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 Kinderfragen

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„Kinderfragen gehen tiefer - Kinderträume werden wahr?"
Religiös-philosophische Fragestellungen an Erzieherinnen

Mit meinen Gedanken möchte ich Sie hineinführen in den Raum, der sich für mich durch die Beschäftigung mit dem Thema gebildet hat. Im ersten Teil wende ich mich den Kinderfragen zu, im zweiten Teil werde ich über meine Erfahrungen mit Träume erzählenden Kindern berichten, über die ich in meinem Buch „Du, ich will dir einen Traum erzählen" geschrieben habe.

1.  Kinderfragen

Zunächst geht es um das Phänomen der Kinderfragen und im besonderen um die Behauptung, sie gingen in die Tiefe. Da taucht schon eine erste Frage auf: Was heißt das denn, wenn Kinderfragen tiefer gehen? Womit werden sie vergleichend gemessen, so dass der Komparativ angebracht ist? Es wird auch zu prüfen sein, ob diese Aussage für alle Kinderfragen gilt oder nur für eine spezielle Anzahl. Und wenn von Tiefe gesprochen wird, muss diese Dimension ja in Bezug gesetzt werden zu einer Oberfläche oder Ebene. Nur wer einen festen Boden unter den Füßen hat, kann auch in die Tiefe gehen. Aber nicht jeder Mensch reagiert auf dieses Wort Tiefe erfreut, denn was aus der Tiefe kommt, kann befremden und erschrecken, denken Sie nur an das Psalmwort: „Aus der Tiefe rufe ich Herr, zu Dir!" Hier befindet sich einer in der Tiefe des Alleinseins. Und doch haben wir auch ein Bedürfnis nach dieser Tiefe. Im Umgang miteinander schätzen wir die Begegnungen, bei denen diese Dimension berührt wird.

Fragen ist ein menschliches Grundbedürfnis

Eine Frage gleicht einen Mangel aus; eine Unsicherheit wird durch eine Information beendet. Wer eine Frage stellen darf, erlebt dies als einen Akt der Freiheit. Wir alle kennen die beglückenden Gespräche, in denen eine Fülle von Fragen adäquate Antworten fanden und eine zuvor belastende Situation, ein Konflikt dadurch bereinigt wurde. Wenn viele Fragen beantwortet sind, erleben wir das als gut und befreiend, denn jede Frage ist verbunden mit einer Bewegung ins Offene hinein. Diese Offenheit drücken wir bereits in unserer Stimmlage aus, wenn wir am Ende einer Frage mit der Stimme in die Höhe gehen. Damit wird der Gefragte zum sofortigen Antworten eingeladen. Wer zu lange auf eine Antwort warten muss, zieht vielleicht resigniert seine Frage zurück, weil die Spannung ins Leere gelaufen ist.
Darüber hinaus gibt es auch die Erfahrung, dass eine Frage von Anfang an überhaupt nicht gestellt wird, obwohl andere sie erwarten. Am Beispiel der Gestalt des Parzival wird deutlich, wie verhängnisvoll es sein kann, eine bestimmte Frage nicht gestellt zu haben.

Fragen zu stellen ist nicht immer leicht

Warum eigentlich? Was geschieht, wenn ich frage? Zunächst exponiert das Fragen den Fragenden. Er ist auf einmal auf sich allein gestellt, wird dabei vielleicht rot im Gesicht oder sein Puls beschleunigt sich, wenn er innerhalb einer Gruppe in der Öffentlichkeit sich zu Wort gemeldet hat. Das kann mit der Angst zusammenhängen, als der Unwissende angesehen zu werden.

Überdies gibt es politische Systeme, die bestimmte Fragen nicht erlauben. Wer dennoch den Mund aufmacht und unbequeme Fragen stellt, geht ein großes Risiko ein. Warum habe ich nur gefragt? Wer so zu sich spricht, spürt den Drang des Fragen-Müssens in sich. Bestimmte Fragen treiben uns ein Leben lang um und begleiten uns in die Offenheit des Todes hinein.

Nach so vielen Gedanken zum Fragen müssen endlich die Kinder mit einbezogen werden. Ein Kind wird fragend geboren. Es kommt mit der einen wichtigen Frage und ihren vielen Variationsmöglichkeiten auf die Welt: Bin ich willkommen? Bist du mein Vater? Bist du meine Mutter? Hast du mich lieb? Nonverbal fragt es mit seiner ganzen Person danach und wird so zu einem kommunizierenden Wesen.

