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Leseprobe

Gertrud Ennulat:
Kinder trauern anders - Wie wir sie einfühlsam und richtig begleiten

Rezension von Prof. Dr. Hans Goldbrunner

In: socialnet Rezensionen unter http://www.socialnet.de/rezensionen/3504.php

 

Einführung

Es wird heute kaum bestritten, dass Trauer sehr unterschiedliche Facetten aufweist und unterschiedlich verlaufen kann. Einschneidende Verlusterfahrungen werden so persönlich verarbeitet, wie es unterschiedliche Menschen gilt. Daraus ergeben sich jedoch Probleme, sich in die Trauer anderer hinein zu versetzen und Beistand zu leisten. Das gilt besonders für die Art, wie Kinder trauern. Es ist sicher nicht zufällig, dass Kindertrauer ein lange vernachlässigtes Forschungsgebiet war. Auch heute noch sind recht wenig gesicherte Aussagen verfügbar. Die Trauer von Kindern läuft in der Praxis nicht nur Gefahr, von Erwachsenen übersehen, sondern auch falsch beurteilt zu werden. Als Gegenreaktion finden sich in der Ratgeberliteratur nicht selten Tendenzen, sich völlig auf die Trauer von Kindern zu konzentrieren und den nicht weniger betroffenen Angehörigen Direktiven für "richtige" Begleitung zu geben, die diese überfordern und letztlich ihre Schuldgefühle vergrößern, wenn ihnen einsuggeriert wird, schlechte Eltern zu sein.

Frau Ennulat schlägt einen anderen - und wie ich meine - praktikableren Weg ein. Ihr geht es vor allem darum, das unverständliche Verhalten von Kindern zu entschlüsseln und Kinder einfühlsam zu begleiten. Der Untertitel "richtig begleiten" scheint diese Absicht etwas zu verschleiern. Die Verfasserin argumentiert auf dem Hintergrund der personenzentrierten Beratung nach Carl R. Rogers, der davon ausgeht, dass eine empathische Grundhaltung und Begleitung ausreichen, damit sich die Persönlichkeit entfalten und Belastungen bewältigen kann. Die Anlehnung an Rogers kommt auch darin zum Ausdruck, dass sich Frau Ennulat auf Gespräche mit Kindern konzentriert, wobei die Technik des Spiegelns, der verbalen Rückmeldung, eine zentrale Rolle einnimmt.

Aufbau und Inhalt

In Übereinstimmung zu dem angedeuteten theoretischen Bezugsrahmen, der im Buch allerdings nicht thematisiert wird, beginnt Frau Ennulat mit einem Kapitel über Sprachschwierigkeiten, in dem Sprachmuster einer blumigen Erwachsenensprache und deren Auswirkungen auf Kinder angekreidet werden. Die Kunst der direkten Antwort auf die überraschenden Fragen der Kinder sowie das Anliegen, Kindern zu verstehen, wie sie selbst den Tod fantasieren, sind weitere aufschlussreiche Teile dieses Kapitels. Im Folgenden werden verschiedene Todesarten bearbeitet, von denen Kinder betroffen sein können:

Der Tod von Haustieren,
der Tod von Großeltern,
der Tod von Eltern,
der Tod von Geschwistern,
der plötzliche Tod,
und schließlich das sehr persönlich gefärbte Kapitel über Selbsttötung.

Es geht dabei auch darum, den zunehmenden Schweregrad der Trauer zu demonstrieren. Ich vermisse hier die Trauer nach Trennung und Scheidung der Eltern, von der heute sehr viele Kinder betroffen sind, welche allerdings noch ganz andere Probleme zum Vorschein brächte. Eingeschoben wird ein Teil "Kinder trauern anders", in dem spezifische Merkmale der Kindertrauer in Abhebung von der Erwachsenentrauer hervorgehoben werden. Im Mittelpunkt stehen hier die Gefühle und das Aussprechen der Gefühle, auch wenn eingestanden wird, dass sich insbesondere kleine Kinder mehr über den Körper ausdrücken als über Worte.

Diskussion - Einschätzung

Es ist nicht möglich, die zahlreichen und sehr lebendig beschriebenen Facetten des kindlichen Trauerns aufzuzählen, in denen auf die Vielfalt der emotionalen Reaktionen und Verarbeitungsversuche auf Todeserfahrungen eingefangen wird. Frau Ennulat verfügt über ein breites Spektrum an Erfahrungen, überwiegend aus der Erwachsenenbildung, aber auch aus dem persönlichen Umfeld, das sie in einer Menge an Praxisbeispielen entfaltet. Das Buch lebt davon, dass präzise, ungeschminkt, aber erfreulich sachlich zentrale Probleme der Verlustverarbeitung mit Hilfe von Fallvignetten vor Augen geführt werden, die die Komplexität von Trauersituationen rasch veranschaulichen. Die Darstellung weist Anklänge an eine sorgfältig recherchierte Reportage auf, bei welcher der Reporter die Zuschauer nicht mit eigenen Monologen überschüttet, sondern seine Botschaft mit Hilfe der ausgewählten Szenen vermittelt. Die eigenen Verallgemeinerungen halten sich dezent im Hintergrund. Die Absicht, die Realität selbst sprechen zu lassen und die eigene Sicht als eine Art Vergrößerungsglas einzusetzen, um spezifische Merkmale der Kindertrauer deutlich vor Augen zu führen, ist gut gelungen. Neben der Trauer von Kindern, die im Zentrum steht, wird auch überzeugend vermittelt, dass auch die übrigen Familienmitglieder involviert sind und sich gegenseitig beeinflussen. Hervorheben möchte ich vor allem das Bemühen, die Angst vor dem Tod zu nehmen und Trauer als etwas Normales zu beschreiben, wobei sogar für komplizierte Konstellationen erstaunlich einfach erscheinende Erklärungen und Lösung angeboten werden.

