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 Kind und Scham

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WDK-SPEZIAL:
Die Beilage von „Welt des Kindes" mit Tipps für die praktische Arbeit, 1/2008

Wenn Kinder sich schämen

Auf den ersten Blick scheint Scham heute im pädagogischen Alltag kaum noch von Bedeutung zu sein. Das war früher anders, denn bei schlechtem Benehmen wurden Kinder mit dem Zuruf „Schäm dich!" in die Ecke gestellt und vorübergehend aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Doch diesen Griff in die pädagogische Mottenkiste scheuen heutige Erzieher, denn sie sind sich ihrer eigenen Scham-Biografie bewusst und wollen Kindern ersparen, worunter sie selbst einmal gelitten haben.

Doch wenn ein Kind mit gesenktem Blick und rotem Gesicht stumm vor ihnen steht, kommen diese Erwachsenen in die Klemme. Plötzlich hat sich die bisherige Kommunikation mit dem Kind verändert, denn sein Schamgefühl bewirkt eine Atmosphäre peinlicher Verlegenheit, die auch der Zuruf „Du brauchst dich nicht zu schämen!" nicht beseitigen kann. Offensichtlich ist es gar nicht selbstverständlich, den Anblick eines sich schämenden Kindes auszuhalten. Dabei brauchen Kinder kompetente Erzieher, die sie begleiten, denn in solchen Situationen werden sie überschwemmt von Minderwertigkeitsgefühlen; ihr Selbstgefühl sinkt und macht sie orientierungslos.

Strenge Lehrmeisterin im sozialen Bereich

Wer kennt nicht den Wunsch, in den Erdboden zu versinken oder sich so klein zu machen, dass man in einem Mauseloch verschwinden kann? Gegen diese typischen Schamreaktionen ist kein Kraut gewachsen; auch die verräterische Röte im Gesicht lässt sich nicht kontrollieren. Woher kommt das? Auf der einen Seite weckt Scham den Wunsch, sich zu verhüllen, auf der anderen Seite ist sie verbunden mit der Erfahrung, sich eine Blöße gegeben zu haben. Dieser Vorgang geht einher mit der Erkenntnis der eigenen Schwäche und Fehlerhaftigkeit. Im günstigsten Fall kann die peinliche Erfahrung zum Antrieb werden, sich in ähnlicher Situation nächstes Mal angemessener zu verhalten.

Beispiel 1: Ich gehe freudestrahlend auf einen Menschen zu, den ich unbedingt begrüßen möchte, weil ich ihn für einen alten Bekannten halte. Doch im letzten Augenblick stelle ich fest, dass ich mich geirrt habe. Verlegen und stumm halte ich inne und schäme mich, weil meine Erwartungen, mein Verhalten und die Realität nicht zusammenpassen. Hier zeigt sich schonungslos, dass im sozialen Bereich Scham die wichtige Rolle der Wächterin an der Grenze zwischen der Intimität der persönlichen Innenwelt und der Außenwelt spielt. Mir wird schlagartig bewusst, dass ich mich „zu weit aus dem Fenster gelehnt" habe und dadurch aus dem Gleichgewicht geraten bin. Ausgerechnet die unangenehme Reaktion der Scham sorgt dafür, dass sich wieder eine neue Balance zwischen innen und außen bildet. Auf einmal ist mir die Auswirkung meines Verhaltens bewusst. Nach kurzem Innehalten nehme ich mir vor, beim nächsten Mal vorsichtiger zu sein, und zeige damit, dass ich mit meiner Scham positiv umgehen kann. Im ungünstigsten Fall überwiegt das Gefühl der Minderwertigkeit, und ich mache die Grenzen zur Außenwelt dicht.

Beispiel 2: Einige Kinder sitzen am Tisch und malen konzentriert und mit Hingabe. Nach einer Weile blickt ein Mädchen auf, legt ihre Buntstifte weg und zerreißt ihr Blatt. Was mit Lust begonnen wurde, stimmt auf einmal nicht mehr. Was ist passiert? Nachdem das Mädchen die Bilder der anderen Kinder gesehen hat, ist es unzufrieden mit seinem Werk, fühlt sich unzulänglich und hat Angst, alle anderen könnten gesehen haben, was für eine Niete es ist. Obwohl keines der anderen Kinder sich abfällig geäußert hat, meint das Mädchen, in ihren Blicken genau diese Botschaft zu lesen. Die Unsicherheit und Angst, in seinem Unvermögen gesehen zu werden, hat die Wahrnehmung des Mädchens verzerrt.

