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 Leseprobe

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Gertrud Ennulat
"Ich will dir meinen Traum erzählen" -  Mit Kindern über  Träume sprechen

 

Leseprobe 1

Was erzählt ist, kann sich verändern

Der Umgang mit Kinderträumen darf von ganz alltäglichem Charakter sein. Manchmal genügen die wichtigen Wortwechsel zwischen Tür und Angel. Oft reicht es aus, einem Kind einfach zuzuhören.
Philipp ist ein Junge, der morgens selten ausgeschlafen wirkt. Wenn er dann noch allein vor seinen Hosen und Strümpfen sitzt, wird er von Gähnanfällen heimgesucht, ein Gefühl großer Passivität erfüllt ihn. Wer sich neben ihn setzt, spürt etwas vom Gefühl der Hoffnungslosigkeit, die ihn resignierend im Berg seiner Kleidungsstücke suchen lässt. Die Frage Was hast du denn heute Nacht geträumt? reicht, um ihn zum Erzählen seines Albtraumes zu veranlassen:

Ich war in der Schule, aber da war niemand. Dann bin ich nach Hause, aber da war auch niemand. Dann hin ich in die Praxis vom Papa, aber da war auch niemand. Dann wollte ich zu Freunden, die waren nicht da. Auf der Straße fuhren keine Autos, es waren auch keine Menschen dort. Als ich aufwachte, dachte ich, die Mama ist bestimmt auch nicht da, da bin ich im Bett geblieben.

Philipp belebt sich beim Erzählen, das Erlebnis des totalen Alleinseins in der Welt war nun wenigstens mit einem Menschen geteilt, bedrückte ihn weniger. Er hatte es einfach los und machte sich danach auch etwas weniger verschlafen ans Anziehen, schaffte es auch, die Strümpfe allein anzuziehen, was für ihn eine große Leistung darstellte.
Das Bild kindlicher Verlassenheit in seinem Traum erstaunte mich; ich fühlte sein Alleinsein, das durch das Erzählen ein wenig gelindert wurde, und hatte ihn auf Grund dieses Traumes noch eine ganze Weile in meinen Gedanken.
Am nächsten Tag bat ich ihn, seinen Albtraum vom gestrigen Tag noch einmal zu erzählen. Mit lebhafter Stimme fing er an, doch diesmal mit lachendem Gesicht, denn der Alptraum hatte sich inhaltlich und in seiner Qualität stark verändert:

Ich war in der Stadt, aber da waren keine Menschen, ich konnte mir alles nehmen, was ich wollte, ich konnte es einfach klauen, das fand ich gut. Dann hin ich nach Hause, aber da war niemand. Danach ging ich zum Papa in die Tierpraxis, da war kein Mensch, da konnte ich dann ganz lange mit den Tieren spielen.

Zunächst wollte ich seinen Traum etwas korrigieren, an den negativen Albtraum annähern, doch dann verstand ich, was durch das Erzählen gestern in ihm passiert war. Der mitgeteilte Traum hatte sich in seinem Gedächtnis verändert und weiter entwickelt. Auf einmal war das Alleinsein nicht mehr mit dem Gefühl der Verlassen-heit verbunden, denn der Junge war eher keck und unternehmungslustig mit der Situation fertig geworden. Er nahm sich, was er haben wollte. Von der Schule als Ort der Verlassenheit war nun auch nicht mehr die Rede, denn er hatte ja durch mein Zuhören menschliche Zuwendung erfahren. Aber vor allem war es nun möglich, in der Praxis seines Vaters die vielen Tiere zu entdecken, mit denen er ungestört spielen konnte, sich auf diese Weise viel kuschelige Fellwärme zuführen durfte. In seiner kindlichen Alptraumwelt war durch das Erzählen, Mitteilen, eine Veränderung geschehen. Sein schlechter Traum musste nicht schlecht bleiben, mit einem ihn lange belastenden Gefühlsinhalt; er konnte sich anreichern mit anderen Qualitäten. Auf einmal stand ein unternehmungslustiges Kind im Zentrum des Geschehens, das sich zwar allein, aber neugierig zu den Tieren aufmachen kann, die ihm die Nähe geben, die es braucht.
Das Gefühl der Isolation hat sich verändert, was ein Hinweis darauf ist, dass im seelischen Bereich des Kindes diese Gefühlstönung nicht länger dominiert. Durch das Erzählen und die damit verbundene Aufmerksamkeit ändert sich auch seine Einstellung und Bewertung dem Alleinsein gegenüber. Auf einmal kann er diesem Zustand positive Seiten abgewinnen.
Im zweiten Traumgeschehen wirkt das Kind souveräner, mehr den Realitäten des Lebens zugewandt. Vor allem aber kann es für sich selbst sorgen. Es nimmt sich, was es braucht, hat ein wenig Kompetenz dazu gewonnen.

