Home Nach oben Feedback Inhalt    

 Leseprobe

Home
Nach oben

Kinder trauern anders

In der Reihe unserer Emotionen nimmt die Trauer einen wichtigen Platz ein. Aber wir mögen sie nicht. Wir bevorzugen Freude, Lust und Liebe und versuchen die Nähe trauriger Gefühle zu meiden, denn sie bedrücken, beschweren und beeinträchtigen die gewohnte Einstellung dem Leben gegenüber. Und dennoch kommt niemand, der mit dem Tod konfrontiert wird, an dieser Emotion vorbei. Sie ist die angemessene Antwort des Gefühls auf dieses verstörende Ereignis.
Innerhalb einer Familie verarbeiten Kinder und Erwachsene ihren Verlust nicht gleichzeitig, was oft zu Konflikten führt. Das Bild der einheitlich trauernden Familie gibt es nicht, denn die Erwartung, jedes Familienmitglied müsse Zeichen der Trauer ausdrücken, entspricht nicht der Realität. Schnell heißt es dann: „Der oder die trauert nicht richtig!", wenn sich zum Beispiel ein Kind weigert, mit der Familie auf den Friedhof zu gehen, oder ein anderes vom Tisch aufsteht, sobald über den Verstorbenen gesprochen wird.
Das richtige Timing der Trauer gibt es nicht. Wer sich mit dieser Tatsache abfindet, macht einen großen Schritt, um die individuellen Unterschiede in der Familie zu akzeptieren. Jeder Einzelne geht seinen eigenen Weg! Und es ist nicht ungewöhnlich, wenn bei dem einen alles so läuft wie bisher, der andere sich eine Trauergruppe sucht und ein Dritter vielleicht erst nach vielen Jahren zum Trauern findet.
Oft haben besorgte Eltern Angst davor, dass ein Kind, das keine sichtbaren Traueräußerungen zeigt, zwangsläufig in eine Depression geraten würde. Doch dies muss nicht sein, denn Trauer hat ihre ganz spezifische Zeit. Gespräche mit Hinterbliebenen zeigen, wie vielfältig die Landschaft der Trauer ist und wie unterschiedlich die Zeiten und Situationen, in denen sie sich zeigt. Auch später kann sich Trauer wieder melden. Oft steigen an den Gedenktagen im Jahresverlauf Erinnerungen auf und lenken die Gedanken für eine kurze Zeit zu den Verstorbenen.
Trauern ist kein linearer Vorgang mit Anfang und Ende, sondern ein eher zyklisch verlaufendes Geschehen. Wir dürfen nicht aus dem Auge verlieren, dass Trauer ein Ziel hat: Sie will uns den Verlust eines Menschen begreifen lassen und diesem Erlebnis einen Platz in unsrem Inneren einräumen. Das geht nicht von heute auf morgen. Bei allen Prozessen des Abschied-Nehmens kommt es darauf an, sich der Bewegung der Trauer anzuvertrauen. Wenn das gelingt, kann ich mich darauf verlassen, dass sich die Trauer wieder zurückzieht, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt hat. Dann zeigt sich das Leben wieder von einer anderen Seite. Mein Inneres hat sich von der emotional bedeutsamen Erfahrung gelöst, und die Einsicht, dass dieses Verlusterlebnis Vergangenheit ist, hat sich durchgesetzt....

 

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an Webmaster: flor@online.de 
Stand: April 2015