Kindliche Entwicklung beim Fragen

Im Verlauf der Entwicklung stellt die erste Frage, die ein Kind äußert, einen großen Entwicklungsschritt dar. Mit Hilfe der Sprache macht es sich die Welt zu eigen. Etwa um die Mitte des 2. Lebensjahres kann die erste Frage auftauchen. Oft ist es der ausgestreckte Zeigefinger der rechten Hand, den das Kind benutzt, um auf das Objekt seiner Neugier hinzuweisen. Ähnlich hat es sich verhalten als es seine ersten Schritte allein tat, meist zu Ende des ersten Lebensjahres. Auch hier war der Zeigefinger ausgestreckt. Zwar konnte das Kind noch keine Frage stellen, doch stellte der fragende Finger für den Erwachsenen die Aufforderung dar, den Gegenstand zu benennen.

In der Zwischenzeit hat sich die Anzahl seiner Wörter vergrößert. Noch fehlt ihm das Frage-Pronomen, mit dem es beim nächsten Entwicklungsschritt seine Frage beginnen wird. Jetzt fragt es einfach: „Ist das?" Ein Gegenstand erregt seine Aufmerksamkeit. Vielleicht hat es ihn bereits hundertmal vorher in der Hand gehabt, aber nun möchte es wissen, wie er heißt. Mit dem neuen Wort macht es sich den Gegenstand zu eigen.

Gleichzeitig geschieht aber noch etwas anderes: Das Kind lernt: wenn ich frage, wendet sich mir der Erwachsene zu. Es erfährt Zuwendung und braucht diese auch, denn in diesem Wechselspiel von Fragen und Antwort entwickelt das Kind nicht nur seine sprachlichen Fähigkeiten, sondern auch sein Selbst- und Weltverständnis. Fragend vergewissert es sich der Nähe des Erwachsenen, der ihm ein Echo gibt und für die Verlässlichkeit seiner sich ständig erweiternden Welt bürgt.

Jede Frage vergrößert den Spielraum kindlichen Denkens und Fühlens. Seine Neugier macht es leicht ansprechbar, seine hohe Gefühlsintensität lässt es sensibel auf alle Regungen seiner Umwelt reagieren. Wenn es fragt, lernt es nicht nur einen neuen Gegenstand oder Zusammenhang kennen, sondern entnimmt gleichzeitig die emotionale Färbung der Worte des Erwachsenen.

Triebkraft kindlichen Fragens ist die Neugierde. Diese Energie verlangt nach Befriedigung. Jeder von uns kennt diese manchmal drängende Gier nach dem Neuen. Sie hat in ihrem Verlangen durchaus etwas Lustvolles, denn das Bereicherung durch die Neuigkeit erleben wir als positiv. Höchste Befriedigung erfährt unsere Neugier bei Sensationsmeldungen.
Für das Kind stellt die Neugierde eine Form seines Erlebnisdranges dar. Sie ist der Motor seiner Hinwendung zur Welt. Fragend holt es sich von allen Seiten Wissen zusammen. Es legt auf diese Weise den Grundstock seiner späteren Bildung.

Vorhin war vom ersten Fragealter die Rede, die Frage „Ist das?" bewegte das Kind. Diese Art des Fragens wird abgelöst durch wesentlich genauer formulierte Fragen. Auf einmal tauchen Frageworte auf, auch verstärkt sich die Hartnäckigkeit des Fragens. Nicht immer ist es einfach, der nun aufbrechenden Fülle der Fragen standzuhalten. Nun konfrontiert das Kind den Erwachsenen auch mit solchen Fragen, auf die zu antworten schwer fällt, weil sie mit dem Aufzeigen von Zusammenhängen nicht befriedigt sind, das Kind weiterbohrt, als nervend erlebt wird, die sprichwörtlichen Löcher in die Bäuche der Erwachsenen fragt.

Fragen nach Sinn- und Wirkzusammenhängen

Aus der Vielzahl von Fragen habe ich einige ausgewählt, die mir Kinder gestellt haben. Manchmal waren es Kinder in der Grundschule, im Kindergarten oder meine Enkelkinder, Kinder auf der Straße oder solche, die beim Aldi in der Schlange vor mir oder hinter mir standen: Wann ist morgen? Warum geht die Sonne unter? Wie breit ist die Milchstraße? Wo ist dein Zuhause? Warum kommt die Nacht? Schläft mein Schutzengel auch? Kann ich meinen Papa malen, der ist doch tot? Warum sagt Jesus immer so Sätze, die man so schwer versteht?