Der Blick der anderen und das Selbstbild

Kinder brauchen Ermunterung und Unterstützung, damit ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wachsen kann. Dabei ist es wichtig, dass andere wahrnehmen, was sie können, denn nur so kann ein Gefühl dafür entstehen, jemand zu sein, der etwas kann. Die Übereinstimmung mit dem anderen, dem Gegenüber, drückt sich im Blick und im Verhalten aus.

Beispiel 3: Der fünfjährige Mirko baut aus Lego einen flotten Flitzer. Er ist hochmotiviert, freut sich darauf, das Fahrzeug seinen Freunden zu präsentieren, und hört in seiner Fantasie bereits ihre Bravorufe. Doch die angesprochenen Kinder wenden sich mit Desinteresse ab. Mirko steht buchstäblich im Regen und schämt sich, weil er die Situation falsch eingeschätzt hat. Er hat sich getäuscht, fühlt sich nun verlassen und minderwertig und spürt ein großes Bedürfnis nach Rückzug und Schutz. Der Junge leidet unter dem Gefühl der mangelnden Übereinstimmung mit seinen Freunden. In seinem Inneren tobt eine Auseinandersetzung zwischen seinen Erwartungen und der erfahrenen Realität, zwischen Selbstbild und wirklichem Selbst. Mirkos Bild von sich wurde durch die Reaktion seiner Freunde korrigiert. Nun lenkt die Scham seinen Blick nach innen und hilft ihm, das Geschehen zu verarbeiten. Eine Zeit lang spielt er ganz für sich allein, nach einer Weile ergibt sich ein Kontakt mit einem anderen Kind. Mirko wurde also nicht zum Opfer seines Schamgefühls. Sein natürlicher Spieltrieb setzte sich durch, er konnte wieder nach außen gehen.

Die Entwicklung des Schamgefühls

Scham ist ein angeborener Affekt, den jedes Kind in seinem biologischen Programm mit auf die Welt bringt. Manche Fachleute sehen bereits in der Acht-Monats-Angst des Fremdelns den Ausdruck ersten Scham-Erlebens. Das Kind weint beim Anblick eines fremden Gesichts, denn seine Augen sehen nicht die erwartete vertraute Bezugsperson. Befremdliche Erfahrungen mit dem Gesicht des Gegenübers macht ein Kind jedoch auch in der Beziehung zu Vater oder Mutter, denn auch die besten Eltern sind nicht in der Lage, ihr Kind stets positiv zu spiegeln. Überwiegen negative Erfahrungen, verstärkt sich beim Kind die Schamanfälligkeit und hemmt sein natürliches Welteroberungsstreben, weil die Grenzen seines Selbst instabil sind.

Die Entwicklung der Scham geht mit der Sauberkeitserziehung einher. Ab dem 2./3. Lebensjahr lernen Kinder, ihre Muskulatur besser zu beherrschen. Dieser Zuwachs an Autonomie vergrößert ihren Aktionsradius. In dieser Zeit gelingt ihnen auch die wichtige Unterscheidung von „mein" und „dein", und sie erfahren ihren Körper als sinnvoll und gut. Äußerungen des Ekels und der Abwertung von Erwachsenen verunsichern das Kind. Gleichzeitig muss es lernen, seinen wachsenden Willen in den Kontext sozialer Verträglichkeit zu stellen, weil sein Neugierstreben an Grenzen stößt. Solche Situationen erlebt es als Niederlagen. Der Kontrollverlust wird als Scham auslösende Bloßstellung erlebt.

