Home Nach oben Feedback Inhalt    

 Kinder stärken

Home
Nach oben

Was Kinder stärkt: Beziehung - Geborgenheit - Sicherheit
Vortrag im Katholischen Bildungswerk Löffingen, März 2005

Der erste Teil des Themas, was Kinder stärkt, klingt ein wenig nach Ernährungsberatung. Im Stil vergangener Zeiten hieß es: Geben Sie Ihrem Kind täglich nach dem Mittagessen einen Esslöffel Lebertran, dann haben Sie die beste Garantie dafür, dass Sie die Entwicklung Ihres Kindes optimal unterstützen. Früher war der Esslöffel Lebertran das Lebenselixier für Kinder. Er schmeckte scheußlich und galt vielleicht gerade deshalb als besonders wirksam.
Der Wunsch nach einer Stärkung für Kinder ist also nichts Neues. Das Wunschbild des starken Kindes ebenso. Aber Mütter und Väter heute klagen darüber, dass es schwer sei, herauszufinden, was ihr Kind widerstandsfähig und stark macht. Mit dem Löffel Lebertran ist es nicht mehr getan. Dafür werden Eltern konfrontiert mit einem Überangebot an Ratgeberbüchern, Supernannies, Nahrungsmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln speziell für die Kleinen und einer Werbung, die nur lachende, neugierig auf die Welt zugehende Kinder zeigt, die in paradiesischen Verhältnissen fast wie im Schlaraffenland leben.

1.  Stärkung

Wenn einer krank war, bringen wir ihm etwas zur Stärkung mit, damit er wieder neue Kräfte gewinnt. Rotkäppchen bringt der kranken Großmutter Brot und Wein, damit sich die alte Dame stärken kann. Aber heute Abend geht es nicht um Krankheit und Genesung. Eher darum, wie ich es als Eltern erreichen kann, dass mein Kind möglichst gleichbleibend fit ist. Es geht also um Fragen wie: Was muss ich tun, damit die Leistungsfähigkeit meines Kindes andauert? Welche unterstützenden Maßnahmen benötigt es, um den erreichten Level zu halten oder vielleicht noch zu optimieren?

Solche Fragen stellt sich auch der Trainer eines Hochleistungssportlers. Das Niveau halten, die Leistung steigern. Warum tauchen diese Fragen aber im Umgang mit unseren Kindern auf? In diesen Fragen drückt sich Unsicherheit aus. Unser Blick in die Welt ist sorgenvoll. Sie ist sehr unsicher geworden, und das Recht auf Arbeitsplätze ist eine Illusion. Die Angst geht um, die Angst, aus der Arbeitswelt zu fallen. Der Druck, den jeder einzelne spürt, hat zugenommen. Der Krankenstand in den Betrieben ist stark gesunken, denn die Angst vor der möglichen Entlassung, sobald die Firma rote Zahlen schreibt, zeigt Wirkung. Gebraucht wird der leistungsstarke Mitarbeiter. Doch niemand kann sagen, welche Berufe in den nächsten Jahren sicher und gefragt sind. Flexibilität wird von allen Arbeitnehmer gefragt, ebenso eine große Offenheit gegenüber allem Neuen und optimale Leistung.

Diese allgemeine Unsicherheit schwappt auch in Familien hinein. Sie machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder, wünschen ihnen gute Lernbedingungen und fürchten nichts so sehr wie Kinder, die Leistung verweigern, auffällig sind, sich nicht stromlinienförmig einpassen, Krisen haben, von Zeit zu Zeit schwierig sind, keine Gymnasiumsempfehlung nach Hause bringen und an manchen Tagen mehr Kummer als Freude machen. Jetzt wäre ein Zaubertrank eine große Erleichterung. „Mund auf, runterschlucken, es brennt ein bisschen, aber hinterher fühlst du dich wie Obelix!"