In dieser Einschätzung wird bereits deutlich, für welche Zielsetzung sich dieses Buch besonders eignet. Es kann als verantwortungsbewusster Ratgeber bezeichnet werden, der keine billigen Rezepte verkauft, sondern an die eigene Wahrnehmung und Gefühle der Leser appelliert und sie gleichzeitig ermutigt, in einer unterstützenden Form auf Kinder zuzugehen, ohne ihnen etwas aufdrängen zu wollen. Eher an wissenschaftlichen Fragestellungen interessierte Leser werden durch die Darstellung sicher eher verwirrt, da der theoretische Bezugsrahmen nicht offen gelegt wird. Die Bevorzugung des verbalen Kanals hat sicher unverkennbare Vorteile, hilft jedoch vermutlich solchen Betroffenen wenig, die sich verbal weniger gut ausdrücken können. Aber auch Personen, die dazu tendieren, alles zu zerreden, ist dieses Buch kaum zu empfehlen, da sie es benutzen (missbrauchen) werden, ihre verbalen Fähigkeiten noch mehr zu perfektionieren - und sich damit vielleicht von dem unmittelbaren Erleben noch weiter weg zu reden. Kompliziertere Trauerverläufe werden nur am Rande erwähnt, was allerdings auf Grund der Anlage des Buches verständlich ist.

Fazit

Es handelt sich hier um einen recht anspruchsvollen Ratgeber, der sich an alle wendet, die mit der Trauer von Kindern befasst sind. Er bietet differenzierte Zugänge zum besseren Verstehen des kindlichen Verlustschmerzes und weist zahlreiche Wege auf, Kinder auf ihrem schwierigen Weg des Trauerns, auf dem sie leicht übersehen werden, zu begleiten und ihnen zu helfen, den Prozess der Trauerarbeit angemessen zu durchlaufen und sich in der Realität ohne die verlorene Person zurecht zu finden.

 

Rezension von Monika Scholz-Bauer

In: AKF-Literaturdienst, Heft 3/2003, herausgeg. von der Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung

Wenn Beziehungen plötzlich zu Ende gehen, verändert sich die Welt für Kinder und Erwachsene. Letzteren fehlt dabei oft das Bewusstsein für die Trauer der Kinder und auch die Kraft, auf sie einzugehen. Kein Wunder, dass Kinder sich dann allein gelassen und vergessen fühlen und ihren Phantasien und Ängsten hilflos ausgeliefert sind. Dabei sind es nicht zuletzt auch kindliche Trauererfahrungen, die unser späteres Trauerverhalten als Erwachsene entscheidend prägen. Die Autorin zeigt Wege auf, sich mit der Trauer von Kindern auseinander zu setzen. Das beginnt bei den Sprachschwierigkeiten zu so brisanten Themen wie Altern, Sterben und Tod innerhalb der Familie (was und wie sage ich dem Kind?). Sie räumt dabei auf mit falsch verstandenen Rücksichten. Sie klärt darüber auf, dass Kinder ein eigenes Trauererleben entsprechend ihrem Entwicklungsstand haben und ihr Empfinden dem der Erwachsenen nicht gleichgesetzt werden darf. Erste Verlusterfahrungen werden gewürdigt (wenn ein Haustier stirbt). Schrittweise werden Erfahrungen von Tod in der Familie (Tod der Großeltern, eines Elternteils, eines Geschwisters) aus kindlichem Erleben betrachtet. Schwierige Themen wie plötzlicher Tod oder Selbsttötung werden dabei nicht ausgegrenzt. Kindgerechte Begleitung, behutsam, jedoch ohne Beschönigung wird vermittelt. Dabei veranschaulichen Beispiele die Theorie.

Überhaupt ist spürbar, dass die Autorin, wie sie mitteilt, aus eigener (kindheitlicher) Betroffenheit wissen lässt. Ihr Anliegen ist es, dem Tod als natürlichem Bestandteil unseres Lebens wieder den Platz einzuräumen, der ihm gebührt, und Familien zu ermöglichen, eine eigene persönliche Trauerkultur zu entwickeln. Ein unbedingt zu empfehlender Ratgeber für Familien, Erzieher und alle an Kindern Interessierten. 

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Stand: April 2015