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 Lügengeschichten

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Wenn es Kinder mit der Wahrheit nicht so ernst nehmen

Die Wahrheit ist uns Erwachsenen wichtig. Meist kennen wir kein Pardon, wenn wir Zeuge von Unwahrheit werden. Schnell meldet sich eine innere Richterstimme, die Wahrheitsverdrehungen verurteilt. Wer die reine Wahrheit sagt, nichts als die Wahrheit, ungeschminkt und nüchtern die Realität benennt, gilt als ein wahrhaftiger Mensch.
Im Gegensatz dazu steht die Lüge. Wenn die Sonne der Wahrhaftigkeit scheint, bleibt für die Lüge nur das dunkle und dubiose Abseits. Deshalb werden Lügner als gemein, schmutzig und fies bezeichnet. Wer angelogen wird, fühlt sich verkohlt, das heißt, auf den schwappt etwas über von der dunklen Qualität der Lüge.
In diesem Beitrag geht es um den Umgang mit Lüge und Wahrheit bei Kindern, um die Faktoren ihrer Entwicklung, aber auch um die vielfältigen Störungen im Alltag von Kindertagesstätte und Hort. Kein Kind kommt darum herum, sich im Spannungsfeld von Lüge und Wahrheit zu erproben, um sich seiner Kompetenz als Lügner, Schwindler oder Aufschneider immer wieder zu versichern und auf diese Weise die schwierige Unterscheidung von Lüge und Wahrheit zu lernen.
Da ich eines jener Kinder war, das gelogen und gestohlen hat, aber dann doch nicht - wie die Erwachsenen prophezeit hatten - vom Teufel geholt wurde, habe ich viel Sympathie für die Kinder, denen ihre Fantasie, ihre seelische Notlage und ihre Freude am Fabulieren einen Weg vorgibt, der sie bei Erwachsenen immer wieder in Misskredit bringt. Andererseits teile ich die Haltung der Erwachsenen, die oft verunsichert vor einem Dreikäsehoch stehen, der mit ehrlichem Gesicht standhaft leugnet, was er noch eben gesagt hat.

Erwachsene und Kinder im Spannungsfeld von Lüge und Wahrheit

Während in früheren Jahren die strikte Einhaltung des Gebotes »Du sollst nicht lügen!« auch für Kinder galt, geht es heute mehr darum, herauszufinden, wieso ein Kind der Forderung nach der Wahrheit nicht nachkommen kann. Kinder werden also nicht länger mit dem Prügel eines ethischen Rigorismus klein gemacht, denn Wahrhaftigkeit ist kein Besitz, sondern muss immer wieder neu erworben werden. Misserfolge bleiben nicht aus und können leichter toleriert werden, wenn sich die Erwachsenen von eigenen rigorosen moralischen Kategorien frei machen. Was geschieht mit einem Erwachsenen, der von einem Kind angelogen wird? In erster Linie ist er enttäuscht, oft auch wütend. Das fehlerhafte Verhalten des Kindes konfrontiert ihn auch mit eigenen Fehlern im Umgang mit Lüge und Wahrheit. Das gilt es zu akzeptieren.
Vor allem aber sieht er sich getäuscht. Jetzt kann ich mich nicht einmal mehr auf dich verlassen! Die bisher verlässliche Beziehung des Erwachsenen zum Kind hat einen Makel bekommen.
Eine Erzieherin berichtet: »Tagelang hat uns der fünfjährige Ali an der Nase herum geführt. Er erzählte immer wieder von seinem an Krebs erkrankten Onkel in der Türkei, und die Kinder der Gruppe nahmen viel Anteil. Als ich seine Mutter darauf ansprach, fiel ich aus allen Wolken, als ich erfuhr, der Onkel erfreue sich bester Gesundheit.«
Fast zwei Wochen lang hatte der Junge konsequent seine Geschichte vom krebskranken Onkel erzählt. Damit hatte er die Erzieherin sehr verunsichert, denn dass ein Kind aus ihrer Gruppe so gekonnt lügt, passte nicht in ihr Selbstbild. Prompt stellte sie ihre berufliche Kompetenz in Frage, weil sie dem Schlingel nicht gleich auf die Schliche gekommen war.
Was aber hat Ali dazu bewogen, eine Lügenstory zu erzählen? Diese Frage stellen sich Erzieherinnen, die davon ausgehen, dass sich hinter jeder Lüge ein bewusstes oder unbewusstes Motiv verbirgt. Ihr kriminalistisches Bemühen um Aufklärung führt jedoch nicht immer zum Ziel; dafür steht es oft in der Gefahr, lügenden Kindern Motive zuzuschreiben, die nur theoretisch stimmig sind. Auf das Verhältnis von Kind und Erwachsenem fällt ein Schatten des Misstrauens. Das Kind wird vermehrt beobachtet und seine Verhaltensweisen werden kritisch hinterfragt. Es fühlt sich unsicher und hat Mühe, nach seinem Ausflug ins Lügenland wieder in sein seelisches Gleichgewicht zu kommen.
Wer Alis Geschichte weniger unter dem Aspekt der Lüge anhört, sondern von einem differenzierteren Standpunkt aus zu ihm blickt, der staunt vielleicht über die Fähigkeit des Kindes, das zwei Wochen lang an einem inneren Plot dran bleiben kann, erkennt aber auch, dass diese geflunkerte Story auf das Ziel hinausläuft, entdeckt und zurechtgerückt zu werden. Die Wahrheit will am Ende ans Licht, und die Vorstellungswelt des Jungen kann sich neuen Inhalten zuwenden. Beim nächsten Faden, der für eine Story gesponnen wird, kann die Erzieherin mit Gelassenheit reagieren und muss ihre fachliche Kompetenz nicht mehr in Frage stellen.