Hinter dem Wunsch nach Stärke verbirgt sich die Angst vor Schwäche. Den Anforderungen des Berufs und meiner Familie nicht genügen. Schließlich ist es kein Geheimnis: Kindererziehen ist ein anstrengendes Geschäft geworden. Immer weniger junge Menschen trauen sich, Kinder in die Welt zu setzen. Deshalb läuft heute Abend ein zweites Thema stillschweigend mit, das im Sommer 2003 als Projekt in Baden Württemberg gestartet wurde und das den Titel führt „Stärkung der Erziehungskraft der Familie durch und über den Kindergarten". Etwas verkürzt „Was stärkt Eltern?"

2.  Beziehung ist ein Stärkungselixier

Damit bin ich beim Stärkungselixier Beziehung. Das ist allerdings nicht käuflich zu erwerben. Es kostet kein Geld und ist doch zu einem sehr kostbaren und gesuchten Gut geworden in unserer Zeit. In den durchorganisierten Tagesabläufen heutiger Haushalte gibt es immer weniger Nischen, in denen Raum für Beziehung ist. In erster Linie steht der Wunsch nach Beziehung in Konkurrenz zum Computer und Fernseher. Medien sind enorme Zeitfresser, und Zeit ist für eine gute Beziehung eine unabdingbare Voraussetzung. Da es aber schwer ist, eine gesunde Balance zwischen Mediengebrauch und dem direkten Umgang miteinander zu halten, wird in vielen Familien letzteres an den Rand gedrängt. Schnell bildet sich eine Familienstruktur, in der alle am Laufen sind und jeder in den vorgegebenen Abläufen Kindergarten, Schule, Freizeit und Beruf funktioniert. Das muss ja nicht unbedingt schlecht sein. Wozu also die ganze Aufregung? So ist es halt heutzutage. Hauptsache, es läuft!

Und doch entsteht von Zeit zu Zeit so eine Ahnung davon, dass da etwas nicht ganz stimmt. Es fehlt etwas. Oft sind es die Frauen, die als erste spüren, dass im Grunde genommen jedes Familienmitglied wie ein Hamster in seinem Rad läuft. Wenn der eine nach Hause kommt, muss der andere schon wieder gehen. Unterwegs wird noch schnell eine SMS geschickt, „Abends kann es später werden, wartet mit dem Essen nicht auf mich." Es fehlt etwas. Mir fehlt etwas. Was ist es?

Gemeinsam in einem Raum sein, miteinander sein, nicht auf die Uhr schauen müssen. Bleiben dürfen, lange, so lange, bis Langeweile entsteht. Zeit füreinander haben, in einem Raum miteinander ohne Medien sein. Nur wir. Erwachsene und Kinder. Menschen pur. Nichts, was uns ablenkt, nichts, was sich dazwischen drängt. Sich spüren, nebeneinander sitzen, miteinander reden, zuhören, erzählen, ausatmen und einatmen. Einem Kind über die Haare streichen, ein wenig schweigen. Zeit verstreichen lassen. Das Ticken der Uhr an der Wand hören. Sich verbunden fühlen. Eigentlich geschieht fast nichts, und doch geschieht sehr viel. Kinder und Erwachsene suchen Entsprechung, beziehen sich aufeinander und sind nach solchen Ruhepunkten wieder im Lot. Die Mundwinkel der Mama oder der Erzieherin hängen nicht mehr nach unten. Die Augen des Kindes haben wieder Glanz. Der Erwachsene und das Kind haben sich gestärkt. Sie haben sich aneinander gestärkt.