Mit diesen Fragen sucht das Kind nach den Sinn- und Wirkzusammenhängen in seiner Welt. Es will wissen, wie und wieso etwas geschieht, es will die zeitliche Abfolge von Ereignissen auf die Reihe bekommen, um sich einordnen und orientieren zu können. Das folgende Beispiel soll dies näher erläutern:

  • Jan, ein 4Jähriger, lernt innerhalb einer Woche das Heute vom Morgen zu unterscheiden. Er ist heute bei seinem Papa, doch morgen muss er wieder zu seiner Mama. Am Telefon fragt er mich, wann ich ihn besuche. Als ich ihm antworte, das werde morgen sein, sagt er, dann bin ich morgen bei der Mama. Der zukünftige Zeitabschnitt „morgen" wird für ihn konkret, weil er gefüllt ist mit dem Inhalt „dann bin ich bei der Mama". Seine Neugier treibt ihn noch weiter. Seine Frage „Und wenn das morgen ist, was kommt dann?" zielt auf das Übermorgen. Mit diesem neuen Wort überschreitet er die Grenze seines Zeitbewusstseins.

  • Vielleicht steckt in dieser Frage: „Du, was kommt nach übermorgen?" etwas von dieser in unserem Thema angesprochenen Dimension der Tiefe. Klar, ich kann ganz mathematisch korrekt antworten: wenn heute Mittwoch ist, dann ist übermorgen Freitag und nach übermorgen kommt Samstag. Aber diese Antwort scheint den Jungen nicht zu befriedigen. Sein angespannter Gesichtsausdruck zeigt mir: er denkt, bzw. es denkt noch in ihm, ich muss mich ihm weiter stellen. Vielleicht trifft meine Antwort auch nicht die Dimension der Tiefe, aus der die Frage des Kindes aufgestiegen ist.

    Folgendes Gespräch ergibt sich:

  • Meine Entgegnung „Du möchtest wissen, was kommt" bewirkt ein Kopfnicken, begleitet von den Worten: „Ja, ich möchte wissen, was kommt". Dann entsteht eine längere Pause. Anscheinend geschieht nichts, aber in diesem Innehalten und der gespannten Erwartungshaltung des Erwachsenen kann der Junge das formulieren, was ihm auf der Seele brennt: „Ich will wissen, wann der Papa wieder kommt!" Jetzt sind wir da angekommen, wo seine Frage hinzielte. Da seine Eltern geschieden sind, hat er Mühe damit, die zeitlichen und geographischen Trennungen und die veränderten Zuordnungen auf die Reihe zu kriegen, treibt ihn die Frage um, wann der Papa wieder kommt.

  • Dieses Beispiel zeigt, wie vielschichtig eine Kinderfrage sein kann. Um durch ihre verschiedenen Schichten zu gelangen, ist eines unabdingbar, Zeit zu haben, damit der Erwachsene und das Kind gemeinsam diesen offenen Raum, in den die Frage hineinführt, füllen können. Fragend bezieht sich das Kind auf den Erwachsenen, schafft sich Nähe, verlangt sein Mitgehen, denn nur im Dialog gestaltet sich diese Dimension der Tiefe.

    Religiös-philosophische Fragestellungen

    Mit dem nächsten Beispiel gelangen wir etwas näher an den Untertitel dieser Tagung, die religiös-philosophischen Fragestellungen, die mit Kinderfragen angesprochen sind. Da ich eine begeisterte Großmutter bin, bleibt es nicht aus, dass ich auch von meinen Enkeln auf dieses Phänomen gestoßen werde.

    Mit dem damals 5jährigen Richard war ich dabei, vom Spielplatz nach Hause in unsere Wohnung zu gehen. Da stellte er ganz unvermittelt die Frage: „Du, Oma, wo ist mein Zuhause?" Eine solche Frage löst zunächst großmütterliches Entzücken aus. Viele Kinder machen es ja wie er, wenn sie sich an einen Erwachsenen richten. Sie sprechen ihn ganz direkt mit dem Du und dem Namen an. Mit dieser Anrede holt er mich nahe zu sich. Dieses direkte Angesprochenwerden kommt einer Berührung gleich, welche in der Kommunikation der Erwachsenen eine Ausnahme ist. Aber nicht immer hat dieses DU die erwähnten zärtlichen Eigenschaften. Es kann von ganz anderer Qualität sein, mich anspringen, sich aufdrängen. Im tagtäglichen Umgang mit Kindern ist es ja gerade diese Seite ihres Wesens, die uns manchmal den Beruf schwer macht, vor allem dann, wenn dieses DU auf uns niederprasselt in dreißigfacher Anzahl.