Die Entwicklung der „Theory of Mind"

Über die unangenehmen Erfahrungen der Scham wird das Kind fähig, sich zum Gegenstand seiner Wahrnehmung zu machen. Es lernt zunehmend, die Motive und Absichten der anderen von seinen eigenen zu unterscheiden. Diese Fähigkeit, zu verstehen, was die Motive und Absichten anderer sind, die „Theory of Mind", erweitert sich. In dieser Zeit fangen Kinder auch an zu lügen, und zeigen damit, dass sie sich in den anderen hineinversetzen können, also fähig sind, die Perspektive zu wechseln. Das Weltbild der Kinder hat sich erweitert durch die Erkenntnis, dass man die Dinge so oder auch anders sehen kann. Mit jeder Scham-Reaktion weist ein Kind auf diesen Entwicklungsschritt hin.

Das Wissen um die Unzulänglichkeit und Schwäche der eigenen Person geht Hand in Hand mit dem Wissen, wie mich die anderen sehen. So baut sich über viele Scham-Erfahrungen auch der Bereich der Intimität auf. Scham ist also nicht nur Wächterin an der Grenze zwischen innen und außen, sondern wirkt auch als Baumeisterin innerer Räume. Das Kind nimmt den Blick des anderen in sich hinein. Was macht das mit ihm? Es schämt sich vor dem anderen. Es schämt sich aber auch vor sich selbst. Genau dieser Vorgang führt zu einer Verinnerlichung von Selbstwahrnehmung.

„Der kann sich nicht einmal schämen!"

Wer kennt nicht die Klage über ein ADHS-Kind und sein unsoziales Verhalten in der Gruppe? Es ist grob zu anderen; auf die Bitte, etwas zu holen, reagiert es mit einem heftigen Wutanfall; wenn andere Kinder nicht tun, was es möchte, werden sie gehauen. Belehrungen und Strafen zeigen keine Wirkung. Das Kind wirkt seltsam unbetroffen und sieht sein Fehlverhalten nicht ein. „Aber ich hab doch überhaupt nichts gemacht!" Immer sind es die anderen gewesen.

Kinder mit ADHS zeigen keine Reaktion von Scham, weil sie eine eigentlich beschämende Situation anders wahrnehmen und nicht nahe an sich heranlassen. „Der kann sich nicht einmal schämen!", klagt eine Erzieherin über einen Jungen, der einem anderen Kind großen Schaden zugefügt hat. Wenn Scham als Korrektiv fehlt, hat ein Kind das subjektive Gefühl, nichts Schlechtes gemacht zu haben. Da es die Peinlichkeit unangenehmen Schamerlebens nicht kennt, gerät es unweigerlich immer wieder in dieselbe Situation, ist nicht fähig, aus seinem sozialen Fehlverhalten zu lernen. Gerade im Umgang mit diesen Kindern zeigt es sich, wie wichtig Scham für die Bildung des Gewissens ist.

„So ein verschämtes Kind!"

Die Angst vor Scham-Erfahrungen hemmt die kindliche Neugier, es traut sich nichts zu. Sein schwaches Selbstwertgefühl hat in seinem Inneren eine rigide Stimme geweckt, die es einen Versager nennt. Solche Kinder bleiben oft zwanghaft in ihrer Scham stecken, sie sind isoliert und blicken in die Welt durch eine düster gefärbte Brille.
Doch nicht jedes Kind hält diese Schamreaktionen aus. Viele verlassen ihre „Scham-Insel" und überspielen die Scham durch provozierendes Verhalten. Sie leben vor allem dann auf, wenn sie die Rolle des Clowns spielen können.

Die wirksame Waffe der Schamabwehr

Da Scham so unangenehm ist, den Boden unter den Füßen wegzieht und das Selbstgefühl klein macht, lernen Kinder mit der Fähigkeit, sich zu schämen, auch den gegenteiligen Umgang mit dieser Emotion kennen: Sie wehren ab, was ihnen peinlich ist, um sich nicht als bloßgestellt zu erleben. Die folgenden Formen der Schamabwehr lassen sich nicht nur in Kindergruppen beobachten, denn auch Erwachsene greifen schnell zu diesen Strategien, wenn es darum geht, ihr Gesicht zu wahren.