Es ist nämlich ein Irrtum zu glauben, die Erwachsenen seien immer nur die Gebenden. Im Gegenteil, Kinder sind von Natur aus ganz großzügige Schenker. „Das Bild, das ich male, das schenk ich dir, weil ich dich lieb habe!" „Setz dich auf die Schaukel, ich schubs dich an, dass du bis in den Himmel fliegen kannst!" „Heut lese ich dir ein Märchen vor. Es war einmal eine Mama, die war immer müde, da ging das Kind in den Wald...." Kindern tut es gut, zu erfahren, ich bin wichtig, werde gebraucht, ich trage bei zur Atmosphäre des Wohlfühlens bei uns zuhause. Wenn Kinder über ihre Familie sprechen, schwingt Stolz und Freude über die einzelnen Familienmitglieder mit. Je mehr Menschen sie aufzählen können, umso reicher fühlen sie sich. Das zeigt, dass Kinder sich in vielfältigen Beziehungen gerne bewegen. „Am allerallerliebsten und schönsten ist es, wenn Omas, Opas, Tanten und Onkel alle um den Tisch sitzen." Wer Kinder ein Bild ihres Wunschhauses malen lässt, findet meist ein Mehrgenerationenhaus, in dem alle für das Kind wichtigen Personen in den einzelnen Stockwerken beieinander wohnen. Wenn es mit der Mama Streit gibt, dann gehe ich einfach zu meiner Oma, und wenn es bei der langweilig ist, dann gehe ich zu meiner Godi.

3.  Kinder entwickeln sich in Beziehungen

Kinder suchen, was sie brauchen. Von Geburt an sucht ein Baby Kontakt. Es wendet sich anderen zu und gibt dem Erwachsenen ein vielfältiges Echo. Von klein auf sucht ein Kind den Austausch mit andern und ist in der Lage, zu verschiedenen Personen, mit denen es kontinuierlich zusammen kommt, eine Beziehung aufzubauen. Allerdings ist es wichtig, dass diese Personen regelmäßig und verlässlich für das Kind da sind.
Es gibt also nicht eine sensible und alles entscheidende Phase in der frühen Kindheit, wie man früher glaubte, wo der Allgegenwart der Mutter als alleiniger Bezugsperson zu viel Bedeutung zugeschrieben wurde. Mütter dürfen sich durch andere Personen durchaus entlasten, denn es ist nicht so, dass nur Erfahrungen aus der frühen Zeit sich prägend auswirken. Vielmehr geht es um die Gesamtheit der Beziehungserfahrungen über einen längeren Zeitraum. Es muss auch nicht so sein, dass alle diese Personen nach demselben Muster mit dem Kind kommunizieren, denn Kinder profitieren gerade von den kleinen Unterschieden im Erziehungsverhalten der Erwachsenen. Kleine Unterschiede wirken als Anregung als Stimulus für neue Entwicklungsimpulse.

Kinder im Kindergarten suchen in bestimmten Situationen Erwachsene ihrer Wahl auf, um sich z.B. Rat zu holen oder um einen bestimmten Sachverhalt zu erzählen. So erzählt ein 4-jähriger nicht seiner Mama, was er nachts geträumt hat, sondern verschwindet in der Kita im Nachbarraum seiner Gruppe, um der Erzieherin dort seine Träume zu erzählen. Auf diese Weise entsteht eine intime Beziehung, die wenig Zeit braucht, aber durch ihre Regelmäßigkeit für Stabilität und Verlässlichkeit sorgt. Was für den Kindergarten gilt, gilt auch für die Familie. Jede Mutter sollte sich eigentlich freuen, wenn sie sieht, dass ihr Kind in der Lage ist, nicht nur mit ihr vertrauensvoll umzugehen. Aber Hand aufs Herz, es ist anfangs gar nicht leicht, vom Thron der Allmutter herunter zu steigen und bereits bei kleinen Kindern eigene Beziehungsgestaltung zu tolerieren.

Wer Kinder im Kindergarten oder Grundschulalter fragt, wer ist dir wichtig?, der hört die Namen der Menschen, denen sich das Kind verbunden fühlt. Es sind seine Bezugspersonen, die ihm gut tun. Oft sind Oma und Opa darunter, „weil die immer Zeit für mich haben, natürlich auch die Mama, weil die mich so lieb hat". Eine 6-Jährige sagt: „Mir ist der Papa am wichtigsten, weil der mit mir Fahrradtouren macht. Da fühl ich mich so groß!"