Die Entwicklung des kindlichen Unterscheidungsvermögens von Lüge und Wahrheit

Bei Kindern im Kindergartenalter gibt es noch keine stabilen Grenzen zwischen Fantasie, Wunsch und Wirklichkeit. Sie erleben ihr kindliches Territorium als eine Einheitswirklichkeit. Dort leben sprechende Tiere, allmächtige Menschen und sich bewegende Gegenstände in einem lebendigen Miteinander. Sie variieren Form und Aussehen gemäß dem Willen des Kindes, und das Kind erlebt sich als allmächtigen Schöpfer seiner Welt.
Mit dem Vorschulalter nimmt diese Fähigkeit ab. Dabei verfügen einige Kinder länger über die Kraft, sich die Welt nach ihrem Bilde zu schaffen, als andere. Wenn es für sie unangenehm wird, gehen sie auf die innere Tauchstation und stärken durch die Umdeutung der Wirklichkeit ihr Selbstbewusstsein. Im Alter bis fünf oder sechs Jahren ist es deshalb falsch, ein Kind als Lügner zu bezeichnen.
Gibt es demnach überhaupt Lügner im Kindergarten? Aber so einfach ist es auch nicht, denn lange bevor Kinder aus der Welt ihrer Größenfantasien herausgewachsen sind, kommen sie in Kontakt mit dem für sie schwierig zu begreifenden Sachverhalt der Lüge. Dieser Begriff schwirrt als Anschuldigung durch den Raum und landet im kindlichen Gedächtnis, auch wenn es noch in dem Alter ist, in dem Lügen kurze Beine haben dürfen.
Kinder im Vorschulalter (mit einer extra Portion Toleranz für die besonders Fantasiebegabten) neigen zu Konfabulationen, das heißt, sie können unterschiedliche Ereignisse zeitlich zusammenziehen. Auf die Frage: »Was hast du gestern mit deiner Freundin gespielt?« antwortet ein Kind vielleicht mit einer Geschichte aus dem Hier und Jetzt und überträgt diese automatisch auf gestern. Die Freundin dagegen bastelt dank ihrer Fähigkeit zur Konfabulation eine ganz andere Geschichte, denn wer außer den Erwachsenen ist schon an der Realität interessiert? Taucht dann zum ersten Mal das Wort Lüge oder Wahrheit auf, beginnt ein wichtiger Abschnitt im Prozess der Gewissensbildung.
Erste Annäherungen an den Bereich der Lüge machen Kinder mit Hilfe der Sprache. Auf der Straße, zu Hause oder in der Kindertagesstätte kreisen sie das Phänomen Lüge sprachlich ein. Sie schaffen sich stetig neue Anlässe, um den Begriff anzuwenden, konkretisieren auf diesem Weg die Erscheinungsweisen der Lügenanlässe und erweitern ihr Weltwissen um ein beträchtliches Stück. Dabei bekommen sie auch eine erste Ahnung davon, dass Lügen, Wahrheit und alles, was damit zusammenhängt, keine einfachen Dinge sind.
Das älter werdende Kind erfasst die Welt zunehmend realistischer. Dabei hat jedes Kind seine ganz spezifische Übergangszeit, in der es Abschied von seiner magisch orientierten Weltauffassung nimmt und seine Allmacht als begrenzt erfährt. In dieser sensiblen Übergangszeit inszeniert es häufig Situationen, in denen es in Zusammenhang mit einer Lüge ertappt wird. Es lügt in diesem Alter jedoch nicht, um der Erzieherin eins auszuwischen. Es will vielmehr darauf hinweisen: Ich bin dabei, eine weitere Hürde auf meinem Weg der Welteroberung zu nehmen. Ich will verstehen, was Lüge ist und wieso es so unangenehm sein kann, bei einer Lüge erwischt oder von anderen Kindern belogen zu werden.
In dieser Übergangszeit taucht häufig die Frage auf: »Stimmt das?« Das Kind will bereits im Vorfeld geprüft haben, ob etwas wahr ist oder nicht. Nur ein Kind, das diverse Misserfolge im Umgang mit dem Lügen hinter sich hat und dadurch über eine differenziertere Unterscheidung von Lüge und Wahrheit verfügt, kann diese Frage stellen. Häufig schließt es seine Aussagen mit dem Nachsatz: »Das hat mein Papa gesagt!« oder »Meine Erzieherin sagt das!« Mit der Berufung auf den wertgeschätzten Erwachsenen wappnet es sich gegen die latente Angst, als Lügner dazustehen.

