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 Leseprobe

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Gertrud Ennulat
Die Ölmühle - ein Familienschicksal"

 

Der Vater, ein Ölmüller und Feuerwehrmann

 Als der Vater auf dem Friedhof lag, ging ich durch die Mühle, fand ihn noch in allen Ecken. Die Arbeitskittel hingen am Haken. Der Handbesen, mit dem er immer den Kollergang, auf dem die großen Mühlsteine liefen, gefegt hatte, erwartete ihn vergebens.

 Auf einmal sehe ich ihn wieder vor mir, den Ölmüller. Die schweren Mühlsteine drehen sich im lauten Rumpeln, zermahlen die Ölsaat. Er läuft mit, bewegt sich im Kreis, schaut auf den gemahlenen Raps, nimmt eine Probe in seine rechte Hand, lässt das Gemahlene durch die Finger rieseln, prüft und reibt es zwischen den Fingerkuppen. Manchmal brachten die Bauern frisch geernteten Raps, Mohn oder Dotter. Der hatte dann zu viel Feuchtigkeit, hätte erst noch zum Trocknen auf dem Speicher liegen müssen. Doch das dauerte dem Bauer zu lange, denn er brauchte sein Öl und hatte vielleicht auch ein wenig geschummelt mit seinen Angaben über das Alter seiner Saat. Dann konnte es durchaus geschehen, dass der Vater einen seiner Kreuzmillionen-Himmelherrgottssakrament-Flüche losließ. Das war vertrauter Mühlengesang, mit dem das Kind leben konnte. Es entfernte sich vom strengen Zeigefinger der Mutter, die Fluchen für eine Sünde hielt. Doch das erleichterte den Vater, der auch keine Scheu hatte, am fleischlosen Karfreitag sein Kotelett zu essen und sich an das Pfaffenzeug schon lange nicht mehr hielt. Das Kind wartete gespannt auf das Eingreifen der strafenden himmlischen Mächte und fühlte sich in solchen Momenten dem Vater nahe, war innerlich ganz auf seiner Seite und bewunderte ihn für sein lästerliches Tun.

Wenn es dem Vater bei der Arbeit in der Mühle gut ging, konnte er so laut und kräftig singen, dass es oben in der Wohnung zu hören war. Mit seiner Stimme übertönte er das Rumpeln der Räder. Alle hielten inne für einen kurzen Augenblick, um überrascht und erfreut zu sagen: Er singt. Stets war dies ein gutes Zeichen und hieß: Gott sei Dank, er singt! Es geht ihm gut, er lässt seine Stimme hören und freut sich bei seiner Arbeit. Das tut auch mir heute gut, dieses Bild zu bewahren. So möchte ich ihn einmal malen, den Rosshaarhandbesen in der rechten Hand, den sich drehenden Steinen folgend....

 

 

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Stand: April 2015