4.  Beziehung sorgt für gute Wurzeln

Stabile und verlässliche Beziehungen sorgen dafür, dass sich ein Kind gut verwurzeln kann. Nicht ohne Grund sprechen wir vom Mutterboden, auf dem ein Kind steht, in den es verwurzelt ist, aus dem es Nahrung zieht. Wenn ein Kind sich gut in Beziehungen verwurzeln kann, wächst ein gutes Gefühl dem Leben gegenüber. Es sagt ihm: es ist gut, dass ich bin. Dieses Gefühl der eigenen Identität entwickelt sich aus der Gewissheit, Mama, Papa, Opa, Oma, mein Bruder, meine Schwester, meine Katze, meine Erzieherin .... sind alle da.

Beziehung sorgt für Verwurzelung. In einer Gruppe machen sich Kinder Gedanken über ihre Wurzeln und malen Bilder, um es konkret zu machen. Ein Junge sagt: „Mein Wurzeln gehen zum Papa und von ihm zur Mama." Beide Elternteile sind sein Wurzelgrund. Da seine Eltern getrennt leben, er bei der Mama wohnt, muss er sich auch immer wieder seiner Wurzeln vergewissern und sie zusammenfügen. Wurzeln sind die Metaphern für die Beziehungen, aus denen er lebt. Beim Malen hatte er die Möglichkeit, seine Beziehung zum Vater zu stärken.

Ein anderer Junge leidet, weil sein Papa nur am Wochenende zuhause sein kann, unter der Woche beruflich unterwegs ist. Er sagt: „Wenn der Papa lange weg ist, dann reißen meine Wurzeln. Dann krieg ich Heimweh, und abends im Bett weine ich manchmal." Seine kindlichen Wurzeln sind nicht so stark, dass sie die Entfernung der Kilometer und die Trennung über viele Tage leicht überbrücken können.

Ein anderes Kind sagt: „Meine Wurzeln wachsen nachts, wenn ich schlafe." Und ein Junge, dessen Eltern geschieden sind, der einmal in der Woche mit dem Vater Sport treibt, erzählt: „Wenn ich mit dem Papa lange Trampolin springe, dann merke ich, dass die Wurzeln zur Mama getrennt sind." Wie für viele Kinder in seiner Situation ist das Beisammensein mit dem getrennt lebenden Elternteil gerade in den Jahren nach der Scheidung ein schmerzhaftes Erleben von Trennungsangst und Verlassenheitsangst.

Wer Kinder so sprechen hört, staunt, wie klar sie ihre Emotionen gegenüber Vater und Mutter formulieren können. Diese Kinder zeigen aber auch, dass sie durchaus mit belastenden Situationen sich auseinandersetzen können. Es wäre also ein Trugschluss zu meinen, sie bräuchten ausschließlich optimale Bedingungen, um lebenstüchtig zu werden. Eine solche Denkweise ist falsch, weil sie die Lebensumstände des Kindes nur unter dem Aspekt des Mangels sieht. Sie kennen ja solche Äußerungen: „Ist das ein armes Kind. Mit dem muss man Mitleid haben. Ist ja kein Wunder bei diesen zerrütteten Verhältnissen, und auch sonst liegt vieles im Argen." So urteilen Außenstehende, deren Sichtweise sich am Defizit orientiert. Hoffentlich wundert sich der Außenstehende einige Jahre später darüber, wieso gerade aus diesem Kind etwas geworden ist. Genau dieses will auch die Resilienzforschung wissen, der ich mich nun zuwende.

5.  Beziehung fördert die psychische Resilienz

Jetzt kommt Licht ins Dunkel, und wir erhalten auch eine Antwort auf die Frage, wieso ein Kind unter belastenden Bedingungen sich trotzdem altersgemäß entwickeln kann und seinen Weg geht. Dabei wird deutlich, dass ein Kind ein aktiver Mitgestalter seines Lebens ist. Es verfügt über innere Quellen der Energie, seine Ressourcen, die es ihm möglich machen, mit Risiko beladenen Situationen umzugehen.