- Es gibt Kinder, die geben sich cool, gehen mit einem unsichtbaren Panzer durch die Welt und lassen nichts an sich heran. Ihre Scham ist hinter einer Maske der Gleichgültigkeit verborgen.
- Andere Kinder ziehen sich auf einen inneren Ort zurück, an dem sie der geliebte Megastar sind, verehrt und angehimmelt werden und eine bedeutende Rolle auf der Bühne des Lebens spielen. Mit dieser Fantasie schaffen sich Kinder eine Gegenwelt und kompensieren das Gefühl der Minderwertigkeit.
- Eine der am häufigsten gezeigten Formen der Schamabwehr ist Aggression gegen andere. Dem Kind, das seine Scham nicht erträgt, geht es erst dann wieder gut, wenn es andere quälen und erniedrigen kann. Deshalb gibt es in der Gruppe immer auch Kinder, die zum Opfer der unbewältigten Scham anderer Kinder werden. Nicht selten geraten Kinder so schnell in die Rolle des schwarzen Schafes oder des Sündenbocks. Um auf diese Rolle nicht fixiert zu werden, brauchen diese Kinder Begleitung durch die Erwachsenen.
- Zur Schamabwehr gehört auch verbale Gewalt. Ein Mädchen beispielsweise, das sich eigentlich schämen müsste, weil es einem anderen Kind absichtlich ein Bein gestellt hat, ruft triumphierend: „Ist das ein Blödian!" Abfällige Reden über andere zu führen, sie zum Opfer von Spott und Gelächter zu machen, obszöne Worte zu gebrauchen, das sind häufige Formen öffentlicher Bloßstellung.
- Wer Scham erlebt, fühlt sich klein und ohnmächtig. Was liegt also näher, als seine Größe und Macht dadurch zu beweisen, dass Schwächere geknechtet und kontrolliert werden?
- Kinder, die keine Fehler zugeben können, weil sie ihre Scham abwehren, sind im Alltag meist schlechte Verlierer. Diese Kinder haben ein übertriebenes Streben danach, immer als Sieger und Bester dazustehen. Niederlagen darf es für sie nicht geben! 

Wenn Kinder sich für ihre Eltern schämen

Jedes Kind braucht die Erfahrung emotionaler Übereinstimmung mit seinen Bezugspersonen. Sobald bei den Erwachsenen Unsicherheit, Gleichgültigkeit oder Ablehnung überwiegen, löst dies beim Kind Scham aus. Läuft da nicht etwas falsch? Eigentlich müsste es sich doch nicht schämen, denn es fordert ja nur die ihm zustehende angemessene Zuwendung, die der Erwachsene aber nicht geben kann. Die unbeantworteten Wünsche nach Beachtung lassen das Kind nun denken, es sei falsch, mit ihm sei etwas nicht in Ordnung; heftige Schamgefühle sind die Folge.

Streng genommen gehört die Scham auf die Seite der Erwachsenen, die nicht dem Bild des guten Vaters oder der guten Mutter entsprechen. Das Kind übernimmt jedoch ihre Scham, um sein Bild der Eltern nicht zu beschädigen. Wenn Kinder diese Erfahrungen sehr häufig machen müssen, entsteht ein Gefühl der Wertlosigkeit und Leere.

Bei einer Hospitation im Kindergarten setzte sich zum Beispiel ein fünfjähriger Junge spontan neben mich und vertraute mir den großen Kummer seines Lebens an. „Wir haben den Papa aus der Wohnung geschmissen, aber ich habe ihn immer noch lieb!" In diesen Worten drückt sich das Dilemma des Kindes aus, das Eltern in beschämenden Situationen erlebt hat. Der Junge lebt im Spagat: Er identifiziert sich mit der Mutter, hält loyal zu ihr, obwohl sie den Vater vor die Tür gesetzt hat. Gleichzeitig schafft er es, seine Liebe für den Vater weiterhin auszudrücken.

Vermehrt mit Scham konfrontiert sind Kinder von psychisch kranken, alkoholsüchtigen oder drogenabhängigen Eltern sowie Kinder von Langzeitarbeitslosen beziehungsweise Sozialhilfe-Empfängern. Das Unvermögen des Vaters oder der Mutter, den Lebensunterhalt für die Familie durch Arbeit zu verdienen, erleben die Kinder häufig als einen beschämenden Makel, von dem niemand in der Außenwelt wissen soll. Sie leiden unter dem sozialen Abstieg, lernen Existenzängste in einem Alter kennen, in dem sich die Welt ihnen eigentlich als zuverlässig und gut präsentieren sollte. Im Gespräch mit diesen Kindern wird die große Angst deutlich, irgendwann auf der Straße leben zu müssen.