    Du, wo ist mein Zuhause? Dies ist eine gut formulierte Frage. Der Junge will ja nicht wissen, wo er wohnt, denn seine Frage geht über die Metapher Wohnung hinaus. Im anschließenden Gespräch zählten wir alle seine bisherigen Wohnorte auf. Es waren bereits vier, und es war sehr wichtig, sie nacheinander in der zeitlichen Reihenfolge zu benennen. Selbstverständlich musste auch ich erzählen, wo ich schon überall gewohnt hatte. Auf diese Weise äußerten wir auch Gedanken darüber, an welchen Orten wir uns zuhause gefühlt hatten. Damit umkreisten wir das menschliche Sehnen nach einem Ort in der Welt, den wir Heimat nennen. Als Kind geschiedener Eltern bewegte ihn natürlich auch die Frage: könnte ich nicht bei Oma und Opa immer bleiben? Für Kinder getrennt lebender Eltern bedeutet ja das Zuhause der Großeltern ein verlässliches Kontinuum innerhalb der massiven Veränderungen, an die sie sich anpassen müssen. So führt die Kinderfrage „Wo bin ich zuhause?" in die Weite menschlicher Existenz-Erfahrung, weil sie das Unterwegssein und die Ungeborgenheit ebenso tangiert wie die Erfahrung des punktuellen Gesichertseins. Diese Frage dringt in die Tiefe menschlicher Existenz, nimmt das Kind und den Erwachsenen in diese Tiefe und lässt sie von dort auf einen Fragehorizont blicken, der Perspektiven eröffnet.

    Zu den Kennzeichen solcher philosophisch - religiös gefärbten Kinderfragen gehört es, dass sie ganz plötzlich gestellt werden. Sie können aus einem Kind geradezu herausplatzen. Manchmal werden sie auch sehr zögernd geäußert.

    Mit dem nächsten Beispiel erweitere ich das Thema, denn anstelle der Kinderfrage, welche in die Tiefe geht, habe ich eine Kinderantwort gewählt, die auch auf die uns interessierende Tiefendimension zielt:

    In einem dritten Schuljahr, die Kinder sind zwischen 8 und 9 Jahren, fand ein Gespräch über Geburtstage statt. Dabei erwähnten einige Kinder auch das in vielen Familiengeschichten zu beobachtende Phänomen, dass der Tod eines Familienangehörigen und die Geburt eines Kindes am selben Tag statt finden. Diese Koinzidenz von Leben und Tod mit Kindern zu bedenken, ist für mich stets ein sehr berührendes Erlebnis. Ich erzählte, dass in meiner Familie am 16.12.1946 mein kleiner Bruder an Diphterie gestorben war und dass genau 21 Jahre später unsere Tochter geboren wurde, und wiederum 21 Jahre später deren 1. Sohn. Wie aus der Pistole geschossen kam der Kommentar eines Jungen: 1:0 für das Leben!

    Dieser Junge war der beste Fußballer der Gruppe. Dies erklärt, wieso sein Ausruf die Sprache des Fußballs benutzt. Gleichzeitig hat er intuitiv erfasst, worum es bei dieser Synchronizität von Leben und Tod geht: Letztendlich geht es um das Leben! Mit dieser Äußerung war die zuvor sehr ernste Gesprächsatmosphäre schlagartig verändert. Alle mussten lachen. Die Atmosphäre wirkte animierend, leicht aufgekratzt, lebendig und ungemein fröhlich.

    Woher kam das? Um diese Frage zu beantworten, will ich eine weitere stellen: Wer hat eigentlich geantwortet? Klar, in erster Linie das Kind, durch dessen Mund sich die Worte den Weg ins Freie suchten. Auf der anderen Seite scheint es, als ob das Kind kraft einer Einsicht spricht, die sein Denken weit übersteigt, weil auf einmal Weisheit aufleuchtet. Von daher liegt es nun nahe, den bekannten Satz des Volksmundes zu zitieren: „Kinder und Narren sagen die Wahrheit."

    Es wird nun auch klarer, wie es um diese Tiefenschicht bestellt ist, aus der die Fragen oder Antworten auftauchen. Ihr geht es nicht um gedankliche Überlegungen, die als letztes Glied in einer Kette logischer Folgerungen geäußert werden. Um was dann?
    Das Wort Intuition, intuitiv, taucht auf. Es wird besonders im 2. Teil meines Referates, in dem es um die träumenden Kinder geht, eine Rolle spielen. Es verbindet gleichsam die beiden Schwerpunkte des Themas, die Kinderfragen und die Kinderträume.

    Es lohnt sich nun, einen kurzen Blick zu C.G. Jung zu tun, der davon ausgeht, dass sich unser Bewusstsein durch vier verschiedene Funktionen orientiert.

    Die Empfindung, d.h. Sinneswahrnehmung sagt, dass etwas existiert
    Das Denken sagt, was es ist
    Das Gefühl sagt, ob es angenehm oder unangenehm ist
    Die Intuition sagt, woher es kommt und wohin es geht

    Wir Menschen unterscheiden uns durch die spezifische Ausprägung dieser Funktionen.