Für mich als ehemaliges Kriegskind sind die Einsichten der Resilienzforschung sehr bedeutsam, denn sie erklären mir, wie ich als Kind die Existenzbedrohung durch den Krieg habe überwachsen können. Wer mit ehemaligen Kriegskindern spricht, sich wundert, wieso Kinder mit Hunger und Not groß werden konnten, der stößt bei allen Erzählungen auf die große Bedeutung von Beziehungen. Immer waren Kinder in den extremen Situationen von Menschen umgeben. Im Luftschutzkeller saßen sie eng an die Erwachsenen gepresst; die Großen und die Kleinen gaben sich gegenseitig Halt. Auf diese Weise ließen sich die meisten von der großen Belastung nicht unterkriegen, zerbrachen nicht daran, weil die inneren Kräfte im Verbund mit den Halt gebenden Erwachsenen ihre Widerstandsfähigkeit wachriefen. Psychische Widerstandsfähigkeit, Resilienz kompensiert die Entwicklungshindernisse, gleicht also aus und das Kind muss nicht zwangsläufig zum Opfer werden. Es bewältigt trotz risikoreicher Lebensumstände seine altersspezifischen Entwicklungsaufgaben.

Wenn so viel von widerstandsfähigen Kindern die Rede ist, stellt sich die Frage: Wie sehen sie eigentlich aus? Woran erkenne ich ein widerstandsfähiges Kind? Da jeder von uns bestimmte Vorstellungen und Erwartungen, aber auch innere Bilder hat, die seinen Blick beeinflussen, schauen wir uns einige Kinderbilder an und tauschen uns aus über unsere Eindrücke aus.

Widerstandsfähige Kinder rechnen mit dem Erfolg eigener Handlungen. Sie sind fähig, sich aktiv Hilfe zu holen, wenn sie nicht weiterkommen, sehen darin also kein Zeichen der Schwäche, über das sie sich schämen müssten, sondern verfolgen zielgerichtet ihre Sache. Sie haben eine optimistische Lebenseinstellung und sind gegenüber anderen Menschen offen und aufgeschlossen. Das sind die Voraussetzungen, welche die Person des Kindes betreffen. Das allein reicht aber nicht aus, denn unabdingbare Voraussetzung für widerstandsfähige Kinder ist mindestens eine stabile, emotional positive Beziehung zu mindestens einer Bezugsperson. Das muss nicht unbedingt die Mutter oder der Vater sein, das kann ebenso die Erzieherin im Kindergarten, die Lehrerin in der Schule sein, die Oma oder der Opa. Ohne Beziehung gibt es keine Entwicklung, denn nur durch Beziehungen erlebt ein Kind Bindung und Verbindung zu einem Menschen. Nur dadurch entsteht ein sicheres Bindungsmuster in seinem Inneren. Das versetzt es in die Lage, offen auf andere zuzugehen und zu vertrauen. Fernseher und Computer sind kein Ersatz für Beziehung. Ich möchte im folgenden Teil darüber nachdenken, was eine gute Beziehung ausmacht.

6.  Wie gelingt eine gute Beziehung?

Kinder sind sehr verletzlich und deshalb angewiesen auf die schützende Gegenwart von Erwachsenen. Schutz und Geborgenheit findet ein Kind zuhause in der Wohnung. Zum Glück leben wir in einer Welt, wo der Friede unseres Hauses ein geschütztes Gut ist. Beziehung entsteht also an einem Ort. Dieser Ort ist für das Kind wichtig, denn an den verschiedenen Orten trifft es mit den Menschen zusammen, zu denen es Vertrauen hat, mit denen es nicht so klar kommt oder die ihm egal sind.
Kinder wollen spüren: die Mama, der Papa, die Erzieherin verstehen mich, d.h. sie verstehen mich nicht nur, wenn ich etwas in Worten sage, sondern verstehen auch die übrigen Signale und Mitteilungen, die ich aussende. Kinder registrieren also sehr genau, ob der Erwachsene sie anlächelt oder ihnen bei ihrem Tun zuschaut. Siehst du mich? Spürst du mich? Fühlst du, was mit mir los ist? Solche Fragen stellt ein Kind wortlos tagaus, tagein. Auf dem Spielplatz lässt sich das gut beobachten. Da klettert eine 5-Jährige aufs Klettergerüst ganz hoch. Nach jedem Schritt dreht sie sich um, will sich vergewissern, dass die Mama oder der Papa mit ihren Blicken das Kind begleiten. Ich werde gesehen. Oma schaut auf mich. Papa schaut mir zu, ganz lange. Das schafft gute Beziehungen. Und auf dem Heimweg nicht vergessen, dem Kind zu sagen: „Es war richtig schön mit dir auf dem Spielplatz!" Kinder blühen durch Äußerungen des Lobes und der Wertschätzung richtig auf. Aber sie unterscheiden auch nüchtern, ob die Worte echt gemeint sind oder so dahin geredet werden.