Wenn Vater oder Mutter mit den Anforderungen des Alltags nicht mehr zurechtkommen, sie psychisch krank werden oder bei Drogen Trost suchen, dann erleben Kinder die Erwachsenen als nicht mehr berechenbar. Wer die Bezugspersonen in verwirrtem Zustand erlebt, schämt sich und übernimmt gleichzeitig Verantwortung für sie. Diese Rollenveränderung, auch Parentifizierung genannt, ist mit tiefem Schamerleben verbunden und lässt die Kinder zwischen Distanz, Aggressivität und Loyalität schwanken.

Sobald Kinder sich für ihre Eltern schämen, ist der Ablauf seelischer Austauschprozesse gestört. Den Autonomieverlust der Großen erleben Kinder auch als den eigenen, denn sie sind abhängige Personen, und die Loyalität zum Erwachsenen ist eine unabdingbare Voraussetzung für ihr Leben. Wenn sich also zum Beispiel der betrunkene Vater „danebenbenimmt", wird er für das Kind zur nicht mehr einschätzbaren Person. Er hat seine Autorität und haltgebende Kraft eingebüßt, ist ein Fremder geworden. Das Kind schämt sich für diese Veränderung, fühlt sich der Situation ohnmächtig ausgeliefert. Es hat etwas gesehen, was seinem inneren Bild von Beziehung nicht mehr entspricht.

Von diesem leidvollen Erleben erzählt Ursula Wölfel in der Vorlesegeschichte „Das Miststück": Die arbeitslose und alkoholabhängige Mutter zweier Kinder geht in betrunkenem Zustand auf den Schulhof, wo ihr Sohn mit seinen Freunden Fußball spielt. Bei ihrem Anblick schämt sich der Junge abgrundtief und distanziert sich von ihr, indem er sich auf die Seite seiner Freunde stellt, welche die auf unsicheren Beinen herumtorkelnde Mutter verspotten. Als sie im Chor „Miststück" rufen, wird die große Abscheu des Jungen vor seiner Mutter sicht- und hörbar, denn er schweigt nicht, sondern stimmt in den Chor mit ein. Doch schnell verändert sich die Szene, der Junge wird zwangsläufig zum „Hüter" seiner Mutter und bringt die Hilflose nach Hause.

Ein schlechtes Erziehungsmittel

Kinder haben ein sehr feines Gespür für unangemessenes Verhalten von Erwachsenen. Wenn sie heftig angeschrien und niedergemacht werden, schämen sie sich nicht nur für ihre Fehler, sondern auch für die Entgleisung der Großen. Das Anschreien der Kinder wirkt für den überforderten Erwachsenen als Ventil und bringt eine kurzzeitige Entlastung, weil beschämte Kinder vorübergehend zu „braven" Kindern werden. Wenn diese ihre schamerfüllten Gesichter senken, gilt dies als Beweis für die Wirksamkeit dieser (pseudo-)pädagogischen Brechstange. Doch Beschämung arbeitet immer mit einem Negativbild, das im Kind schlechte Gedanken und Gefühle hervorruft, Angst vor dem eigenen Tun weckt und Selbstvertrauen zerstört. Die Botschaft der Beschämung heißt: „Du bist ein Nichts!" Sie meldet sich als negative innere Stimme der Selbstentwertung. Das spontane Tun des Kindes unterliegt danach der Geißel der Selbstzensur.

Den Stachel der Scham nutzen!

Aus der Welt lässt sich die Scham nicht schaffen. Doch wer sie aushält, lernt danach ihr Gegenstück, den Stolz kennen. Sobald Kinder erleben, dass Fehlermachen nicht schlimm ist, dass der Erwachsene sich ihm geduldig zuwendet, um nach einer Lösung zu suchen, machen beide wichtige Schritte in den Bereich der Fehlerkultur. Dort werden Fehler nicht als beschämend gebrandmarkt, der Druck der Scham-Angst weicht und Kräfte werden freigesetzt. Hat ein Kind die eigene Grenze überwunden, lernt es positive Gefühle kennen, ist zufrieden mit seinem Tun und stolz auf sich selbst. Das tut gut!

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Stand: April 2015