    Mit der Intuition ist das schlagartige Erfassen eines Erkenntnisgegenstandes gemeint. Alle Erkenntnisprozesse, bei denen uns an irgendeinem Zeitpunkt ein Licht aufgeht, plötzlich alles klar ist, gehen auf diese Funktion unseres Bewusstseins zurück. Im Bereich des Religiösen hat die Intuition einen bevorzugten Lieblingsplatz. Wir wollen festhalten, dass Intuition auf dem Weg über das Unbewusste tätig ist. Wenn nachher davon die Rede sein wird, dass Träume sofort verstanden werden, dann ist das nur durch die Intuition möglich. Es wird Frauen nachgesagt, sie würden sich mit dieser Kraft besonders gut auskennen. Doch ich möchte diese Gabe unseres Ahnungsvermögens nicht vom Geschlecht abhängig machen.

    Kinder denken über die Welt nach

    Kinder denken viel mehr über sich und ihre Welt nach, als wir Erwachsenen ihnen oft zutrauen, kennen keine Berührungsscheu, auch die dunklen Aspekte des Lebens zu bedenken. Sie fragen nach dem Tod ebenso wie nach den Gefahren postmodernen Lebens, leiden mit Pflanzen und Tieren, sorgen sich um die Zukunft einer bedrohten Erde. Als die Katastrophe von Tschernobyl ihre ersten Auswirkungen zeigte, war ich mit einer Gruppe 8jähriger Kinder zusammen. Zu Beginn des Gesprächs hatte ich an der Tafel den Satz notiert: Gott liebt diese Welt! Doch kreisten alle Gedanken der Kinder um die plötzlich hereingebrochene Angst vor dem Unsichtbaren. Wut äußerte sich. Viele überlegen, ob sie nun gar nicht mehr in den Sand zum Spielen dürfen. Mich hatte der Ernst und die Sorge der Kinder mitgerissen. Die Gesprächsbeteiligung war sehr hoch, die Herzen waren voll, der Mund ging ihnen über. Der Satz an der Tafel schien total fehl am Platz. In einem Moment der Stille zeigte ich dann doch noch auf ihn. Dann sagte ein Mädchen leise vor sich hin: Wenigstens einer noch! Sie saß vorne, hatte offensichtlich den Satz im Blick gehabt. In den Gong hinein kam ihr „Wenigstens einer noch!" Ich denke, dieser Satz braucht keine erklärenden Worte.

    Auch das nächste Beispiel zeigt diese Qualität: 30 Schulanfänger stehen im Kreis, werfen sich ein Wollknäuel zu. Sicherlich kennen Sie dieses Spiel, welches innerhalb kurzer Zeit das Netz der Beziehungen innerhalb einer Gruppe deutlich macht. Als Vorgabe diente der Satz: Ich fühle mich verbunden mit ... Als das Wollknäuel dem Moritz zugeworfen wurde, er es nun einem anderen Kind, mit dem er sich verbunden fühlte, weitergeben sollte, geschah nichts. Spannung lag in der Luft, es war mucksmäuschenstill, als er sagte: Ich fühle mich verbunden mit Gott! Eine solche Antwort hatte niemand erwartet. Sie löste Unsicherheit aus, aber niemand lachte. In diese Offenheit hinein rief der Nachbar des Jungen: Schmeiß doch nuff! In dieser Außerung zeigt sich die spezifische Spiritualität von Kindern, bei der das Reale und das Irreale noch eine ungebrochene Einheit bilden.

    2.  Kinderträume

    Der Stellenwert, den Kinderfragen im Bereich der Pädagogik haben, ist unbestritten. Anders ist das bei den Träumen der Kinder. Fast scheint es, das träumende Kind in Schule, Kindergarten und Hort, aber auch in der Familie sei ein vergessenes Kind. Womit hängt das zusammen? Was können das für Gründe sein, dass die Nachtseite kindlichen Erlebens ausgeblendet wird?

    Die Antwort dieser Fragen hängt mit den Erwachsenen zusammen, denn sie bestimmen, welche verschiedenen Aspekte von Kindsein in unser Bild eingehen, das wir uns von ihnen machen. Natürlich mischt vergangenes eigenes kindliches Erleben mit, stellt in gewisser Weise ein Kontrollorgan dar. Da die wenigsten Erwachsenen sich an frühere Angst- oder Albträume erinnern, weil niemand da war, der sich für sie interessierte, sind sie ins Vergessen abgesunken.

    Ein weiterer Hindernisgrund hängt damit zusammen, dass wir in einer Kultur leben, in welcher Träume kaum eine Rolle spielen. Da in unserer Tradition Träume dem Bereich der Psychotherapie und Psychoanalyse zugeordnet werden, der Analytiker oder die Therapeutin als Fachmann für Seelisches angesehen werden, wird der Umgang mit Träumen stark von deren Verständnis beeinflusst. In erster Linie sind Träume dann Texte mit bildhaftem Geschehen, die erst durch die Deutung der Bilder und Symbole verstanden werden können. Da hinter jedem Symbol ein Turm möglicher Bedeutungen gebaut wurde, kaufen sich Menschen heute Traumlexika, um ihre Träume zu verstehen. Gleichzeitig besteht eine unterschwellige Angst, durch seine Träume entlarvt zu werden. Dies hindert viele Erwachsene daran, sich an ihre Träume zu erinnern oder sie andern mitzuteilen. Damit geht eine Dimension menschlichen Erlebens verloren.