Kinder haben ein sehr feines Gespür, ob sie vollgenommen werden, d.h. ob der Erwachsene ihre Bedürfnisse ernst nimmt oder sie mit einem Wortschwall der Beschwichtigung zudeckt. Wie oft trösten wir Kinder zu schnell über ihren Schmerz hinweg. Klar, weinende Kinder sind anstrengend, Kindergeplärre kann sehr nervend sein, und wenn ein Kind dann auch noch biestig wird und schmollt, die Atmosphäre mit wütenden Tränen verpestet, nichts den Anfall stoppen kann, dann geht der Erwachsene am Krückstock und denkt, wenn es nur einen Knopf zum Ausschalten gäbe! Aber jedes Kind hat sein eigenes Tempo - nicht nur im Hinblick auf sein körperliches Wachstum, sondern auch im Hinblick auf die Zeit, die es braucht, um mit Misserfolgserlebnissen, traurigen Ereignissen fertig zu werden. Doch es ist so wichtig, dass es sich von anderen unterschieden erlebt, auch im Scheitern geachtet wird und am Ende immer wieder erfährt: das Schlimme war schlimm, es ist bald vorbei, dann geht es mir wieder gut, und dann hab ich es geschafft.

Das Kind lernt dabei: Manchmal bin ich unten, dann brauche ich jemanden, der mit mir fühlt und meine Gefühle teilt. Das ist der springende Punkt: Gefühle miteinander teilen. Konkret heißt das: Da kommt mein miesepetriges Kind zur Tür herein, schon sein Gesichtsausdruck ist mir zuwider. Ich spüre, wie seine Stimmung auch mich beeinträchtigt. Muss das sein? Wie soll ich mich verhalten? Ich könnte ja sagen: das ist dein Problem. Schau, wie du damit fertig wirst. Damit errichte ich eine Barriere, die mich vor den negativen Emotionen des Kindes schützen soll.

Eine andere Möglichkeit sieht so aus: Ich nehme die Niedergeschlagenheit des Kindes wahr, teile sie, lasse mich aber nicht total runterziehen, sondern zeige dem Kind mit behutsamen Worten, was mit ihm los ist. Damit bin ich für das Kind ein Spiegel, in dem es sich in seiner emotionalen Verfassung sieht. Etwas ganz Wichtiges geschieht dann: Das Kind erfährt, wie sich seine negative Stimmung langsam verändert, denn seine Gefühle, egal wie chaotisch und unpassend sie waren, wurden verstanden. Das tut nicht nur gut, sondern sorgt auch dafür, dass ein Kind sich nicht als verlassen, sondern als wahrgenommen erlebt. Wenn die Mama oder der Papa so mit mir umgehen, dann kann ich mich auf die wirklich verlassen. Die machen mich nicht lächerlich, hauen mich nicht in die Pfanne, sondern verstehen mich und schützen mich. Sie reden mit mir in Augenhöhe. Dieser respektvolle Austausch gibt mir Sicherheit

7.  Eine gute Beziehung gibt Sicherheit

Bisher war mein Standpunkt der des Erwachsenen, der über Kinder spricht. Jetzt wechsle ich einfach mal meinen Ort, gehe etwas in die Knie, mach mich kleiner und versuche aus der Perspektive des Kindes zu formulieren, was es mit der Sicherheit in Beziehungen auf sich hat.

