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 Leseprobe

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Gertrud Ennulat
Wo die Waldfrau wirkt

Waldminchen  -  Die Herrin der Zeit

 Jetzt geht es tief in den Wald hinein. Einen ganzen Tag lang. Die Bäume werden größer, die Büsche dichter. Und wieder verläuft ein Weg in die Dämmerung und Tiefe des Waldes. Erfüllt von einem fürchterlichen Brausen, zeigt der Wald seine unheimliche Seite. Ähnliches erzählt das russische Märchen Die wunderschöne Wassilissa, wenn es die Ankunft der großen Baba Yaga beschreibt. Bald erhob sich im Wald ein schreckliches Getöse; die Bäume knarrten, das trockene Laub raschelte - die Baba Yaga kam aus dem Wald. Die Naturmutter tritt in ihrer bedrohlich wirkenden Macht und Dynamik auf. Waldminchen erscheint nicht länger als die von Hasen begleitete Waldkönigin. Mit den sich drehenden drei Mühlrädern wird sie zur mächtigen Mutter des Schicksals, die das Rad der Zeit bewegt. Sie kann die Räder anhalten, zurückdrehen oder vorwärtsdrehen. Als Wandlerin des Lebens wandelt sie sich in diesem Rhythmus stetig mit. So verwirklicht sich ihr Wort: Was jung ist, wird alt, was alt ist, wird jung.

 Für eine kurze Zeit möchte ich das Rad des Märchengeschehens anhalten, an diesem Ort in der Tiefe des Waldes, wo sich das Schicksal des Mädchens erfüllt.
Das große Wasser breitet sich aus, erinnert an den Strom des Lebens, an das Wasser als Symbol allen Lebens. Wasser, Sinnbild auch für das Mütterliche, das Unbewusste. Es bewirkt Erneuerung, wenn vorher Trockenheit und Wüste sich ausbreiteten. Am großen Wasser sitzend, bewegen sich die Augen mit der Strömung vorwärts, die Frage taucht auf: Wo bewegt es mich hin? Die gleichmäßige Bewegung der Mühlräder lässt einatmen und ausatmen, eintauchen und auftauchen. Unablässig, rauf und runter, immer wieder, Tag für Tag, Jahr um Jahr. Die kreisenden Räder werden zur Tretmühle des Alltags, mechanisch, gewohnheitsmäßig. Das Rad wird zum ewig kreisenden Gefängnis, aus dem es kein Entkommen gibt. Samsara.

 Groß geworden bin ich in einer Mühle, das rauschend rumpelnde Mühlrad war vertraute Kindheitsmusik. Wenn es sich drehte, wurde das Haus erfüllt von seinen Geräuschen. Das Rad fing an zu sprechen, das Wasser wurde lebendig. Lautes Knarren und Ächzen, Stöhnen drängte mit der Flut des Hochwassers über die Grenze des gewohnten Bachbettes. Die Mühle verwandelte sich in bedrohlich erlebte Wasserflut. War sie vorüber, sprang das helle und klare Wasser von Schaufel zu Schaufel, erzählte lustige Geschichten vom Nöck und anderen Wassergeistern, den Nixen und Wasserfrauen. Die Menschen aus früherer Zeit schrieben dem Wasser, das von den Schaufeln des Mühlrades absprang, Heilwirkung zu. Sie glaubten, das Böse und Schädliche werde von ihnen abprallen, wenn sie es benutzten. Die Wandlungsfähigkeit, welche sich im Bild des Rades ausdrückt, steckt auch im Wasser der Mühle. Große Dynamik wird spürbar. Im Märchen wird sie gesteigert, durch die Dreizahl der Wasserräder. Sie verweisen auf das Schicksal, dem sie seinen Lauf geben.

Waldminchen dreht das Rad der Zeit und bewirkt den ständigen Wandel, in dem sich alles Natürliche befindet. In ihrer Vorwärts- und Rückwärtsbewegung zeigen die Räder, wie relativ alles ist, was mit der Zeit zusammenhängt. Waldminchen mahlt nicht Korn zu Mehl, sondern Menschen. Wen sie durch die Mühlräder dreht, der wird älter oder jünger. Ihre Mühle kann zum Jungbrunnen werden, wo, wie in der Altweibermühle zu Tripstrill, oben alte gebrechliche Menschen hineingeworfen werden, damit sie unten jung und frisch aus der Mühle wieder ins Leben springen.  

Das Motiv der Verjüngung taucht häufig in Märchen auf. Es gibt verschiedene Möglichkeiten: die Zerstückelung und Wiederbelebung wie im Märchen Bruder Lustig( KHM 81), die Verjüngung durch Feuer in einem Glut- oder Schmelzofen, das Jungschmieden, das Verjüngungsbad und die Altweiber-mühle. Letztere war Treffpunkt alter Frauen, die jung gemahlen wurden. Das Gegenstück der Altmännermühle gab es auch.
Die Menschen wurden dabei nicht nur körperlich in ein jüngeres Alter gewandelt, sondern auch in moralischer Hinsicht verbessert. Im Moulin Merveilleux in Epinal wurden die Frauen vom Kaffeetrinken, vom Klatschen und von der Koketterie geheilt.
Waldminchens Wassermühlen erzählen von diesen Vorstellungen der Menschen und zeigen, wie stark das Märchen Brauchtum und Überlieferung widerspiegelt.

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Stand: April 2015