    Wenn Erwachsene so viel Mühe mit dem Träumen haben, ist es kein Wunder, dass ein Kind, das nachts aus einem Albtraum aufschreit, wo es vom Monster gejagt wurde, mit dem lapidaren Satz getröstet wird: Es gibt keine Monster! Diese Antwort hilft dem Kind nicht, weil in ihm noch die im Traum erlebte Angst steckt. Es spürt gleichzeitig die mangelnde Bereitschaft der Erwachsenen, sich seinem Erleben zu öffnen.

    Meine Motivation, dem träumenden Kind im pädagogischen Alltag einen Raum zu geben, hat durch Kinder wichtige Impulse erhalten:

    Eines Morgens beobachtete mein damals 5jähriger Enkel, wie ich nach dem Aufwachen zu schreiben anfing. Er wollte wissen, was sich die Oma notiert. Als er hörte, ich schreibe meinen Traum von der vergangenen Nacht auf, meinte er spontan: Dann musst du aber auch aufschreiben, was ich geträumt habe. Das Kind wies mich darauf hin: wir beide haben heute Nacht geträumt.

    Ein Kind brachte aus einem Amerikaurlaub einen dream catcher mit, ein Traumsieb der Navajo. Dieser kleine Gegenstand hatte großen Einfluss auf die Kindergruppe, denn auf einmal fingen einige an, Träume zu erzählen. Andere wurden angesteckt, so dass eine Stunde konzentrierten und intensiven Sprechens und Zuhörens wie im Flug vorbei ging. Deutlich war danach eine große Gelöstheit der Kinder zu spüren. Niemand war müde, im Gegenteil.

    Diese Erfahrung war nicht ganz neu für mich, denn bei den Schulanfängern hatte die Geschichte von Josef dem Träumer denselben Effekt. Der Träume erzählende Josef wirkte stets als Initialzündung für die Kinder, ihre eigenen Träume mitzuteilen.

    Aus ihrem Alltag kennen Sie auch, dass ein Kind, das sonst zu den vitalen gehört, sich am Morgen müde, verschlossen, blockiert in den Tag hinein quält. Wir neigen dann ja schnell dazu, zu sagen, „das ist heut nicht dein Tag" oder „morgen wird es wieder besser". Doch wer ein solches Kind beobachtet, spürt, wie seine ganze Kraft nach innen gerichtet ist. Es steckt mit seiner ganzen Person noch in einem inneren Geschehen drin. Die einfache Frage: Wie hast du geschlafen? Wie war die Nacht? bewirkt eine Veränderung, denn auf nun das Kind an, einen Traum zu erzählen, der nicht zu einer guten Lösung gekommen war. Im Gespräch teilt es nun mit, es müsse die ganze Zeit an diesen Traum denken. Deutlich ist dem Kind anzumerken, es ist noch ganz gefangen von seinem inneren Erleben und braucht die Hilfe des Erwachsenen, um sich erzählend herauszulösen. Erst danach kann es sich dem Tag zuwenden.

    Ein sehr traumaktiver Junge stürmte manchmal morgens ins Klassenzimmer, rief laut: Ich muss euch erzählen, was ich geträumt habe! Das Kind war nicht zu stoppen, die Energie des Traums musste sich erst im Erzählen verwandeln. Natürlich sprang der Funke auf die anderen über, denn was gibt es Schöneres, als von Zeit zu Zeit sich Träume zu erzählen?

    Das Erzählen von Träumen

    Diese Begebenheiten hatten mich dazu veranlasst, das Träume-Erzählen in den Alltag zu integrieren. Von Zeit zu Zeit spielten wir Traumstudio, nahmen das Erzählte auf Kassette dabei auf. Bei den Schulanfängern hatte sich die Gewohnheit eingespielt, dass manche sich beim Eintreten ins Zimmer an mich wandten, um mir den Traum der Nacht zu erzählen. Dadurch entstand stets ein kurzes Gespräch, das aufgenommen wurde - das authentische Material für mein Buch.

    Mit diesen Traum-Erzählstunden folgten wir einem alten Ritual, das bei einem Naturvolk wie den Senoi noch heute gelebt wird. Morgens erzählen die Kinder ihre Träume, dann kommen die Erwachsenen dran. Dieser natürliche Umgang mit dem Traum hat nichts mit Analyse und Deutung zu tun, denn er versteht das Träumen als einen natürlichen Vorgang.