Dürfen sich Erwachsene durchs Leben mogeln?

Jeder Erwachsene hatte als Kind seine Mühe mit dem Gebot »Du sollst nicht lügen!« Das war meistens dann der Fall, wenn sichtbar wurde, dass die Großen ja gar nicht tun, was sie sagen. Trotzdem geht die Mehrzahl der Erwachsenen sehr schwammig mit dieser moralischen Forderung um. Es bleibt nicht aus, dass Kinder dies mitbekommen und dadurch verunsichert werden.
Kritische Kinder fragen dann nach, wieso aus dem Unmut des Vaters über den drohenden Besuch eines ungeliebten Verwandten schlagartig Freundlichkeit wird, sobald der in der Tür steht. Ganz mutige und Wahrheit suchende Kinder platzen in solche Situationen gerne hinein und messen den Erwachsenen an seinen Worten. »Mein Papa hat vorhin gesagt, dass er dich gar nicht mag!« Was oft als vorlaute Ungezogenheit gebrandmarkt wird, entspringt dem Wunsch des Kindes nach Authentizität: Ich will wissen, woran ich bin!
Eine Begebenheit wie diese beeinträchtigt das Vertrauen des Kindes. Mit argumentativen Klimmzügen ist dagegen nicht anzukommen. Da helfen nur neue Erfahrungen, bei denen das Kind den Erwachsenen als stimmig erlebt. Wenn gegenseitiges Vertrauen in der Beziehung wieder die Oberhand hat, darf dem Erwachsenen auch ein Zacken aus der Krone fallen, wenn er sein geheucheltes Verhalten dem Kind gegenüber als nicht gut bewertet. Das hat nichts mit Anbiederung zu tun, zeigt aber dem Kind sehr deutlich, dass auch die Großen Fehler machen und es keine Schande ist, dies zuzugeben.

