Home Nach oben Feedback Inhalt    

 Leseprobe

Home
Nach oben

Gertrud Ennulat
Leseprobe zu "Kinder in ihrer Trauer begleiten"

 

Botschaften des trauernden Kindes wahrnehmen und aufgreifen

Andreas hat seinen Vater verloren. Er gehört zu den Kindern, welche das Erlebnis des Todes noch nicht direkt in Worte fassen. Was er äußert, geschieht vieldeutig auf der Symbolebene. Von der Erzieherin verlangt dies eine gute Wahrnehmung, denn was das Kind spielt und wie es agiert, steht in Bezug zu seinem Erleben. Wichtig im Prozess seiner Trauerverarbeitung ist, dass das, was er ausdrückt, gesehen und aufgenommen und in einen Bedeutungszusammenhang gestellt wird.
Einige Wochen nach dem Tod des Vaters bringt Andreas ein neues Kuscheltier mit: Es ist der kleine Löwe aus dem Walt Disney Film „König der Löwen". Dessen Handlung weist Parallelen zum Erleben des Jungen auf. Der König der Löwen ist gestorben, und der kleine Löwe wird vaterlos, ist aber noch nicht groß genug, um das Reich zu regieren, muss viele Gefahren und Demütigungen durchleiden, bis er am Ende der neue König sein kann.

Dieses Identifikationsobjekt erlaubt dem Kind, mit seinen Trauer- und Verlustgefühlen in Kontakt zu bleiben. Über viele Wochen wird es mitgenommen, wird zum Verbindungsglied zwischen dem Zuhause und dem Kindergarten. Auf der Spielebene kann die Erzieherin mit dem Jungen sprechen. Er erzählt, wie schlimm es für den kleinen Löwen sei, ohne Vater in der Welt zu stehen, weil er nun allein für sich sorgen muss. Auf diese Weise kann Andreas auch die Äußerung der Erzieherin annehmen: „Dem kleinen Löwen geht es wie dir." Kopfnickend stimmt er zu.

Anfangs hatte die Erzieherin Mühe, sich auf die nonverbale Kommunikationsebene einzustellen. Doch gelingt es dem Jungen, sich mit seiner schrecklichen Erfahrung im Kindergarten zu integrieren. Er bleibt sozial eingebunden, seine Weiterentwicklung zeigt keine regressiven Tendenzen. Zu Hause leidet er unter der Vaterferne, reagiert auf jegliche Veränderung im Tagesablauf mit Wutausbrüchen oder Weinen. Der Kindergarten mit seinen stabilisierenden Ritualen bildet eine deutliche Gegenwelt zum Elternhaus. Für das Kind gewinnt die Erzieherin an Bedeutung, weil es mit ihr Erlebnisse teilen kann, die sich in ihrer Qualität unterscheiden von allem, was zu Hause geschieht.

Versteckte Trauer kann nicht immer gefunden werden. Das trauernde Kind ist eines unter vielen innerhalb einer Gruppe.

 

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an Webmaster: flor@online.de 
Stand: April 2015