Anhand dieser sehr alltäglichen Szene wird klar, mit wie geringem Aufwand es möglich ist, einem Kind, das von einem Alptraum blockiert wird, entlastend zur Seite zu stehen. Die Transformation des Erlebens kann geschehen, weil sich das Kind in der Gegenwart eines Erwachsenen äußert. Auf diese Weise können Eltern und Erzieher viel beitragen zur seelischen Stabilität von Kindern.

Leseprobe  2

Die Legende vom Dream-Catcher

Da alles Wachsen eine Erweiterung des Daseins ist, ein Kind unablässig Wachstumsprozesse durchläuft, ist die Angst vor den Veränderungen ein häufiger Begleiter. So gesehen dokumentieren Alpträume mit ihrer großen Dynamik dieses Geschehen und bereiten das Kind gleichzeitig darauf vor.  Eltern haben es in Phasen, in denen das nächtliche Aufschrecken des Kindes aus einem Albtraum auch ihren Schlaf beeinträchtigt, nicht leicht. Der Wunsch, dem Kind beizustehen, meldet sich.
Von einer Möglichkeit der Hilfe soll die Rede sein. Die Legende vom Dream-Catcher führt in die Welt der Indianer. Eine kleine Geschichte erzählt von der Entstehung des indianischen Traumsiebs.

Vor langer Zeit litt eine Familie große Not. Obwohl sie ein gutes Seelenleben führten, waren ihre Nächte von schrecklichen Träumen und Visionen heimgesucht. Der Vater wusste nicht mehr aus noch ein und nahm seine Medizinpfeife und machte sich auf den Weg, um beim Großen Geist Rat zu suchen. Still saß er in der Weite der Prärie, rauchte und hörte auf das Flüstern des Windes.
"Ich kann dir helfen", hörte er. "Wer hat zu mir gesprochen?" fragte der Vater. Als er um sich schaute, bemerkte er eine große Spinne auf einem Grashalm.
"Ich bin es, die dich gerufen hat. Ich habe eine Antwort auf deine Bitten. Ich werde dich meine Medizin lehren. Die Not in deinem Leben kommt nicht von dir. Weil du ein gutes und spirituelles Leben führst, sind die Geister, die nicht in Harmonie um dich herum leben, bestrebt, dich zu zerstören. Es sind schlechte und chaotische Geister, die zu dir im Schlaf kommen."

Als die Spinne dem Vater diese Dinge erzählte, hatte sie angefangen, zwei Grashalme herauszureißen, um sie zusammen zu weben.
"Du musst mir bestimmte Dinge bringen, damit ich dir helfen kann," sagte die Spinne. Der Vater ging weg und brachte, was die Spinne gewünscht hatte. Zuerst legte er die Adlerfedern in das Gewebe. "Diese Federn symbolisieren die Luft und den Geist der Luft", sagte die Spinne.
"Als nächstes muss der Stein ins Gewebe, dieser Stein repräsentiert den Geist der Erde. Dann leg die Muschel ins Gewebe, diese Muschel verweist auf den Geist des Meeres. Zum Schluss muss der Strang Perlen ins Gewebe, diese Perlen wurden im Feuer geformt und symbolisieren die Geister des Feuers. Jetzt nimm diesen Traumfänger, der die Kraft der Erde, des Windes, des Feuers und des Wassers hält. Gib ihm einen Platz über deinem Bett, und du wirst gut schlafen. Weil die friedlichen Geister in gerader Linie reisen können, werden sie dich in deinen Träumen erreichen können. Aber die chaotischen Träume können nicht geradlinig sich ausbreiten und werden im Gewebe gefangen, dort werden sie festgehalten, bis die ersten Sonnenstrahlen sie verbrennen."

Im Stamm der Navajo hängt die Mutter über das Bett eines Kindes ein Traumsieb, um ihm eine Hilfe zur Traumverarbeitung zu geben. Die guten Träume gelangen durch die Maschen des Netzes in die Welt als positive Energien. Die schlechten Träume bleiben zunächst im Netz hängen, vergleichbar den Fischen, die vom Netz des Fischers gehalten werden.
Für das von Ängsten heimgesuchte Kind stellt der Gegenstand des Netzes eine äußere Hilfe dar, welche eine Distanz zum schrecklichen Traumerlebnis schafft. Das schlimme Gefühl, dem das Kind innen ausgesetzt ist, findet außen ein Objekt, welches das Schlimme fängt und festhält. Durch diese Verlagerung nach außen muss das Kind nicht fürchten, dass der böse Geist des Traums erneut zuschlägt. Was draußen einen Platz gefunden hat, fängt an, bewältigbar zu werden, denn es ist gefangen im Netz.  Das Kind kann weiterschlafen. Beim Aufwachen verwandelt sich das Bedrohliche der Nacht durch die Sonne in positive Energie, welche in die Welt fließt. Bei diesem Vorgang findet eine Transformation des dunklen Erlebens ins helle Licht statt.

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Stand: April 2015