Weißt du eigentlich, wie oft ich mir weh tue beim Spielen? Das mache ich nicht absichtlich, das ist halt so, weil ich vieles noch nicht so gut kann und meine Füße und Hände nicht immer so wollen, wie ich das gerne hätte. Wenn es dann weh tut und wenn es blutet, dann will ich manchmal auf deinen Schoß, dann fühl ich mich wieder sicherer. Das Pflaster ist sehr wichtig, weil dann jeder sieht, dass ich verletzt bin.

Weißt du eigentlich, wie oft du mir weh tust mit Worten? Wenn du mich anschreist, dann bläst ein wilder Sturm aus deinem Mund und reißt mich in die Luft, da fliegt mein Kopf davon und meine Arme reißen auseinander. Denk dran, dass du mir hinterher dabei hilfst, meinen Kopf wieder zu finden und was sonst noch von der Wut herumgewirbelt wurde.

Wenn ich im Stuhlkreis sitze und den Mund halten darf, weil ich mich heute nicht zu reden traue, dann fühle ich mich sicher. Und wenn du mich lieb anschaust, obwohl ich nichts gesagt habe, dann weiß ich, dass du mich achtest. Wenn ich den Zeitpunkt wählen darf, dann macht mich das sicher.

Am besten ist es, wenn ich spüre: „Schön, dass du da bist, dass es dich gibt!" Und wenn du mich jeden Tag mit meinem Namen anredest, dann weiß ich, dass ich dir wichtig bin. Dann wachse ich auch viel schneller.

Manchmal hast du vergessen, was ich schon alles selber kann. Tisch decken und den Hasen füttern, meine Strumpfhose selber anziehen, ein großes Bild malen, einen Brief in den Kasten werfen, Butter aufs Brot schmieren. Jeden Tag kommt etwas Neues dazu. Lass es mich immer wieder tun, dann weiß ich, wie wichtig ich bin.

Manchmal brauche ich dich, weil ich nicht weiß, ob das gut für mich ist, was ich mir in den Mund schieben will. Ich brauch dich, weil du weißt, was in meinem Bauch passiert, wenn ich zu viele Mandarinen esse. Sag mir, was gefährlich ist, und wenn ich nicht auf dich höre, hab mich trotzdem noch lieb und sag bloß nicht: „Durch Schaden wird man klug" oder „selber schuld!"

Weißt du eigentlich, wie viel ich schon denken kann? Ich kann dir die Welt erklären und wenn du mir zuhörst, mich verstehst, dann macht mich das stark. Wenn du abends an meinem Bett sitzt, dann geht es mir und meinem Teddy gut. Dann fühlen wir beide uns sicher und geschützt.

Weißt du, was mir gar nicht gut tut? Wenn du mir immer sagst, was ich alles tun soll und wenn du mir drohst, dann krieg ich Angst, aber das merkst du dann gar nicht. Dann wirst du riesengroß und guckst so auf mich runter. Wenn du dann noch Strafen androhst, komm ich ganz durcheinander. Manchmal guckst du mich so an, als ob ich schuld bin, wenn etwas schief gegangen ist. Da schäme ich mich. Weißt du, wie schämen ist?

Ich weiß, manchmal bin ich ein Tollpatsch und ein Angeber, aber wenn du mich dann einfach stehen lässt, als ob ich Luft für dich wäre, dann fühle ich mich wie ein kleiner Dreck. Vergiss nicht, ich bin ein Kind, ich bin nicht so alt wie du.

Aber du bist ja nicht immer schlecht drauf. Oft hörst du auf mich. Oder du willst wissen, was ich dazu meine? Dann weiß ich, wie sehr du mich magst. Dann sind wir beide kostbar und liebenswert.

nach oben

 

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an Webmaster: flor@online.de 
Stand: April 2015