Lügen als Signale der Not

»Jetzt hat der Max doch wieder gelogen. Ich habe genau beobachtet, wie er der kleinen Tina die Schaufel auf den Kopf geschlagen hat. Aber der Bengel lügt und sagt, er sei es nicht gewesen. Wieso kann er nicht zu dem stehen, was er getan hat?« Eine bemühte und entrüstete Erzieherin macht sich Luft. Immer wieder gibt es Probleme: Max tut den anderen Kindern weh, zeigt jedoch keinerlei Einsicht in sein Tun, sondern steht wie unbeteiligt daneben.
Max gehört zu den Kindern mit sehr geringer Frustrationstoleranz. Er kann keine Fehlhandlungen zugeben und hält es nicht aus, wenn ihn andere kritisieren. »Max kneift«, sagen die Kinder der Gruppe, »der verschwindet einfach aufs Klo, wenn ihm etwas nicht passt!« Durch dieses Verhalten schützt sich der Junge vor Situationen, die er emotional nicht aushält. Während andere Kinder lernen, sich nach ertappten Unwahrheiten der Scham auszusetzen, ihr Vergehen vielleicht sogar zugeben und sich nicht im Schmollwinkel verkriechen, ist Max für diesen Lernschritt nicht bereit. Negative Befindlichkeiten sind für ihn so bedrohlich, dass er lügen muss.
Ein solches Kind ist an manchen Tagen ein harter Brocken für die Erzieherin. Die Dinge müssen beim Namen genannt werden - das ist sie dem betroffenen Kind und den zuschauenden Kindern schuldig. So wird die Rolle des Erwachsenen zu der eines Schlichters oder Richters. Das brauchen Kinder, damit sie zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden lernen. Damit wächst ihre Bereitschaft zu Verzichtsleistungen, die das Größerwerden von ihnen fordert.
Im Gespräch mit der Mutter hört die Erzieherin von den drastischen Strafen, die Max erleidet, sobald sein Verhalten nicht in den rigiden Verhaltenskodex des Vaters passt. Dieser spricht mit seinem Sohn tagelang nicht mehr. Seine Mutter versucht, diese harte Behandlung auszugleichen, indem sie dem Jungen alles durchgehen lässt. Max steckt also im Dilemma zwischen der ihn emotional überfordernden Strenge des Vaters und der grenzenlosen Nachsicht der Mutter. Er stellt sich cool und leugnet im Kindergarten seine Taten. Bei diesem Jungen bewahrheitet sich der Satz »Wer lügt, der ist in Not«.
Wer als Erwachsener die Signale der Not hinter der Lüge eines Kindes sieht, ist weit entfernt davon, es bloßstellen zu wollen. Hilfreich kann ein innerer Dialog mit dem Kind sein: »Du hast mich angelogen, und ich lasse mich von deiner Lüge zu deiner inneren Not führen!« Wer die Lüge eines Kindes auf diese Art und Weise angeht, akzeptiert ihre besondere Funktion. Das Kind kann sich entlastet fühlen und antwortet: »Ich kann es nur auf diese Weise sagen. Hilf mir, es besser sagen zu können!«

Die Macht der Lügen

Kinder im Hort und in der Grundschule erweitern ihre Kompetenz im Umgang mit der Lüge, indem sie diese bewusst als Mittel der Macht einsetzen Auf der einen Seite kann ein Kind zum Opfer unwahrer Aussagen werden, die von anderen Kindern gezielt eingesetzt werden. Wenn es auf der anderen Seite Lüge mit Lüge beantwortet, erschweren die Lügengespinste den Umgang miteinander. Wer in seinen Äußerungen von anderen verfälscht wird, der schämt sich, fühlt sich ungerecht behandelt und leidet unter der eigenen Wertminderung. Wenn diese Kinder dann auch noch zu Unrecht bestraft werden, erfahren sie schmerzhaft, welche Macht eine Lüge haben kann. Schnell sind so Rachegefühle geweckt.
Im Umgang mit Erwachsenen greifen größer werdende Kinder manchmal zu einer Lüge als Ausdruck ihrer zunehmenden Eigenständigkeit. Sie gehen das Risiko ein, ausgeschimpft zu werden und bestehen auf ihrer eigenen Sichtweise. Nicht selten ergreifen Kinder, deren Lügengeheimnis respektiert wird, nach einer Weile von sich aus die Initiative, um die falschen Aussagen wieder zurechtzurücken. Es macht eben auch Spaß, die Erwachsenen hereinzulegen!