    Ein Drittel unseres Lebens verbringen wir im Bett, schlafend und träumend. Dabei läuft in uns ein Geschehen filmartig ab, drückt sich aus in einer Vielzahl von Bildern und Szenen, beginnt und endet ohne unser Zutun. Beim Aufwachen bewirkt dieses Geschehen einen Moment der Rückbesinnung, so dass der Traum ins reflektierende oder nachspürende Tagesbewusstsein hineingenommen werden kann.

    Im Umgang mit Kindern ist es nicht notwendig, die Bilder zu erklären, denn sie verstehen die Traumsprache direkt. Sie haben ja auch keine Mühe mit der Bildsprache der Märchen. Da aber jeder Traum einen Niederschlag des Gefühls im Körper hinterlässt, ist es wichtig und hilfreich, Kinder zu fragen: Wie war es dir denn beim Aufwachen? Diese einfache Frage gibt dem Kind die Möglichkeit, sein Gefühl zu benennen. Anfangs tauchen vielleicht die Eigenschaftswörter komisch, cool, gut oder schlecht auf, mit denen das Kind seine Befindlichkeit bezeichnet. Wenn es über einen längeren Zeitraum von einigen Monaten seine Träume erzählen darf, verändert sich die Sprache, mit der es seine Gefühlslandschaft ausdrückt; sie wird reicher.

    Es stellt eine große Leistung dar, ein langes Traumgeschehen im Gedächtnis zu behalten, es so in Sprache zu bringen, dass der rote Faden nicht verloren geht. Kinder zeigen beim Träume-Erzählen in der Gruppe eine große Merkfähigkeit nicht nur für die eigenen Träume, sondern auch für die von anderen. Dies hat zur Folge, dass sie sich besser kennenlernt, ihr Selbstwertgefühl nimmt zu. Vor allem aber wird die bei allen Träumen wirkende Kraft übers Erzählen in den Tag mit hineingenommen.

    Auch die sprachgehemmten Kinder konnten ihre Träume gut erzählen. Sie wirken auf einmal im Fluss, weil die gestaltende Dynamik der unbewussten Energie ihre Sprache leitet. Zum ersten Mal können sie in der Gruppe der Gleichaltrigen so mitreden, wie es sich die meist schüchternen Kinder schon immer gewünscht haben. Damit einher geht ein Anwachsen des Gefühls dem eigenen Wert gegenüber.

    Im Hinblick auf Ihre Arbeit mit Kindern möchte ich Ihnen zeigen, wie das Träume-Erzählen in einer Gruppe wirkt:

    Durch das Träume-Erzählen helfen Sie dem Kind, Tag und Nacht bewusst zu unterscheiden. Die meisten Kinder, auch noch die 10jährigen, sagen als erste Reaktion beim Aufwachen Du, ich war noch ganz drin im Traum. So beschreiben sie ihre emotionale Befindlichkeit, spüren ihr Verhaftetsein ans nächtliche Geschehen und können die Trennung zwischen Traumwelt und Realität zunächst noch nicht vollziehen.

    Wenn Kinder die Gegensätze von Tag und Nacht, Traumwelt und Realität klar unterscheiden lernen, erhält ihr Bild von der Welt deutliche Konturen. Aus dieser Erfahrung strömt Lebensenergie.

    Kinder orientieren sich stärker aneinander, als Erwachsene das annehmen. Schnell nehmen sie Verhaltensweisen von solchen Kindern an, die sie mögen, die ihnen imponieren. Im Gespräch mit Gleichaltrigen können Sorgen und Nöte ebenso auftauchen wie die angenehmen Seiten des Kinderalltags. Die Erfahrung, so zu sein wie die anderen, bewirkt ein gutes Wir-Gefühl und hilft dabei, ein stabiles Ich zu entwickeln.

    Durch das Träume-Erzählen in der Gruppe erfährt das Kind Anerkennung und Wertschätzung seiner Nachtseite, die sonst häufig unbeachtet und abgedrängt wird. Wenn Freunde oder Geschwister Albträume erzählen, erlebt jedes Kind eine große seelische Entlastung und staunt darüber, dass auch die anderen von solchem Traumgeschehen heimgesucht werden. Diese Erfahrung von Solidarität trägt zum Abbau von Angst bei. Das Kind lernt: Ich bin immer noch geachtet, auch wenn ich diese Angsterlebnisse mitteile.

    Über das Erzählen erhält das Kind die Möglichkeit der Unterscheidung, so dass das Innen und das Außen voneinander getrennt werden können. Wenn ein Kind ein Gefühl entwickelt für das, was in seinem Inneren sich abspielt, gewinnt es an emotionaler Intelligenz. Das eigene Fühlen wird konkret, findet seinen Niederschlag in Handlungen in der Außenwelt und hat seinen Ursprung in den Innenräumen des seelischen Bereichs. Kinder, die in Kontakt sind mit ihren Träumen, gewinnen Einsichten in die vielfältigen Facetten ihrer inneren Räume. Das schafft Voraussetzungen dafür, dass Phantasie sich breit machen kann und Langeweile ertragen wird.

