieg und dem zusätzlichen Verlust beschäftigt. Vor 15 Jahren habe ich gemerkt: Ich habe ein trauerndes Kind in mir, das nicht trauern durfte.

PZ: Was war der konkrete Anlass für das neue Buch?

Ennulat: Die Kriegskinder sind in den vergangen Jahren vermehrt zum öffentlich diskutierten Thema geworden. Früher dachte man, dass ältere Menschen mit Beschwerden nicht therapierbar sind, das hat sich gewandelt. Es sind inzwischen auch einige gute Veröffentlichungen erschienen. Nach einer gelungenen Veranstaltung in Waldsrode kam ich nach Hause und wusste: Ich will thematisch einsteigen.

PZ: Wie sieht so eine konkrete Hilfestellung aus?

Ennulat: Inzwischen gibt es in vielen Städten Gesprächskreise, die sich mit dem Thema beschäftigen. Denn viele Menschen werden im Alter dazu getrieben, den Tisch ihres Lebens aufzuräumen auch in Hinblick auf Fragen der nächsten Generation. Es gehört auch zu einem wichtigen Kapitel des Älterwerdens, sich mit den Lebensanfängen auseinanderzusetzen. Dazu gehört, den Fragen der Kinder auch in Bezug auf den Krieg standzuhalten. In dem Moment wo Enkel diese Fragen stellen, ist es einfacher, als wenn die eigenen Kinder fragen.

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Interview mit der Autorin Gertrud Ennulat über ihr neues Buch
„Kriegskinder – wie die Wunden der Vergangenheit heilen"

In den letzten Jahren sind einige Bücher zum Thema Kriegskindheit erschienen. Was veranlasst Sie dazu, ein weiteres Buch darüber zu schreiben? 

Ennulat:
Die Generation der ehemaligen Kriegskinder setzt sich intensiv mit ihrer Geschichte auseinander. Sie wissen, dass sie als Kinder und Jugendliche mehr vom Krieg mitbekommen haben als ihnen bisher bewusst war. Mein Buch hilft genau bei diesem Prozess, denn es gibt Anregungen, wie das Kriegskind gefunden werden kann. Es macht Mut, sich der Erinnerungen zu stellen und das Kind als authentischen Zeugen der Kriegsereignisse ernst zu nehmen.

Hat nicht die Zeit alle Wunden geheilt?

Ennulat: Nein, die Zeit allein konnte die Wunden nicht heilen. In meinem Buch schildere ich auch schmerzhafte Prozesse der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und gebe Anregungen, wie auch diese Erfahrungen einen Platz in der Biographie des einzelnen finden.

Wäre es da nicht besser, den Deckel drauf zu lassen?

Ennulat: Bei den meisten Betroffenen funktioniert genau dieser alte Mechanismus nicht mehr. Sie wollen endlich dem Schmerz des Kindes auf die Spur kommen, die Tränen weinen, die das Kind unterdrücken musste. Keiner muss sich dieser Tränen heute schämen.

Ist die Aufarbeitung der Verletzungen nicht mit erneutem Schmerz verbunden?

Ennulat: Ja, sicher. Aber die ehemaligen Kriegskinder wissen, dass es höchste Zeit ist. Viele sind Großeltern. Eine der wichtigen Aufgaben verantwortlicher Großelternschaft besteht darin, Brücke zur Vergangenheit für die Enkel zu sein. Mein Buch zeigt Möglichkeiten für einen gelingenden Dialog zwischen diesen beiden Generationen.

In meinem Buch informiere ich auch über die Untersuchungen von Anna Freud, die bereits im Jahr 1940 Kinder therapierte, die mit den Folgen der Luftangriffe nicht fertig wurden. Eigentlich macht es ja keinen Unterschied, ob ein englisches Kind von London aufs Land in eine fremde Familie geschickt wurde oder ein deutsches Kind mit der Kinderlandverschickung nach Bayern oder in den Warthegau kam.

Wen wollen Sie mit Ihrem Buch ansprechen?