Der Fantasiegefährte, das zweite Ich

Bei manchen Kindern geschieht in Umbruchzeiten etwas Aufregendes: In ihrer Fantasie entsteht ein zweites Ich. Bei der sechsjährigen Luisa ist es einfach die andere Luisa. Bei Unannehmlichkeiten, die eigentlich sie zu verantworten hat, sagt sie lachend: »Das war die andere Luisa! Die hat doch das Glas zerbrochen und gibt das nicht zu.« Ganz schön raffiniert, denkt der Erwachsene: Da erschafft sich die kindliche Fantasie einen Gefährten, dem es alles Fehlverhalten zuschreiben kann, um sich selbst zu entlasten.
Solche Aufspaltungen tauchen bei Kindern viel häufiger auf, als Erwachsene denken. Aber nicht jedes Kind spricht darüber. Manches hat vielleicht Angst, lächerlich gemacht zu werden oder ahnt die abwertende Einstellung der Großen und hält vorsichtshalber den Mund.
Für die Entwicklung und Identitätsfindung eines Kindes können solche unsichtbaren Freunde eine förderliche Wirkung haben. Luisa hat die andere Luisa als innere Gesprächspartnerin und verfügt dadurch in Konfliktsituationen über die Möglichkeit, auf Distanz zu sich zu gehen. Die andere Luisa gehört eine Zeit lang zu den inneren Symbolen, die an der Ausbildung ihrer Identität mitarbeiten.
Da die meisten Erwachsenen vergessen haben, wie belebt ihre Fantasie im Kindesalter war, neigen sie sehr schnell dazu, diese Dopplung des Ich als abwegig und krankhaft anzusehen und meinen, das müsse dem Kind ausgetrieben werden. Das ist nicht gut. Besser ist es, wenn das Kind sowohl Akzeptanz als auch Respekt vor diesem Phänomen erfährt. Die in Umbruchsituationen auftauchenden Fantasiegefährten helfen dem Kind, sich neu zu orientieren und ermöglichen ihm die notwendige Anpassungsleistung. (Allerdings kann es uns Erwachsene manchmal ganz schön nerven, wenn die andere Luisa bei Alltagsentscheidungen ebenfalls berücksichtigt werden muss.)
Kurz vor der Einschulung erfand mein Enkel Jonas die Gestalt eines faulen Engels, der einfach nicht tut, was er soll und es mit der Wahrheit nicht sehr genau nimmt. Als ängstliches Kind mit einem großen Bammel vor der Schule, schuf er sich eine Helfergestalt, die zum Sündenbock für seine schwachen Seiten wurde. Immer, wenn in Jonas' Innerem das Lustprinzip und die Anforderungen der Realität sich feindlich gegenüber standen, war für den Erwachsenen das Gespräch mit dem faulen Engel sehr konstruktiv. Sobald der auf der Reihe war, musste der Junge seine Pflichten nicht mehr verleugnen.

Besuch vom Lügenfresser

In einer Kindergruppe greift die Erzieherin das Thema Lügen auf. Zunächst verzichtet sie auf die direkte Konfrontation. Statt dessen erzählt sie den Kindern von einem Wesen, das sich nicht von Brot und Fleisch ernährt, sondern am liebsten Lügen frisst. Schnell fängt ein intensives Gespräch an, denn wer weiß, wie Lügen schmecken? Ob die alle gleich schmecken? Und wie sieht eigentlich so ein Lügenfresser aus? Diese Frage kann nur beim Malen beantwortet werden. Dabei wird deutlich, dass manche Kinder ein kleines Lügenfresserchen dem großen Ungeheuer vorziehen. Für die kleinen Lügen ist dann das Lügenfresserchen zuständig, die schlimmen Lügen verschlingt der große Lügenfresser.
Wenn dieses Fantasiewesen in der Vorstellungswelt der Kinder zu Hause ist, bleibt die Energie der Ausdrucksverfälschungen Schwindeln, Aufschneiden und Lügen nicht als Belastung im Raum hängen. Sobald sich mal wieder zwei Kinder gegenseitig der Lüge bezichtigen, sorgt der große oder kleine Lügenfresser für eine gereinigte Atmosphäre.

Pinocchio ist besser als sein pädagogischer Ruf

Er ist in die Jahre gekommen, der kleine Kerl, dessen Nase sich verändert, sobald er lügt. Aber er fasziniert Kinder immer wieder. Auch wenn wir heute weit weg sind von den Erziehungsnormen der Entstehungszeit Pinocchios, haben Kinder Gefallen an dem hölzernen Bengel, weil bei allem Spaßhaften das Element der Angst beigemischt ist. Und Angst müssen Kinder im Umgang mit Lüge und Wahrheit immer wieder aushalten. Wer kann am besten lügen? Der Sieger bekommt Pinocchios Nase aufgestülpt und setzt sich damit Gefühlen der Beschämung aus. Kann darüber in der Gruppe gesprochen werden, haben Kinder viel gelernt im Umgang mit der Lüge.

Ausblick

Kinder haben bei allen Versuchungen zu lügen, zu schwindeln, es mit der Wahrheit nicht so ernst zu nehmen, einen sicheren Instinkt für das, was wahr ist. Tief in ihrem Herzen sitzt das Wissen um das Gute und ermöglicht ihnen immer wieder, dem Bösen auf die Spur zu kommen und an das Gute zu glauben. Auch wenn sie mit dem Ende der Kindergartenzeit viel von ihrer kindlichen Unschuld verloren haben, strahlt der Stern der Wahrhaftigkeit dennoch aus ihnen heraus.

(Welt des Kindes - Spezial 4/2003)

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Stand: April 2015