    Nicht wenige Kinder berichten von dem für sie oft schwer zu verstehenden Phänomen, dass sie nachts von einem Kind aus der Gruppe träumen, das sie am Morgen wieder sehen. Das kann durchaus zu Konflikten führen, wenn das unausgedrückte Traumgeschehen noch wirkt.

    Kinder sitzen gerne in Erzählrunden. Viele Einzelkinder in Mini-Familien haben nur in der Kindergruppe noch die Möglichkeit zu dieser Erfahrung. In der Unrast des Alltags entsteht eine kleine Insel der Ruhe. Ohne sich selbst äußern zu müssen, darf das Kind neben andern sitzen. Es erfährt ein Gegenüber ebenso wie einen Nachbarn, Kontakte können hergestellt werden. All die geschieht ohne Leistungsdruck, denn im Mittelpunkt steht das Erzählen und Zuhören. Immer bindet das Erzählte das Kind in die neu entstehende Wirklichkeit ein. Auch das Erzählen wird von einer Kraft gesteuert. In der Runde fließt der Stroms des Erzählens, dem sich das Kind im Verbund mit den anderen vertrauensvoll öffnen kann. Es erfährt ein gutes Gefühl, weil dabei auch sein Bedürfnis nach Kontinuität beantwortet wird.

    Kindliche Traumbilder sind Signale für Konflikte und Reifungsschritte

    Es war viel von Albträumen die Rede. Wer das erschrockene Weinen eines Kindes in der Nacht erlebt, fragt sich, ob er sein Kind nicht davor schützen könne. Andererseits bereiten Träume ein Kind auf die Zukunft vor. Sie stoßen es gleichsam ins Leben hinein, bereiten es auf Situationen vor, die es in der Zukunft bewältigen muss. Im Traum bewegt es sich schon auf Wegen, die es in der Realität später gehen muss. Für Sie als Erzieherinnen ist es wichtig zu wissen, dass gerade in der Zeit des Übergangs in den Kindergarten die 3 - 4 Jährigen vielfältige Albträume haben. Die Trennung von der Mutter, die Lösung vom Zuhause für viele Stunden am Tag rufen Ängste hervor, die sich im Traum äußern, die aber gleichzeitig deren Verarbeitung dienen, den Zuwachs an Autonomie bewirken.

    Jonas träumt, er ist in Afrika, die Mama ist verschwunden, er hat Angst zu verhungern. Sein Traum konfrontiert ihn mit dem Alleinsein, Verlassensein. Er muss das im Traum aushalten, was er im Alltag als Kindergarten-Neuling lernen muss. In dieser schwierigen Phase ist es hilfreich, im Kindergarten auch darüber zu sprechen, ein Kind zu loben, was es im Albtraum alles an schweren Gefühlen ausgehalten hat. Ähnliche geschieht beim nächsten Ablösungsschritt vom Kindergarten in die Schule.
    Wenn Kinder erfahren, der Erwachsene ist offen für ihren seelischen Erlebnisbereich, dann schenken sie ihm ein bedingungsloses Vertrauen und zeigen die Tiefe ihrer Existenz. Für den Erwachsenen bedeutet dieses Mitteilen ein Teilen, denn seine seelische Tiefenschicht ist in gleicher Weise berührt wie die des Kindes.

    Wir sind am Ende angelangt. Kinderfragen gehen tiefer. Daran kann kein Zweifel bestehen. Wie steht es aber um die schwierige Frage, die sich um das Wahrwerden von Kinderträumen rankt?

    Nach einem Albtraum ist es für ein Kind wichtig, wenn es z.B. die Nachttisch-Lampe anknipst oder aufs Klo rennt, weil es dann sagen kann: Gott sei Dank, es war nur ein Traum! Andererseits träumen Kinder auch süße Wunschträume, aus denen sie ungern aufwachen, weil sie wissen, wenn ich die Augen aufmache, dann ist der Zauber des Traums vorbei. Sie lernen auf diese Weise auch die kompensatorische Funktion der Träume kennen. Schade, war nur ein Traum, sagen sie dann und versuchen am nächsten Abend im Bett wieder in solche Träume hineinzukommen, um den Anschluss an das angenehme Fühlen wieder zu bekommen. Träumend lernen sie die Spannung der Wünsche und deren Erfüllung und Nichterfüllung auszuhalten. Ob ihre Träume wahr werden? Das ist eine Frage an die Erwachsenen.

    Rottweil 1999

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    Stand: April 2015