Ennulat: Die erste Zielgruppe sind die heute grau gewordenen Kriegskinder, die mehr über den Alltag von Kindern im Krieg wissen wollen. Mein Buch setzt an der Schnittstelle von vergangenem Erleben und heutiger Erinnerung an und gibt vielfältige Hilfen für das Auffinden und den Umgang mit dem ehemaligen Kriegskind.

Die zweite Zielgruppe sind die erwachsenen Kinder und Enkel der Kriegskinder, die unter der Mauer des Schweigens zwischen den Generationen leiden. Sie sind auf authentische Informationen über das Erleben ihrer Eltern angewiesen. In meinem Buch informiere ich deshalb auch über die Auswirkungen traumatischer Erfahrungen im System der Familie und gebe konkrete Anregungen für einen lebendigen Austausch zwischen den Generationen.

Es gibt Menschen, die von sich sagen, der Krieg habe ihnen wenig geschadet. Gehen Sie in Ihrem Buch auch darauf ein?

Ennulat: Ja! Ich bin der Frage nachgegangen, ob es Faktoren gibt, die es Kindern leichter machten, den Krieg zu überstehen. Ein großer Teil der ehemaligen Kriegskinder war ja widerstandsfähig in der aktuellen Situation. Erkenntnisse aus der Resilienzforschung erklären, wie Kinder auch mit extremen Belastungen wie dem Krieg elastisch umgehen können. Aber auch bei diesen Menschen kann sich heute das Kriegskind melden.

War der Krieg für Kinder nicht auch ein großes Abenteuer?

Ennulat: Im entsprechenden Kapitel meines Buches gehe ich dieser Behauptung nach und zeige, dass das Bild des großen Abenteuers häufig eine Rationalisierung bzw. eine Deck-Erinnerung ist, die dem Überleben diente. Manches Kriegskind, das in der geschönten Erinnerung am Ausgang des Bunkers auf dem Bauch lag und fasziniert Bomber zählte, wurde irgendwann doch von bedrohlichen Bombenträumen heimgesucht. Ein weiteres Beispiel dafür, wie wichtig die Revision von Erinnerungen ist.

Welche Kinder hatten es leichter als andere?

Ennulat: Ein weiteres Kapitel meines Buches schildert die Bedeutung der Familie. Gut hatten es Kinder mit Großeltern, die ein schützendes Bollwerk waren. Gut hatten es auch die Kinder, die Geschwister neben sich hatten, denn diese verkörperten eine große Ressource im Kampf ums Überleben.

Was hatte es mit der eisernen Disziplin der Kriegsmütter auf sich?

Ennulat: Ihre Disziplin garantierte das Überleben der Kinder, denn sie wurden nicht vernachlässigt. Leider blieben viele Kriegsmütter und Väter im Schweigen stecken und fanden Zeit ihres Lebens keinen emotionalen Zugang zu ihren Erlebnissen.

Welches Ziel hat die Auseinandersetzung mit der Kriegskindheit?

Ennulat: In meinem Buches geht es um die Aussöhnung mit dem Lebensanfang im Krieg. Am Ende der Auseinandersetzung haben sich die Schatten gelichtet. Die Bruchstücke des Lebensanfangs im Krieg sind ins Ganze der eigenen Biografie eingefügt. Ein neuer Halt gebender Wurzelboden hat sich gebildet, und das Kind hat seinen Platz gefunden. Das bewirkt eine Vitalisierung des Lebens der älter werdenden Menschen.

Wie gelingt es, einen Schlussstrich zu ziehen?

Ennulat: Manche schreiben ihre Erfahrungen als Kind im Krieg auf. Das hat eine befreiende Wirkung. Oft werden alte Photos dazugeklebt, sodass eine Art Dokument entsteht, das auch den Jüngeren in der Familie zugänglich ist. Andere treibt es in die alte Heimat, aber nicht in nostalgischer Verklärung, sondern um endgültig Abschied nehmen zu können. Dann ist der Krieg im Inneren vorbei, es ist Friede.

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Stand: April 2015